90 Jahre E.- Werk Oerlinghausen

Von Fritz Soll sen.

 

Wenn wir heute ein ganzes Fußballstadion taghell ausleuchten können, ist dieses für uns, am Ausgang des 20. Jahrhunderts eine Selbstverständlichkeit. Mit Hilfe der Elektrizität geht heute alles was wir uns wünschen.

Als am Sylvesterabend 1901 in Oerlinghausen die ersten 34 Straßenlaternen aufleuchteten, da war das eine echte Sensation.

Aber was war vorher? Das seit Jahrhunderten der Kienspan in Gebrauch war, hat man uns noch in der Schule gelernt. Aber im 19. Jahrhundert mußte doch schon was besseres da sein. In den Protokollen der Oerlinghauser Schützengesellschaft kann man nachlesen wie die Festzelte ausgeleuchtet wurden. Es heißt dort unter dem Jahr:

1845 mit Gel + Tranlampen

1864 mit Stearinlichtern (Kerzen)

1869 mit Petroleumlampen

1900 mit Acetylenlampen

Der Fortschritt war eben nicht aufzuhalten!

Als im Jahre 1896 der Dorfsausschuß beschloß ein Wasserwerk und ein Elektrizitätswerk zu bauen, da war dieser Beschluß für viele Bürger ein Anlaß, darüber zu diskutieren ob elektrischer Strom oder Gasversorgung besser wären. Unendliche Angebote und Gutachten liegen noch heute in unserem Stadtarchiv. Beleuchtung ohne Leitungen war der große Schlager. Für die Gasbefürworter war die Acetylen - Beleuchtung, am 1. + 2. Juli, im Festzelt auf dem Schützenplatz sicherlich willkommen. Aber die Anhänger einer eigenen Stromversorgung waren in der Mehrheit.

Schon am 23. August 1901 erschienen 23 Unternehmer, Gewerbetreibende und Handwerker vor dem Fürstlichen Amtsgericht in Oerlinghausen und erklärten, daß sie gemeinsam eine G.m.b.H. gründen wollten. Der Zweck des Unternehmens wäre:  Der Bau und Betrieb eines Elektrizitätswerkes, der Bau einer elektr. Bahn vom Bahnhof zum Ort Oerlinghausen (Kastanienkrug), sowie die Errichtung eines Wasserwerkes.

Zum Geschäftsführer der neuen Gesellschaft wurde Her Joe Meyer bestellt.

Der einzigste auswärtige Gesellschafter war die Firma Körting die sich mit 18.000 Mark an dem gesamten Gesellschafterkapital von 65.999 Mark beteiligte.

Auf dem Gelände des heutigen Elektrizitätswerkes, welches damals noch im Besitz von Herrn Steinmeister - Menkhausen - war, baute die Firma Körting innerhalb von 4 Monaten einen Sauggasmotor von 45 PS welcher mit einem Gleichstrom - Dynamo gekoppelt ist. (440/600 Volt 26 KW). Außerdem wurde eine Akkumulatorenbatterie, System Hagen, bestehend aus 256 Elementen, für 188 Amp. Entladestrom bei einer Betriebsspannung von 2 X 220 Volt aufgestellt.

Mit der Dorfsgemeinde schloß das E.- Werk einen kostenlosen Konzessionsvertrag über die Benutzung der Straßen und Wege ab. Dieses war nicht schwierig, da die Mitglieder des Dorfsausschusses gleichzeitig Gesellschafter beim E.- Werk waren.

Der Bau des E.- Werkes erwies sich für Oerlinghausen als ein Segen. Die Handwerker konnten sich nun Maschinen anschaffen die mit Motorkraft getrieben wurden. Die Möbeltischlereien wuchsen zu stattlichen Betrieben heran. Die Firma Bank - Bielefeld (später Dornbusch) errichtete eine Näherei. Aber von dem Bau einer Straßenbahn nahm man Abstand. Auch den Bau eines Wasserwerkes überließ man der Kommune.

