Schlachtfest zu Hause
Erinnerungen von Fritz Soll sen.
Meine Erinnerungen an die Schweine die zu Hause gehalten wurden, sind sehr intensiv, und ich will sie so beschreiben wie ich diesem in meiner Jugend (um 1930) erlebt habe.
Im Frühjahr sobald es sich lohnte Gras zu mähen, war für die Familie die Zeit gekommen sich nach einen Stangenschwein umzusehen. Ein sogenanntes Stangenschwein war schon größer als ein Ferkel - etwa 60-70 Pfund. Wo es welche zu kaufen gab war bekannt, es waren meistens die Bauern der Umgebung. Einmal mußten wir es aus Greste von Bauer Niebuhr holen. das war ein weiter Weg mit dem Handwagen und einer Kiste darauf. Ein andermal wollte Vater das Schwein zum Auffüttern bei Wöstenfeld in Lämershagen kaufen. Vater nahm mich mit um es zu besichtigen. Als er mit dem Bauern handelseinig war, wollte er den Termin der Abholung vereinbaren, aber der Bauer sagte: „Nehmt es doch gleich mit“. Vater erschrak, und sagte: „Wie denn?“ „Ach“, sagte der Bauer, „dies ist ein frommes Tier das geht schon so mit euch zum Landerweg, ihr müßt euch nur Zeit lassen“. Er gab uns ein kleines Stöckchen in die Hand und nach 2 Stunden waren wir zu Haus. Die Mutter freute sich riesig ob der Frömmigkeit des Schweinchens und hat wohl länger als eine halbe Stunde mit dem Schwein geredet, denn es war ja eine bedeutende Geldanlage.
Der Schweinestall in einem Schuppen war schon längere Zeit für das "Fikelchen" fertig gemacht. Mit Stroh und trockenen Laub gestreut. Der Stall der vorne eine Futterkrippe hatte, war so groß daß das "Fickelchen" wenn es um Weihnachten herum seine 300 und mehr Pfund wog noch Platz drin hatte. Eine extra Tür aus diesem Stall führte in den sogenannten Schweinekamp. Hier hinein wurde der verbrauchte Mist aus dem Schweinestall geworfen und von dem Schwein im Laufe des Sommers und Herbstes hunderte von malen durchgewühlt und durchgetreten zu werden um dann im zeitigen Frühjahr als Mist aufs Land gebracht zu werden.
Im Frühjahr bevor ein bisschen Gras im Garten wuchs, wurde ein Schwein gekauft.
Aus etwa 6 km Entfernung wurde schon mal ein Ferkel (bis 20 Kilo) oder ein Stangenschwein (bis 30 - 35 Kilo) gekauft und geholt.
Einmal sogar von Wöstenfeld nach Haus getrieben.
2 x bin ich dabei gewesen als ein Ferkel aus Greste geholt wurde.
Dazu brauchte man einen großen Handwagen und eine Schweinetransportkiste. Diese Kisten waren meistens so groß und schwer, daß man auch einen bösen Bären darin transportieren konnte.
Das Quartier des Schweines.
Schon Wochen vor dem Kauf eines Schweines wurde die Stallung in Ordnung gebracht. d. h. der Schweinestall wurde gut gesäubert und dann rundherum gekalkt. Der Boden besonders dick. Die Futterkrippe sehr gut ausgewaschen. Ebenso wurde auch der Schweinekamp, der sich meistens unmittelbar neben dem Schweinestall befand, in Ordnung gebracht. Er war meistens aus Holzstangen, welche wenn nötig neu befestigt wurden um ein Ausbrechen des Schweines zu verhindern.
Die Streu des Schweines wurde jede Woche erneuert und bestand aus kurzgeschnittenem Stroh. Das Schwein bearbeitete im Laufe des Sommers und Herbstes diese gebrauchte Streu zu Mist.
Wenn dieser im Frühjahr beim umgraben des Ackers als Dünger untergegraben wurde, stellte sich heraus ob wir größeren Kinder der Anleitung der Eltern gefolgt waren und das Stroh wirklich kurz genug geschnitten hatten. Zu langes Stroh in die Furche zu bekommen um es unterzugraben war Quälerei.
Der Schweinestall wurde aber auch mit trockenen Buchenlaub gestreut.
Nun wieder zurück zum "Fickelchen". Die ersten 8 Tage blieb es im Stall. Nur Mutter hatte Zutritt. Sie kochte den Schweinetopf mit Futterrüben, Kartoffeln und als leckere Beigaben etwas Gerstenschrot. Auch etwas Grünfutter gab es schon - frisches grünes Gras.
Nun wurde es auch Zeit für die Schweinebesitzer ihr Land zu bestellen. Eine große Fläche mit Kartoffeln und eine ebenso große Fläche mit Runkeln. Beides war notwendig für das mästen des jetzt noch kleinen Schweines.
