Der reiche Onkel aus Amerika
„Krauts surrender“ - Von Egon Körbi
Nach vierzig Jahren ist die Erinnerung nur noch lückenhaft. Was mir im Gedächtnis haftengeblieben ist, habe ich hier aufgeschrieben. Ich war Kriegsgefangener in Ohio, USA. also weit vom (letzten) Schuß. Die Ereignisse in Europa erlebten wir nur mittels Zeitungen und Radio. Das Leben im Camp hatte fast zivilen Charakter. So saß ich. als die Kapitulation gemeldet wurde, zufällig im Behandlungsstuhl unseres Lagerdentisten Der machte gerade Anstalten. mir zwei Zähne zu ziehen, als ein anderer Amerikaner mit dem Ruf „War is over“ ins Zimmer stürzte. Mein Dentist - ein Huhne von Kerl - ließ seine Instrumente fallen, haute mir begeistert auf die Schulter, daß ich drei Nummern kleiner wurde, und rannte nach nebenan. wo sich offenbar eine große Siegesfeier anbahnte
Nach einer halben Stunde muß er sich meiner erinnert haben. Er kam mit hochrotem Gesicht zurück, und ich war besorgt was er jetzt tun würde. Würde er mir im Siegesrausch die kranken Zähne einfach einschlagen oder die Zange ohne Narkose ansetzen? Nichts dergleichen geschah. Der Dentist der American Army behandelte den Obergefreiten der deutschen Wehrmacht auch nach der Kapitulation wie je/ and n Patienten.
Im Lager war inzwischen ein Riesenpalaver im Gange. Den meisten stand Erleichterung auf dem Gesicht geschrieben, ein paar „Endsieg-Gläubige“ liefen mit düsterer Miene herum. Zeitungen kamen mit Riesenüberschriften „Germany down“ oder „Krauts surrender“. Im Radio liefen pausenlos Reportagen aus aller Welt, unterbrochen von Musik und Werbedurchsagen für Conflakes. Cola und Kaugummi. Nach Tagen verlief das Lagerleben im gewohnten Trott, als ob nichts gewesen wäre Das sollte sich bald ändern.
Eines Sonntagmorgens führte man uns geschlossen in das große Lagerkino, um einen Film zu sehen, den Reporter bei der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald gedreht hatten Diese Bilder, Beweise unvorstellbarer Brutalität und Menschenverachtung, habe ich bis heute nicht vergessen. Nicht auszudenken, wenn die braune Verbrecherbande den Krieg gewonnen hätte. Auf dem Rückweg ins Camp sprach keiner ein Wort. An der Straße standen Amerikaner, die uns nur stumm anblickten. Eine beklemmende Szene Als Folge immer neuer Entdeckungen von Naziterror in Europa wurde bei uns eine härtere Gangart eingelegt. Rationen gekürzt (niemand mußte verhungern). Kontrollen am Tor verschärft (ich lernte, mit einer Packung Lucky Strike unter den Fußsohlen unauffällig am Posten vorbeizugehen). Nach drei Monaten hob man die Restriktionen auf.
Im Frühjahr 1946 kehrte ich in die Heimat zurück. Der Anblick der Verwüstung konnte meine Freude, bald wieder zu Hause zu sein, nicht schmälern. Ich hatte etwas Büchsenfleisch, Kaffee und Tabak durch alle „Fügungen“ schleusen können und kam mir vor wie „der reiche Onkel aus Amerika“. Die würden Augen machen, wenn ich meine Schätze auspackte, besonders mein Vater, beim Anblick des Tabaks. Da wußte ich noch nicht, daß er schon sechs Monate tot war. Umgekommen beim Bombenangriff auf Brackwede im Dezember 1944. Nach meinem Bruder der zweite Kriegstote in unserer Familie.