Trotzdem sich das E.- Werk mit seinen Leitungsnetz immermehr ausdehnte, machten doch die Schwierigkeiten des 1. WeItkrieges der friedlichen Entwicklung ein Ende. Die Ersatzteil - und Brennstoffbeschaffung für die alte Maschine wurde immer kritischer. Dazu kamen große Spannungen zwischen der Geschäftsleitung des E.- Werkes und der Gemeindevertretung. Als dann Anfang 1921 der Zylinderdeckel der alten Sauggasmaschine brach, war man genötigt schnell neue Wege zu suchen. Mit der Firma C. Weber & Co. kam man überein, daß diese einen 220 Volt Generator von ihrer zweiten Dampfmaschine antreiben ließ. Die Firma Weber selbst hatte ein 110 Volt Netz in ihren Betrieb.

Da die Gemeinde selbst keine Anteile am E.- Werk hatte und so auch nicht in der Gesellschafterversammlung und im Aufsichtsrat vertreten war, versuchte der Gemeindevorstand Ende 1921, in einen Antrag auf Pachtung das E.- Werk zu übernehmen. Aber die Gesellschafter sagten nein. Die Auseinandersetzungen über die fast täglich steigenden Strombezugspreise, trugen dazu bei, daß viel Unruhe bei den Strombeziehern entstand. Noch in der Inflationszeit schlug der Gemeindevorstand einen neuen Weg ein, um beim E.- Werk ein Mitspracherecht zu bekommen. Er versuchte Anteile aufzukaufen. Es gelang und schon bei der Stadtwerdung 1926 hatte die Stadt, vertreten durch Bürgermeister Reuter Sitz und Stimme im Aufsichtsrat.

In technischer Hinsicht hatte sich inzwischen auch viel getan. 1925 kaufte das E.- Werk einen Dieselmotor von 150 PS (Baujahr 1918). Dazu kam 1928 ein großer Diesel mit 300 PS. Im Jahre 1933 wurde der Stromlieferungsvertrag mit der Firma C. Weber & Co. nicht erneuert. Nun mußten die beiden Diesel, wegen des steigenden Strombedarfs fast Tag und Nacht laufen. Die schon seit 1928 (Kauf des großen Diesels) laufenden Beschwerden der Nachbarn nahmen nun immer mehr zu.

Im Jahre 1935 meldet Bürgermeister Möller daß die Stadt nun 51 % der Anteile besäße, und mit den restlichen Anteilseignern vereinbart habe, ihre Anteile in den nächsten 5 Jahren zu erwerben. Da 1931 der Konzessionsvertrag von 1901 gerichtlich für ungültig erklärt worden war, konnte Bürgermeister Möller damit drohen, im Falle der Nichtabgabe der Anteile, einen benachbarten Versorgungsunternehmen die Konzession für Oerlinghausen anzubieten. Das wäre das Ende des Oerlinghauser Elektrizitätswerkes gewesen.

Ebenfalls im Jahre 1935 wird eine Kohlengasmaschine bestellt. Es ist 6 Zylinder Gasmotor der nicht den Anforderungen standhält und gegen eine Ersatzmaschine ausgetauscht wird, die am 15. 12. 1936 beim Werk eintrifft.

Aus einem Protokollblatt von 1939 kann man entnehmen daß die Stadt nun alleiniger Besitzer des E.- Werkes ist. Deren Geschäftsführer ist Bürgermeister Möller. Die neue Maschine ist nun endlich in Betrieb, aber die beiden "Alten" laufen auch noch. Das letzte Blatt dieses Protokolls sagt: Es ist zu hoffen das Oerlinghausen bald an die Überlandzentrale angeschlossen würde.

Über die Kriegszeit 1940 - 1945 können wir nichts erfahren, da vor Kriegsende auch hier bei uns in Oerlinghausen die Akten gesäubert wurden. Aber schon am 29. Juni 1945 befaßt sich der Bürgerausschuß mit der Auflösung des E.- Werkes (A. Reuter ist wieder Bürgermeister) und Überführung in einen Eigenbetrieb. Da das Finanzamt abrät, bleibt erst alles beim alten. Ende 1947 ist es dann doch soweit, unter der Leitung von Bürgermeister Heinrich Kramer beschloß der Gemeinderat die Umwandlung des E.- Werkes in einen Eigenbetrieb. Diese Umwandlung wurde am 24. Dezember 1947 gerichtlich eingetragen.

Eine alte Ära war zu Ende - Eine neue begann!

7/91 Fritz Soll sen.

 

Quellen: Stadtarchiv Oerlinghausen Nr. 950 ff

Staatsarchiv Detmold