Hitlers letztes Aufgebot

Oerlinghausen war im Dezember 1944 einer der Startpunkte für die Ardennen-Offensive

 

Der Segelflugplatz Oerlinghausen steht heute für ein ganz besonderes Freizeitvergnügen. Die Wehrmachtssoldaten, die hier vor 71 Jahren in die Transportflugzeuge stiegen, dürften dagegen eher Todesangst gehabt haben.

Oerlinghausen. Nur wenige Lichter waren zu sehen - in der Nacht vom 16. auf den 17. Dezember 1944 kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Doch starker Motorenlärm von vielen Flugzeugen ließ die sandige Startbahn in Oerlinghausen fast erbeben. Eine JU 52 nach der anderen, die letzten noch unzerstörten Transportflugzeuge der Luftwaffe, erhob sich schwerfällig in die Dunkelheit und nahm Kurs Südwest.

Die mehr als 30 Flugzeuge waren voll mit deutschen Fallschirmjägern in Tarnanzügen, die in Richtung südliches Belgien - in der Nähe der Ardennen - transportiert wurden. Sie hatten den Auftrag, hinter den Linien der Alliierten abzuspringen und die Front der Amerikaner und Briten von hinten her zu vernichten. Eine katastrophale Fehlplanung, wie sich zeigen sollte.

Oerlinghausen und der Segelflugplatz standen schon in den Wochen zuvor im Mittelpunkt von intensiven militärischen Manövern. Etwa 1.200 Fallschirmjäger waren im Raum der Bergstadt zusammengezogen worden; zumeist noch unerfahrene junge Soldaten, die nun im Schnellverfahren auf die Großoffensive der Wehrmacht in den Ardennen vorbereitet wurden. Zeitzeugen berichten von Soldaten-Gruppen mit rußgeschwärzten Gesichtern, die in Oerlinghausen Straßenkämpfe übten.

Wenige Tage vor dem Weihnachtsfest 1944 kam der Startbefehl für die Fallschirmjäger in der Bergstadt und einigen anderen Flugplätzen in der Region. Denn in den Ardennen hatten die Kampfpanzer und Truppen der Wehrmacht mit der Offensive begonnen. Doch die großangelegte Luftlande-Aktion endete in einem Desaster.

Nicht einmal die Hälfte der Fallschirmjäger aus Ostwestfalen erreichte aus verschiedenen Gründen die vorgesehene Absprungposition in Südbelgien. Zum Teil war - wegen der Überladung der Flugzeuge - die Marschgeschwindigkeit zu gering, und die Leuchtmarkierungen auf dem Boden in den Ardennen waren schon erloschen. Nicht zuletzt herrschte an diesem Tag ziemlich starker Wind, so dass viele Fallschirmjäger weit aus dem vorgesehenen Landequadrat herausgetrieben wurden. Es war deshalb schwer für die Soldaten, wieder Anschluss an eine funktionierende Einheit zu finden.

Der stark dezimierten Gruppe um Oberst von der Heydte ging bereits nach kurzer Zeit Munition und Verpflegung aus, denn sie konnten nicht zu den übrigen deutschen Bodentruppen vorrücken. Nach wenigen Tagen löste der Kommandant die Kampfgruppe in Belgien auf und befahl seinen Fallschirmjägern in Gruppen von zwei bis drei Soldaten, sich nach Osten ins Reich durchzuschlagen. Das war das tragische Ende des letzten Aufgebots an Fallschirmjägern an der Westfront, das auch in Oerlinghausen seinen Anfang genommen hatte.

Die Ardennen-Offensive Ende 1944 war einer der letzten Versuche von Hitler-Deutschland, den westalliierten Kräften im Süden Belgiens eine große Niederlage zuzufügen und den Hafen von Antwerpen zurückzuerobern. Ohne den Hafen hätten die Alliierten im Zweiten Weltkrieg nicht die Nachschubmengen anlanden können, die sie für ihren weiteren Vormarsch brauchten. Parallel dazu ordnete Hitler eine Offensive im Raum Elsass-Lothringen an. Beide Unternehmungen scheiterten und kosteten Zigtausende von Soldaten auf beiden Seiten das Leben.

[Bild: Der Oerlinghauser Segelflugplatz 1945: Die Flugzeughallen standen noch am früheren Flugfeld am Ende der Straße "An der Bleiche" (gegenüber vom heutigen Holz-Heizkraftwerk). Der neue, heutige Platz - etwa 1,5 Kilometer weiter südöstlich - wurde seinerzeit aber auch schon für Windenstarts der Segelflieger genutzt. Und für den Start zur Ardennen-Offensive.]

[Bild: Eine Ju 52: 30 Maschinen dieses Typs starteten im Dezember 1944 in Oerlinghausen.]