Als Flugblätter vom Himmel fielen

 

[Bild: Werner Höltke, Oerlinghausens Ortshistoriker, sammelte als Jugendlicher in den letzten Kriegsjahren viele Flugblätter, die die alliierten Flugzeuge abgeworfen hatten. Zusammen mit Fotos aus Alt-Oerlinghausen hat er eine kleine Ausstellung geschaffen. (© Biere)]

Oerlinghausen. Sie werden per Flugzeug abgeworfen oder mit Granatwerfern verschossen - Flugblätter im Kriegseinsatz. Und obgleich nur aus Papier können sie die gegnerischen Soldaten und auch die Zivilbevölkerung ganz schön weichkochen. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Flugblatt zu einem der wichtigsten Mittel der psychologischen Kriegsführung. Millionen und Abermillionen von meist sorgfältig getexteten und illustrierten Flugblättern wurden aus großer Höhe abgeworfen und von den Menschen gefunden und gelesen - auch in Oerlinghausen.

„Als sich die Bombenangriffe der alliierten Flugzeuge ab dem Jahre 1942 verstärkten und sie immer mehr Angriffe auf deutsche Städte flogen", erinnert sich Werner Höltke, „fanden wir auch die ersten Flugblätter." Da die Zettel aus sechs- bis siebentausend Metern Höhe zumeist über dicht besiedeltem Gebiet wie Bielefeld aus den amerikanischen Flugzeugen flatterten - sozusagen als Beigabe zu den Bomben - trieben sie bei Westwind bis ins westliche Lipperland und waren in den Wäldern des Teutoburger Waldes und auf den Heideflächen der Senne zu finden.

Nach einem Angriff wurde im Wald gesammelt und getauscht

[Bild: Eindeutiges Rechenexempel. (© Kirsten Fuhrmann(LZ))]

Bei ihren Streifzügen durch die Oerlinghauser Wälder stießen Höltke und seine Freunde häufig auch auf silberglänzende Stanniolstreifen, die sie ebenfalls einsammelten. Diese Silberstreifen warfen die Bomber und Aufklärungsflugzeuge ab, um die deutsche Luftabwehr, also die Flakstellungen, über den Kurs der Flugzeuge zu täuschen.

„Wenn die amerikanischen Flugzeuge unseren Luftraum verlassen hatten und von den Sirenen Entwarnung kam", sagt Höltke, „sind meine Freunde und ich oftmals auf die Suche nach Flugblättern gegangen. Ich erinnere mich noch an die weiten Wege, die wir zurücklegten, und dabei sogar die Wälder bis zur Autobahn in Lämershagen abgesucht haben." Die Jungen freuten sich über jedes Blatt, das sie gesammelt hatten. Wenn man doppelte Flugblätter besaß, wurde auf dem Nachhauseweg auch getauscht. Allerdings musste das Tauschen und Aufbewahren heimlich geschehen. Denn die alliierten Flugblätter wurden als „Feindpropaganda" bezeichnet und der Besitz und vor allem die Weitergabe war streng verboten und konnte mit Gefängnis oder noch Schlimmerem bestraft werden.

Auch Werner Höltke, der bei Kriegsende 1945 gerade 16 Jahre alt war, bekam Angst vor Bestrafung, wenn man seine Sammlung von Flugblättern entdeckt hätte. „Da habe ich meine mit Mühe gesammelten Blätter noch im letzten Kriegsjahr verbrannt." Er habe sich später sehr darüber geärgert, doch zum Glück bewahrte ein ehemaliger Mitschüler die gefundenen Flugblätter auf, und so sei er wieder in den Besitz von mehreren Exemplaren gekommen.

Wichtige Informationen kamen aus der Luft

Es waren erschreckende Kriegsentwicklungen, die die Jugendlichen auf den Flugblättern lasen. Denn aus den hiesigen Radios und Zeitungen erfuhr man nicht, wie schlimm es um die deutschen Soldaten und auch die Zivilbevölkerung gegen Kriegsende stand. „So wurde uns mitgeteilt, dass die amerikanischen Soldaten bereits den Rhein überquert hätten und der deutsche Widerstand mit großen Verlusten bezahlt würde", beschreibt Höltke den Inhalt einiger Informationsblätter.

Auf einem anderen Flugblatt vom 9. März 1945 wird berichtet, dass innerhalb eines Tages 3.000 alliierte Flugzeuge deutsche Städte bombardiert hätten. Die Jugendlichen lasen ebenfalls, dass bei der jüngsten Ardennenoffensive der deutschen Truppen fast 900.000 Soldaten in Gefangenschaft geraten seien. Und auch, dass die Sowjetarmee bereits große Teile Schlesiens und Ostpreußens eingenommen hätte.

Amerikaner warfen Passierscheine ab

Die Oerlinghauser Freunde stießen bei ihren Streifzügen auch auf Informationen, die für deutsche Soldaten bestimmt waren. So wurden für die kämpfende Truppe schon mal „Passierscheine" abgeworfen. Der von US-General Eisenhower unterzeichnete Schein beschrieb, dass der Soldat bei Gefangennahme nur den Passierschein vorweisen müsse, um Anspruch auf gute Behandlung, sowie Verpflegung und ärztliche Versorgung zu haben. Allen Flugblättern aber gemeinsam war die Botschaft an die deutschen Soldaten: „Hört auf zu kämpfen."

Das Abwerfen von Flugblättern um die Menschen zu demoralisieren, ist jedoch längst keine Erfindung der Alliierten im Zweiten Weltkrieg. Schon über den Stellungen der Soldaten im Ersten Weltkrieg regnete es häufig

Propagandamaterial, um die Kämpfenden zur Aufgabe zu veranlassen. Und auch die deutsche Luftwaffe nutzte Flugblätter über feindlichem Gebiet zur psychologischen Kriegführung.