Die Hütejungen von Oerlinghausen
Buchauszug – von Hermann Diekmann
Noch vor wenigen Jahrzehnten waren Oerlinghausen Einwohner größtenteils Zigarrenmacher und Weber. Ihr karger Verdienst zwang sie, nach 10stündiger Arbeitszeit auch noch Ackerbau zu treiben. Zu einer Kuh konnten sich dabei allerdings die meisten nicht emporschwingen; das krummgehörnte Buttertier war zu teuer, außerdem fehlte es an Räumlichkeiten für diese umfangreichen Milchspender. Aber Ziegen wurden gehegt und gepflegt, und fast jede Familie nannte 2-3 dieser geschätzten Wiederkäuer ihr eigen.
Da nun die Besitzer der Ziegen anderweitig ausreichend beschäftigt waren, so mußte beim Hüten ein anderer einspringen; das war der Hütejunge. Mitunter gab es aber auch zwei, und wie die ihr Amt bekamen und versorgten, das soll hier zu Nutz und Frommen der Nachwelt aufgezeichnet und überliefert werden, wobei wir einem Mitgliede der ehrsamen, wenn auch kaum organisierten Zunft der Hütejungen das Wort erteilen: Ich war etwa 10 Jahre alt geworden, als mein Vater einer heimtückischen Krankheit erlag. Für die Mutter kamen ernste und sorgenvolle Zeiten; denn 5 hungrige Hälse wollten gesättigt sein. Soziale Unterstützungen, wie wir sie heute kennen, gab es nicht. Da mußten wir alle mit verdienen helfen. Die Schwester fand Aufnahme bei einer befreundeten Familie als Kindermädchen, die Brüder „struppten“ Tabak ab, d. h. sie streiften die Blätter von den Stengeln, und ich? Nun anfangs struppte ich auch; weil ich aber, um schneller fertig zu werden, einen Teil der Tabakblätter zerriß und den Blättern auch die Stengel beifügte, bekam ich kein Lot Tabak wieder. Da war nun guter Rat teuer. Aber, wenn die Not am größten ist, findet sich meistens ein Ausweg. Wir erfuhren eines Tages, daß der bisherige Ziegenhirt, der auf den Namen August hörte, lohnendere Arbeit gefunden hatte und deshalb seinen bisherigen Dienst quittieren wollte. Flugs rannten wir, mein Bruder und ich, zu August, der uns freudestrahlend von seinem beginnenden sozialen Aufstieg erzählte. Er war auch bereit, uns seine Protektion angedeihen zu lassen. Viel Formalitäten waren bei der Übernahme des Postens nicht zu erfüllen, zumal August seine Saison noch nicht eröffnet hatte. Trotzdem besorgte ich mir schon am nächsten Morgen das beim Hüten der Ziegen unentbehrliche Kuhhorn, und zwar bei Schlachter Hanning, der an der Hauptstraße wohnte. Geld nahm er nicht dafür, was ich ihm noch heute danke. Zu Hause schnitt ich dann mit der Säge von der Spitze des Hornes soviel ab, daß ein Loch von Eigröße sichtbar wurde. Damit war das Instrument fertig. Aber ich sollte erfahren, daß aller Anfang schwer ist! Ich vermochte nämlich trotz stundenlanger Anstrengungen dem Home keinen Ton zu entlocken. Mit einem Male hatte ich aber den Kniff heraus, und nun tönte es macht- und prachtvoll „Tuut“ und wieder „tuut“, bald im Zimmer, bald hinter dem Hause. „Jiu (Euer) Junge, eck meune Wilm, will wall Sigenhirte weern?“ fragte Nachbars Rickchen meine Mutter, die froh war, die Frage bejahen zu können und dabei Freudetränen von ihren bleichen Wangen wischte. Aber auch ich war höchst befriedigt und fragte voll Künstlerstolz: „Rickchen, wutt mol heuern, wie eck blosen kann?“ Ohne eine Ermunterung seitens Rickchens abzuwarten, stieß ich ins Horn, und wieder klang es: „Tuut, tuut“. „Herrje, diu kennst ock Musikante weern!“ meinte Rickchen; da sie aber wohl fürchtete, in mir den Größenwahn zu wecken, so fuhr sie fort: „luse Siegen kannste auk met hoin!