Die Eiche ist gefällt

Die Freiligrath-Eiche

 

Wir leben in einer Zeit wo sich viele Menschen und Behörden bemühen Bau- und Naturdenkmale zu erhalten, denn nach uns kommen ja auch noch einige Generationen. Manchmal hat man allerdings den Eindruck als wenn wir die letzten wären. Wenn sich ein Denkmal in öffentlicher Hand befindet, ist der Schutz geringer. Unsere gewählten Vertreter sollten manchmal bessere "Hüter" sein.

Nun zur Eiche selbst. Die Ereignisse um die Freiligrath-Eiche im Jahre 1869 sind im Jahre 1929 zur 60-jährigen Wiederkehr des Tages von August Reuter aufgezeichnet worden und ich gebe sie gekürzt wieder.

Am 20. Juli jährt sich zum 60. Male ein Tag den wir nicht ohne kurzes Gedenken vorübergehen lassen sollten. Vor 60 Jahren schlugen die Herzen unserer Väter und Großväter einem Manne entgegen, der nach 20-jähriger Verbannung nach Deutschland zurückgekehrt war: Ferdinand Freiligrath

Hochherzige Freunde des Dichters hatten die Mittel gesammelt, die es dem Verbannten ermöglichten England zu verlassen, um in Cannstatt ein neues Heim zu gründen. Es wehte ein anderer Wind als vor 20 Jahren, und die Revolutionäre von 1848 waren Volkshelden geworden.

Die engere Heimat wollte den Freiheitsdichter besonders ehren. Emil Rittershaus, der begeisterte Sänger der Roten Erde und Richard Wehn in Bielefeld bereiteten einen frohen Empfang vor. Der Gesangverein Arion in Bielefeld wollte im Juli 1869 sein 10-jähriges Bestehen feiern. Diese Gelegenheit wurde von R. Wehn, dem Vorsitzenden des Arion, dazu ausersehen, ein Fest für Freiligrath zu rüsten. Freiligrath hatte seine Teilnahme und einen Besuch seiner lippischen Heimat zugesagt.

Das Stiftungsfest des "Arion" fand am 18. Juli in der Tonhalle des Johannisberges statt. Unter den Gästen befand sich auch der greise Hoffmann von Fallersleben. Einer der Festredner der edle Claassen-Kappelmann bringt in einer glänzenden Rede die Forderung nach den „Vereinigten Staaten von Europa" vor.

Freiligrath selber antwortete auf alle Lobreden mit seinem herrlichen Liede;

Das sind die alten Berge wieder,

Das ist das alte Buchengrün;

Das ist von Fels und Halde nieder

Das alte lust'ge Quellensprüh'n

Das sind sie rauschend alle beide,

Der alte Wald die alte Heide.

Und in einem Verse klagt er:

Die Republik, trotz Kampf und Wunden,

Habt ihr bis heute nicht gemacht.

Darunter hat Freiligrath zeitlebens gelitten, daß er nicht in einer Republik leben durfte.

Zwei Tage nach dem Bielefelder Feste fand dann dasjenige Ereignis statt, das uns Lipper besonders angeht: Die Fahrt in das Heimatland Freiligraths. Am frühen Morgen des 20. Juli 1869 versammelte sich eine zahlreiche festesfrohe Gesellschaft vor dem bekannten Gasthof Modersohn in Bielefeld. Hier wurden mehrere offene Wagen bestiegen, die mit Fahnen und Grün reichlich geschmückt waren, und bei herrlichen Sonnenschein gings unter Sang und Klang zum Sieker Tor hinaus. Überall wurde der Dichter herzlich begrüßt. Im Scherenkruge, der ersten Gaststätte im Lipperlande, wurde Rast gemacht. Man lagerte auf grünen Rasen unter der großen Eiche, die seitdem "Freiligrath - Eiche" heißt. In ihren Zweigen wurde das große Sternebanner der Vereinigten Staaten von Nordamerika, das von drüben extra zu diesem Feste übersandt war, befestigt.

Julius Wolff hat dieses Intermezzo in seinem Gedicht: "Unter den Eichen" geschildert:

Wir fahren unter stolzer Flagge Schutz,

Das Sternenbanner weht, -wehm weht's zum Trutz?-

Doch aus der Eichenkrone schauten wieder

Auf uns die dreizehn Steine, wunderbar!

Wie hielt der deutschen Eiche rauh Geäst

Der Freiheit Sternenbanner doch so fest

und schwenkt es grüßend in den Zweigen gar!-

Rittergutsbesitzer Alfred Tenge - Niederbarkhausen bot den endlich Heimgekehrten den ersten Willkommensgruß in Lippe mit einem Glase Champagner dar. Eine Einladung nach dem nahen Gute zwecks Begrüßung seiner alten Freudin Frau Dresel, der Schwester Alfred Tenges, nahm Freiligrath nicht an, nachdem er erfahren hatte, daß noch mehr Damen auf Niederbarkhausen seien. Umso fröhlicher unterhielt er sich mit einigen Oerlinghauser Bürgern (Niemeyer, Melm, Becker u. a.)

Alfred Tenge ließ später an der Freiligrath - Eiche eine Tafel anbringen, die folgende Worte trägt:

„Unter dieser würdigen alten Deutschen Eiche

wurde im Jahre 1869 Ferdinand Freiligrath

nach Rückkunft aus 20-jähriger Verbannung

in sein Heimatland der erste Becher credenzt".

Mit ziemlicher Verspätung traf der Wagenzug in Lage ein, wo im geschmückten Saale des "Deutschen Hauses" eine herzliche Begrüßung stattfand . Stadtverordnetenvorsteher Moritz und Kaufmann Echterling sprachen als Vertreter der Stadt und einer zahlreichen Gesellschaft. In einem Zeitungsbericht heißt es darüber: "Bei seinem Eintritt in den Saal empfing ihn ein begeistertes jubelndes Hoch, das von den Sängern der verschiedenen Vereine harmonisch wiederholt wurde. Diese einfache, aber herzliche und charakteristische Begrüßung ergriff und rührte den hochgefeierten Mann. Nach eingenommenen Frühstück setzte Herr Freiligrath mit von hier verstärkter Begleitung seine Reise nach Detmold fort".

Die Stadt Detmold hat wohl selten in solch glänzendem Festgewande, so reichen Blumenschmuck geprangt, wie am 20. Juli 1869. Freiligrath wurde in das geschmückte Haus unter der Wehme (sein Geburtshaus. d. Verf.) geführt, und dort mit einem Lorbeerkranze gekrönt. Er besuchte Grabbe's neu hergerichtete Gruft und den Büchenberg. Beim Festbankett in der Ressource sah er die Genossen der Jugend, Freunde und Freundinnen in zahlreicher Schar um sich versammelt und dankte auch ihnen durch den Vortrag seines jüngsten Liedes. Obergerichtsrat und Bibliothekar Preuß und Bürgermeister Seiff hielten Festansprachen. Besonders freundlich wurde ein Gedicht von Ludwig Altenbernd aufgenommen.

Das waren freudige, tiefbewegte Tage, von denen Freiligrath wieder in sein stilles Cannstatt zurückkehrte. Er hat Detmold und den Teutoburger Wald nicht wiedergesehen.

Ferdinand Freiligrath

Geboren: 17. 6. 1810 in Detmold

Gestorben: 18. 3. 1876 in Cannstatt

 

Oerlinghausen 15. 4. 1996

Fritz Soll sen.