Nun kam der Sommer ins Land. Überall gab es genug grünes um das Schwein satt zu kriegen. Welche holten trotzdem noch "Kawas-Saurekord" aus der Apotheke. Auch Mutter riskierte eine Flasche. Ab August wurden die Runkel "gebättert", d. h. die unteren Blätter der Runkel wurden abgepflückt und kamen in die „Schneidelage“ in der alles klein geschnitten wurde. Jetzt wurde auch beim Friedhofsmüller mehr Gerstenschrot bestellt, denn nun begann die Mastzeit. Wenn Runkeln und Kartoffeln geerntet wurden, dann kam jede Woche der große "Schweinetopf“ auf den Herd. Wenn er noch warm war wurde dieser mit einen sog. Kartoffelstampfer zerkleinert, d. h. zu Muß gestampft. Vorher nahmen wir Jungen uns ein paar Pellkartoffeln ab und steckten sie in die Tasche. Sie haben immer sehr gut geschmeckt.
So kam langsam die Herbstzeit heran. Das Schwein wurde immer größer und schwerer. Am Sonntagmorgen sammelten sich die Nachbarn und dann ging es von Stall zu Stall und die Schweine wurden vermessen. Das geschah mit einen Zentimeterband. Die Schweine waren am Tage vorher mit einen alten Schrubber blankgebürstet worden und sahen blank aus. Gewaschen werden durfte das Schwein nicht, da es sich sonst erkälten konnte.
So gingen langsam die Herbstwochen vorbei, mit dem besten Futter das es gab, aber kein Saurekord mehr. Die Zeit der Experimente war vorbei.
Der Schlachter sollte bald kommen. Im Oktober suchte man dann eines Sonntags den Hausschlachter seiner Wahl auf. (Wenn die Mettwürste im letzten Jahr hohl geworden waren, nahm man einen anderen, auch wenn der Schlachter garnicht schuldig war.) Wenn die Schlachtzeit richtig im Gange war schlachtete und verwurstete ein Schlachter in 6 Tagen in der Woche 12 Schweine. Der Arbeitstag dauerte von 4 Uhr morgens bis 10 Uhr abends. Die Wege nicht mitgerechnet. Dazu kam bei vielen der Wunsch am Wochenende schlachten zu lassen, (das bei uns zu Haus immer auf Mutters Geburtstag (15.12.) geschlachtet wurde ist mir heute noch ein Rätsel!).
Ab Anfang Dezember, wenn der Termin nochmals vom Hausschlachter bestätigt war, wurde das Schwein nur noch von Mutter gefüttert, damit es sich nicht mehr erregte. Die Leiter mit dem Krummstock wurde überprüft. 2 Stricke wurden zurecht gelegt - aber gute Stricke!!!! Der Trog kam nach draußen und wurde gewässert damit er auch dicht war. Die Frau zum Blutrühren wurde bestellt. Der Blutquirl wurde gesäubert, falls die Frau aus irgendwelchen Gründen (bei einer jungen Frau die Periode) nicht mit der Hand rühren wollte. Der Große Tag rückte immer näher! Eingekauft war schon seit Tagen - Blutmehl - Wurstebänder - Nägel - Pfeffer - Salz - usw. Und Wacholder (entweder 2 kleine Flaschen oder 1 große Flasche). Manchmal hatte Mutter auch eine Reserveflasche hinter der Wäsche im Schrank liegen. Die holte sie dann erst wenn der Schlachter immer auf ihre Wünsche eingegangen war. Schmull, Mett und kleine Leberwürste zählten mit zu ihren Wünschen.
Der Schlachttag brach an. Um 10.30 Uhr kommt der Schlachter. Das Wasser im Kessel kochte, die Helfer der Nachbarschaftshilfe standen bereit. Der Schlachter fragte: „Wasser Heiss?“ Danach die Hauptfrage: „Es ist doch nicht Berrsch!???“ Wenn diese Frage bejaht wurde oder der Schlachter dieses feststellte, dann war das Schlachten vorläufig vergessen. Dann mußte ein neuer Termin her, und das konnte 14 Tage dauern.
Nun kam der Hauptbeteiligte an die Reihe. Das Schwein wurde geholt.