“ (hüten). Die ersten Geschäftsabschlüsse waren also getätigt! Als nun allmählich die Sonne höher und höher am Firmament emporstieg, konnte mit dem Hüten begonnen werden. Ich nahm einen Lappen Papier zur Hand und ging an einem Sonntagmorgen von Haus zu Haus, um die Zahl der Ziegen und die Namen der Besitzer festzustellen, die gewillt waren, mir ihre Lieblinge anzuvertrauen. Als Entschädigung wurde für eine Ziege pro Woche 10 Pfg. ausgemacht. Zunächst wollte das Geschäft nicht so recht in Schwung kommen. In dem sogenannten Millionenviertel, an der Detmolder Straße, winkte uns nämlich nur kärglicher Verdienst. Lediglich zwei Ziegen konnten wir hier notieren, und zwar bei Brathuhn, ein Name, der bei mir seither einen wundervollen Klang hat. Dann ging’s aber besser, Haus für Haus erhielten wir Ziegen, die meisten in der Holter Straße, und als ich mit meinem Zettel nach Hause kam, standen darauf nicht weniger als 63 Ziegen verzeichnet! Ich fühlte mich als Kapitalist und äugelte mit dem Gedanken, in das Millonenviertel umzuziehen. Man denke auch: 6 Mark und 3 Silbergroschen pro Woche! Natürlich floß dies Kapital in die Kasse der Mutter.
Als ich am anderen Morgen zur Schule schritt, vergaß ich nicht, mein Horn mitzunehmen, einmal, um den anderen Jungen kundzutun, daß ich nun wohlbestellter Ziegenhirte sei, zum anderen aber auch, um ihnen zu zeigen, wie schön ich auf meinem Instrumente zu blasen verstand. Leider hatte der Herr Kantor, der uns doch mit der edlen Frau Musika bekannt machen sollte, gar kein Verständnis für meine Darbietungen, im Gegenteil! Beinah hätte ich sogar eine kleine Tracht bezogen, also daß ich damals schon die Erfahrung machte, die Wilhelm Busch später in die schönen Verse kleidet:
Oft wird es einem sehr verdacht,
Wenn er Geräusch nach Noten macht.
Der Künstler fühlt sich stets gekränkt,
Wenn’s anders kommt, als wie er denkt.
Aber diese herbe Enttäuschung war längst vergessen, als ich mich am Nachmittage zu meiner Expedition in die Senne feldmarschmäßig ausrüstete. In einen kleinen Beutel steckte ich 6 Scheiben Butterbrot und eine Flasche Kaffee, um die Schulter hing ich das Horn und in die Hand nahm ich eine Peitsche.
[Bild: Die letzten der Mohikaner. Aufnahme: Diekmann. Der Rest von Oerlinghausens Ziegenherde und ihr Hüter]
Nachbars Fritz, der mich in diesem stolzen Aufzuge sah, verspürte natürlich Lust, mitzugehen und erhielt nach vielen Bitten auch die Genehmigung seiner Mutter. Und nun fing der Ernst des Lebens an! In der Detmolder Straße angekommen, stieß ich dreimal mächtig ins Horn. Die Stalltüren bei meinem Gönner Brathuhn öffneten sich, und zwei schneeweiße Ziegen traten auf die Straße. Aber sie zeigten sich, wie so mancher zweibeinige Ziegenbock, der Freiheit unwürdig! Denn, ehe wir uns versahen, lief die eine durch die geöffnete Pforte in Webers Blumengarten und fiel kurzerhand über die seltenen Blumensorten her. Eine Hausangestellte, wie man heute sagt, die das ungebührliche Betragen meines Hornviehes bemerkte, schalt nicht schlecht, zumal Fritz im Eifer des Gefechtes auch noch über ein Beet lief und die kostbaren Pflanzen elend zertrampelte. Kaum war diese Unbotmäßigkeit unserer ersten Schutzbefohlenen unterdrückt, da gab’s bei Proppings einen veritabelen Straßenkampf! Minchen und Linchen, wie die Proppingschen hießen, standen dort auf dem Straßenpflaster und schielten bald uns, bald die Brathuhnschen Viehcher an. Sie machten auch gar keine Anstalten vorwärts zu gehen, bis einer der Ausreißer von vorhin den Kopf senkte und den beiden Neulingen zu Leibe rückte.
