Johannes Rau drückt roten Knopf

In Oerlinghausen wurde die Energiewende vor 30 Jahren eingeleitet. Ein Meilenstein in der Stadtwerke-Entwicklung war die Kraft-Wärme-Kopplung

 

[Bild: Die früheren Mitarbeiter der Stadtwerke: Friedrich Schlink (v.L), Ernst Thomas, Frau Morgenstern und Walter Werning. Sie legen mit ihrer Arbeit den Grundstein für den Erfolg der Bergstädter Stadtwerke. | © Horst Biere / Quelle: Stadtwerke]

Oerlinghausen. Ministerpräsident Johannes Rau war bester Laune an diesem Tag im September 1989. „Typisch lippisch,“ witzelte er, als er den roten Knopf im neuen Heizkraftwerk in der Oerlinghauser Südstadt drückte. „Die Oerlinghauser nehmen die Anlage erst in Betrieb, wenn die Nächte eine Stunde länger dauern. Man will ja schließlich verdienen.“ Und im allgemeinen Gelächter der Festgäste ging das leise Summen der Gasturbine unter, die der Landesvater per Knopfdruck in Bewegung gesetzt hatte.

Die brandneue Gasturbinenanlage bildete den Einstieg Oerlinghausens in eine neue Ära der Energienutzung. Bürgermeister Martin Weber, der Vorsitzende der Gesellschafterversammlung und der damalige Stadtwerkechef Peter Blome informierten die zahlreichen Gäste über die Vorzüge der modernen Technik, die ab sofort 50 Prozent der benötigten Elektrizität der Stadt und ungefähr 80 Prozent der Fernwärme liefern sollte. „Das Stichwort lautet: Kraft-Wärmekopplung“, erläuterte Blome dem Ehrengast Johannes Rau.

[Bild: NRW-Ministerpräsident Johannes Rau setzt 1989 die neue Gasturbine für Kraft-Wärme-Kopplung in Betrieb. Kurz darauf spricht er auf dem 100-jährigen Geburtstag der Oerlinghauser SPD. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Stadtwerke]

Und als etwa einen Monat später das Heizkraftwerk offiziell von vielen geladenen Fachleuten besichtigt wurde, rechnete der Stadtwerkechef den Politikern und Wirtschaftsvertretern vor, dass die „Energiewende in Oerlinghausen bereits eingeläutet wurde“. Durch den 10,7 Millionen Mark teuren Umbau des alten Fernheizwerks in das neue „Kraftpaket“ sei die Bergstadt ein Vorreiter in Sachen Klimaschutz geworden. Bürgermeister Martin Weber sprach von einem „Meilenstein in der Geschichte der Stadtwerke“.

Anfänge im Sommer 1901

Die Anfänge der Stadtwerke lagen im Sommer des Jahres 1901. Damals im August erschienen 23 Handwerker und Geschäftsleute vor dem fürstlichen Amtsgericht in Oerlinghausen, um eine Gesellschaft zum „Bau und Betrieb eines Elektrizitätswerks“ anzumelden. Das Stammkapital der Gesellschaft betrug 66.000 Mark. Eine rasante Entwicklung begann. Innerhalb von nur vier Monaten baute die Firma Körting ein kleines Betriebshaus auf dem Gelände der heutigen Stadtwerke, in dem ein 45-PS-starker Sauggasmotor einen Gleichstrom-Dynamo antrieb.

Und schon am Silvesterabend 1901 ging den Oerlinghausern ein Licht auf. Die ersten 34 Straßenlaternen beleuchteten Teile der Hauptstraße, der Detmolder Straße und der Bahnhofstraße (heute Rathausstraße). Das Elektrizitätswerk sorgte für einen echten Wirtschaftsaufschwung in der Gemeinde, denn vor allem Handwerker konnten sich nun endlich elektrische Maschinen anschaffen. Auch die „Möbelbuden“ und später die Weberei profitierten von der neuen Stromversorgung in Oerlinghausen.

1911 bekam die Gemeinde endlich auch ein Wasserwerk. Nach einer katastrophalen Trockenheit im Sommer des Jahres, in der das Wasser auf zwei Eimer pro Familie am Tag rationiert werden musste, entschloss sich die Dorfvertretung zum Bau eines eigenen Wasserwerkes mit einem Pumpenhaus in der Schopke und einem ersten Hochbehälter auf dem Tönsberg. Der Speicher auf dem Tönsberg fasste 125 Kubikmeter, der zweite mit doppeltem Volumen folgte Anfang der Dreißigerjahre. Für die Wartung wurde eigens ein Maschinenbaumeister eingestellt, der auch die Zähler ablas.

Die Stromproduktion im E-Werk stieg in den Zwanzigerjahren steil an. Energielieferanten waren nun zwei Dieselmotoren mit 150 und 300 Pferdestärken. Und 1936 wurde eine Kohlengasmaschine mit Sechszylindermotor bestellt.

Nächstes Oerlinghauser Klimagespräch steht kurz bevor

Nachdem Zweiten Weltkrieg, im Jahr 1947, erfolgte die Umwandlung des E-Werks in einen Eigenbetrieb der Stadt - die Stadtwerke wurden offiziell geboren. Die eigene Stromgewinnung allerdings stellte man schon 1947 ein. Als Lieferant wählte man kurzzeitig die Stadtwerke Bielefeld. Danach bezog Oerlinghausen vom großen regionalen Stromlieferanten Wesertal seine Elektrizität.

Zu den zwei Geschäftsfeldern Strom und Wasser kam mit dem Bau der Südstadt in den Sechzigerjahren ein weiteres hinzu, die Fernwärme. Für etwa 5.000 Menschen im Süden Oerlinghausens lieferte das Fernheizwerk durch ein (anfangs wenig isoliertes) Rohrleitungssystem die Energie.

Die Stadtwerke avancierten 1994 auch Erdgasversorger, Lieferant waren die Stadtwerke Bielefeld. Außerdem gründete man in diesem Jahr den Eigenbetrieb Abwasserwerk Oerlinghausen. Weitere Aufgabenfelder kamen mit dem Betrieb des Hallen- und des Freibades hinzu. Und letztlich, seit 1996 arbeiten die Stadtwerke auch im mobilen Bereich. Der Stadtbus wurde seinerzeit aus der Taufe gehoben.

Heute hat sich das Bild vom einstigen Strom- und Wasserlieferanten völlig verändert. 2019 versorgen die Stadtwerke die 17.000 Oerlinghauser Bürger mit Wasser, Wärme, Elektrizität, Gas und Mobilität. Doch immer mehr erfordern die weltweit knapper werdenden Ressourcen einen technologischen Wandel: Der sparsame Umgang mit Energie und Wasser rückt in den Mittelpunkt. Peter Synowski, der heutige Stadtwerke-Geschäftsführer, setzt dabei auf das sogenannte Energiekonzept 2020 mit einer umweltschonenden Technik und verstärkter Nutzung nachhaltiger Energiequellen. Dazu zählt auch die Information der Bürger über die gegenwärtige Entwicklung unseres Klimas. „Deshalb haben wir unsere Informationsreihe ‘Oerlinghauser Klimagespräche' gestartet“, sagt er, „die jetzt am 23. September wieder stattfinden. Gastreferent in der Mensa der Heinz-Sielmann-Schule ist der Klimaexperte Michael Kopatz vom Wuppertal-Institut.“