Ein Strick ans Hinterbein und mit viel zureden und guten Worten, wurde es zur Richtstätte geführt. (Mutter war schon im Schlafzimmer und hatte sich 2 Kissen über den Kopf gezogen, damit sie nicht hörte, falls das Schwein quieken sollte. Aber der Schlachter besaß schon einen Schußapparat. Ein kurzer Knall - das Schwein fiel um. Ich lief in die gute Stube und rief "Mamma es ist tot!!“. Als ich zurückeilte war Tante Hellmich (Hellmichs wohnten unten im Haus) schon mit der Hand am Blutrühren. Der Schlachter kratzte nun mit einer Borstenglocke alle Borsten vom Schwein herunter, welches in dem großen Schweinetrog lag und immer wieder mit heißen Wasser überspült wurde. Als die Haut ganz sauber war trennte der Schlachter an den beiden Hinterbeinen die Haut ab und legte die beiden Sehnen frei um den Krummstock durchzuschieben. Dann wurde die Leiter neben den Trog gelegt und das Schwein auf diese gewälzt. Nun wurde der Kummstock an der obersten Sprosse festgebunden. Je nachdem wie schwer das Schwein war, mußten nun 3 - 4 starke Männer die Leiter aufrichten und an irgendeine Wand in der Nähe stellen. Nun nahm der Schlachter ein großes Messer und schnitt den Bauch des Schweines von oben bis unten auf. Alle Innereien wurden nun gereinigt und der Schlachter ging. Seine Arbeit für heute war getan. Nun bekamen wir Jungen unseren Auftrag das tote Schwein zu behüten, das keine böse Katze oder Hund kam, um sich vielleicht eine Niere zu holen. Abends kamen dann die Nachbarn um Leiter mit Schwein ins Haus zu tragen. Nun begann eine besondere Zeremonie: Erst mal wieder die Wacholderflasche, dann wurde die Dicke des Specks gemessen, dann wurde die beiden Vorderbeine angeschnitten, und das alles, um das Gewicht zu schätzen. Als das alle getan war, wurde die Dezimalwaage geholt und der Rest aus der Flasche vernichtet. Nun wurde gerechnet, nichts stimmte mit dem tatsächlichen Gewicht überein. So ging der Abend schnell dahin. Alle gingen zu Bett, denn um 4 Uhr kam der Schlachter zum Wursten.
Er kam pünktlich und schnitt als erstes das nun vollständig erkaltete Schwein auseinander. Ein Teil kam in den großen Kochkessel, ein weiteres Teil in eine kleine Molle für die Fleischmühle für Mettwurst. Nun machte der Schlachter Pause, denn er war noch nüchtern. Zu Haus gabs noch nichts in dieser frühen Stunde. Nun holte er das gekochte aus dem Kessel, tats in die Molle, und stellte es vor die Haustür zum abkühlen. Nun kam die Arbeit für die Jungen. Wir mußten aufpassen das kein Hund oder Katze kam. Wir Jungen hatten schon ein Messer in der Tasche und schnitten uns kleine Stückchen ab. Aber Mutter kam auch und holte größere Stücke, denn Schmull war sehr gefragt. Der stärkste Junge wurde dann gerufen um die Fleischmühle zu drehen. Wenn hierbei die Kräfte schwanden, tat der Schlachter besonders viel Fleisch in den Trichter, dann gings noch schwerer, und der junge Dreher mußte ausgewechselt werden. Der Schlachter sagte dann: ”Nun ess man immmer tüchtig, dann geht es in einigen Jahren”. Oh das tat weh!! Aber bei der Wurstemühle gings leichter und man schöpfte wieder Hoffnung.
Schweinewursten
Sämtliche Zutaten wurden bei uns vom Konsum geholt.
Aber auch andere Einzelhändler hatten diese - ausschlaggebend war, daß man dort auch eine Fleischmühle bekam.
Beim verwursten des geschlachteten Schweines hatte meistens die Hausfrau das Sagen.
Der Hausschlachter war sich dessen bewußt.
Es fielen an beim Wursten:
Mettwurst - lange und runde
Leberwurst - große und runde und kleine runde für Kinder
Blutwurst
Kohlwurst - nicht so viel
Sülze
Schmull
Wurstebrei
Gesalzenes Fleisch - Rippen - Beine und Pfötchen
1 oder 2 Schinken
1 oder 2 Speckseiten
Mett
Alle Würste wurden in die Därme des geschlachteten Schweines gefüllt, wenn noch welche fehlten, lieferte diese der Schlachter.
Ab den 30er Jahren wurden immer mehr verzinkte Dosen für Blutwurst, Sülze und Leberwurst eingesetzt.
Da diese Dosen jedes Jahr wieder gebraucht wurden, mußten sie vor dem füllen (dh. vor der Hausschlachtung) bei einen Klempner abgeschnitten und gefalzt werden. Sobald sie gefüllt waren wurden diese Dosen wieder zum Klempner gebracht und mit einen neuen Deckel verschlossen. Als das mit den Dosen anfing schlug der Klempner einen Buchstaben in den Deckel, entweder ein S oder ein B oder ein L. (Für Sülze, Blutwurst oder Leberwurst). In späteren Jahren konnte er die Deckel an einen bestimmten Stelle mit Bleistift beschriften.
Da die Klempner es gern hatten wenn wir Jungen ihm zur Hand gingen, vertauschten wir manchmal 2 Deckel und freuten uns dann Monate später wenn die Mutter dann plötzlich auf den Klempner schimpfte, wenn statt Leberwurst dann Blutwurst zum Vorschein kam.
Wurste (Verwursten der Schweine)
Die zugemachten Dosen mußten zu Haus wie die Würste noch eine Stunde gekocht werden.
Eine bekannte Oerlinghauser Familie kochte diese erst am folgenden Tage in einen Einkochapparat. Da dieser ziemlich hoch ist war ein hineinsehen etwas schwierig.
Nach einiger Zeit sagte der Ehemann zu seiner Frau: „Ei, wat ruikt dat huir“. Darauf die Frau: „Wat dui nich jümmer ruiks“. Gleich darauf knallte es zweimal und über den nach oben offenen Einkochapparat hing Blut und Leberwurst unter der Decke.