[Bild: Oerlinghausen, die freundliche Bergstadt. Zur Kirche führte uns ein stiller Heckenweg. Aufnahme: Diekmann]
Das gab ein ergötzliches Bild ab, zumal des Schlachters Sultan mit in den Kampf eingriff. Da half kein sanftes Zureden! Durch ein paar Peitschenhiebe war aber die Ordnung bald wieder hergestellt, und nun rollte sich alles vorschriftsmäßig ab. Immer wieder ließ ich ein kräftiges „Tuut“ ertönen, dann öffneten sich die Stalltüren, und mein Trupp wuchs zusehend. Ich schritt stolz voran, dann folgten die Ziegen, und Fritz hatte als Nachtrabs-Kommandant die ehrenvolle Aufgabe, die Säumigen anzutreiben. Am Rosinenkrug machten wir 5 Minuten Halt, weil hier ein Brenn- oder Sammelpunkt war. Mehrmaliges Tuten brachte alle Ziegenhalter der drei anstoßenden Straßen in Bewegung, und von allen Seiten strömten Ziegen heran, deren Zahl hier bis rund 60 stieg. Wenn wir dann endlich die Straße vor dem Rosinenkruge räumten, war diese mit den schwärzlichen Produkten meiner Untertanen besät, so daß der Krug seinen schönen Namen wirklich Ehre machte! Dann ging es unserem Ziele entgegen, der lieben Senne.
Viel Arbeit gab’s in der Heide nicht. Sie hielten so schön zusammen, unsere Ziegen! Nur hin und wieder mußte Fritz diejenigen, die Lust verspürten, von dem Pfade der Tugend abzuweichen und in den Wald zu gehen, wieder auf den rechten Weg zurückführen. Im übrigen machten wir uns auf oder an der großen Buche zu schaffen, die unsere ganze Wonne war. Unser Bestreben war, dort oben auf dem Baume eine Hütte zu errichten. Zunächst wurden einige Knüttel zusammengetragen und als Stiege an den Baum genagelt. Dann entstand nach und nach in der Krone eine, wenn auch etwas primitive, so doch wohnliche Hütte. Vier Sommer habe ich dort zugebracht, und wenn der Baum noch steht, so werden vermutlich an jedem Ast die Namen der Oerlinghauser Ziegenhirten nebst Jahreszahl zu lesen sein. Manch schöne Stunden verlebten wir dort in Gottes freier Natur unter blauem und bewölktem Himmel. Die Wissenschaft kam dabei allerdings zu kurz. Denn, obwohl unser Lehrer immer wieder versicherte, auch beim Hüten könne man seine Schulaufgaben machen, kamen wir nie hinter dies Geheimnis. Das Lesebuch wurde zwar mitgenommen, aber unbenutzt wanderte es wieder in den Riemen. Und zu meiner Schande muß ich gestehen, daß mir das selbst heute keinen Kummer macht. Ich sage vielmehr von jenen Zeiten: „Mich reut kein Tag, den ich in Tal und Hügeln - Durch meines Gottes schöne Welt geschwärmt.“ Des Lebens Ernst habe ich hernach zur Genüge kennengelernt!
Aber ein melancholischer Zug mischt sich doch in meine Erinnerungen an die schöne Hütezeit. Wenn ich jetzt durch Oerlinghausens ziegenleere Straßen wandere und dabei unwillkürlich an meine lieben Schutzbefohlenen denke, so frage ich mich wohl: „Wo seid ihr zurzeit mir, ihr Lieben, geblieben?“ - Verdorben, gestorben? Alle? Nein nicht alle! Ein kleiner Rest ist noch übrig, und eins der Bilder zeigt uns diesen mitsamt dem Hüter der Herde, den ich immer mit einer gewissen Rührung ansehe; denn: So einer war auch ich!
Diekmann.