Entwurf zur Geschichte der Oerlinghauser Sozialdemokraten
Von Fritz Soll sen.
Entwurf
Wenn wir in diesem Jahre den 100sten Geburtstag der Sozialdemokratie in Oerlinghausen feiern, dann soll dieses Büchlein einen Rückblick geben auf die Erfolge unserer Väter und Vorfahren, die diese Zeit durchlitten und durchstritten haben, in Hoffnung und Bangen. Aber immer sind sie die Sieger in einer guten Sache, für die nicht mit Reichtümern gesegneten Klasse der Bürger hervorgegangen.
Als 1863 auf der Paradieschen Zigarrenfabrik die ersten fremden Zig. Arbeiter aus Bremen (Wanderarbeiter) eingestellt wurden, brachten diese unseren ehemaligen Hauswebern nicht nur das Zigarrenmachen bei, sondern klärten diese auch in sozialen Fragen auf. Damit war der Kern gelegt und die Saat ging auf.
Als 1875 der Zigarrenmacher Hermann Ebbinghaus aus Hamburg zurückkehrte, wurde auf den "Zigarrenbuden" das Zeitungslesen eingeführt, da die Arbeit fast geräuschlos verlief, konnte der beste Leser (von der Arbeit freigestellt, da die anderen sein Pensum mitmachten) ungestört die Reichstagsreden Bebels, Molkenburs, Vollmers, Liebknechts und Schönlanks vorlesen. Dieses war für die damalige Zeit eine vorbildliche politische Schulung. Die Gründung eines Tabakarbeitervereins war die Folge.
Schon 1877 gingen die Tabakarbeiter dazu über zu streiken. Es war der erste in Oerlinghausen und ging verloren. 1878 wurde durch das Sozialisten-Gesetz auch der Tabakarbeiterverein verboten. Da Oerlinghausen in dieser Zeit über 100 Tabakarbeiter hatte, kann man sich vorstellen wie eifrig auch unter dem Sozialistengesetz weiter politische Arbeit betrieben wurde. Der Erfolg blieb nicht aus - 1879 = 4 Stimmen bei der Reichstagswahl - 1881 = 40 Stimmen und 1887 = 57 Stimmen. Zu 1881 ist noch zu bemerken das sämtliche 40 wahlberechtigten Tabakarbeiter der Sozialdemokratie ihre Stimmen gaben. Es waren harte Jahre, unter dem Sozialistengesetz, welches noch lange Jahre als Schandgesetz bezeichnet wurde. Als sich dann im Frühjahr 1889 abzeichnete das eine Verlängerung des Gesetzes im Reichstag keine Mehrheit mehr finden würde, wurde schon am 14. Juni 1889 hier ein Tabakarbeiter- Unterstützungsverein gegründet. Nun war die Marschrichtung klar. Noch im selben Jahr, im Vorfeld der Reichtagswahlen (1890) fand in der Wirtschaft Fritz Meyer - Sternenkrug - am 1. Dezember 1889 die Gründungsversammlung eines Arbeiter-Wahlvereins statt. Die Leitung der Versammlung lag in den Händen des Zigarrenmachers Karl Becker. Von den 7 aus Lemgo hier anwesenden Redner rief einer den Zuhörern zu: "Wir wollen so lange an unseren Reichstagskandidaten Keerl aus Bremen festhalten, bis das eine Kugel uns trifft oder wir eingesponnen werden!“ Einer der sieben Redner aus Lemgo war der Zigarrenmacher Breukmann. Da seit 1890 in Bielefeld das Parteiorgan "Die VoIkswacht" erschien, nahmen natürlich auch die lippischen Sozialdemokraten jede Gelegenheit wahr um auf sich aufmerksam zu machen. Siehe nebenstehende Anzeige.
Der Erfolg dieser Versammlung blieb nicht aus, schon im folgenden Jahr hatte der Wahlverein 160 Mitglieder. Bei der am 20. Februar 1890 stattgefundenen Wahl zum Reichstag wurden in Oerlinghausen 151 Stimmen für die Sozialdemokraten abgegeben. Nun glaubte auch die lippische Obrigkeit nicht mehr an die Berichte der Oerlinghauser Polizisten, daß es in Oerlinghausen keine nennenswerte Sozialdemokratie gäbe. Als in den letzten Apriltagen 1891 das Gerücht auftauchte das am 1. Mai mehr als 1.000 (tausend) Bielefelder Sozialdemokraten nach Oerlinghausen kommen wollten, zog die Detmolder Regierung Militär und Polizei in der Umgebung von Oerlinghausen zusammen und legte provisorische Gefängnisse an.
Aus der Maifeier ist nichts geworden. Wahrscheinlich war es das Angstdenken der lippischen Amts- und Regierungsräte. Dafür bescherten die Oerlinghauser Sozialdemokraten der Bevölkerung in der Nacht zum 30. August 1892 eine rote Fahne auf der Windmühle und nahmen den schwarz-weiß-roten Wimpel mit. Trotz 50 Goldmark Belohnung hielten alle zusammen und ließen den Dorfsvorstand vergebens suchen. Im Jahre 1893 standen im Dorfe Gemeindewahlen an. Da immer noch nach dem Dreiklassenwahlrecht gewählt wurde, (1. Klasse mit Steuern über 180. - Mark - 2. Klasse mit Steuern unter 180. - Mark und die 3. Klasse mit Steuern unter 40. - Mark. Der Verf.). Die Sozialdemokraten eroberten die gesamte 3. Klasse. Der Zigarren-Sortierer Carl Grote; der Zigarrenarbeiter Heinrich Gronemeier; der Ziegelmeister Fritz Hansing und der Bäcker Carl Diekmann zogen ein in den Dorfsgemeinderat. Dieser Erfolg zeigte sich auch bald in den Beschlüssen des Dorfsvorstandes. Die Zeit der Beckers, TöIken und Hölters wurde durch Zigarrenmacher und Handwerker abgelöst. Schon 1896 wurde an der Detmolderstraße wo fast alle Zigarrenfabriken lagen, einseitig ein Bürgersteig angelegt. Nun war es möglich trockenen Fußes ins Dorf zu kommen. Aber die lippische Regierung war schon lange auf das "Rote" Oerlinghausen aufmerksam geworden. Schon 1892 wurde eine Versammlung, auf der der Genossen Molkenbuhr sprechen sollte, von der Polizei aufgelöst, weil sich 16 Frauen in der Versammlung befanden.
Wie stark die "Alten" bei der Agitation in Anspruch genommen wurden, ersieht man am besten daran, daß nicht nur Oerlinghausen und Umgebung sondern auch Schötmar und die Stadt Salzuflen mit bearbeitet werden mußten, bis dort eigene Ortsgruppen entstanden. In der Senne ging es bis Haustenbeck. Bei der Reichstagswähl 1893 wurde das dortige Wahllokal noch von Oerlinghausern besetzt.
Im Oerlinghauser Turnverein schieden sich 1895 zum ersten Mal die Geister. Die sozialdemokratischen Mitglieder lehnten es ab an der Sedanfeier teilzunehmen. Sie gründeten darauf nach harten Auseinandersetzungen einen neuen Turnverein namens "Einigkeit"
Groß war die Freude, als es im Jahre 1900 bei den Wahlen zum Lippischen Landtag gelang, den Kandidaten des 7. Wahlkreises, unseren Genossen Karl Becker, nach harten Ringen in den Landtag zu bringen. Mit ihm zogen 3 weitere Parteigenossen, die Abgeordneten Schmuck, Ober und Clemens Becker in den Landtag ein.
Der "Wahre Jacob" begrüßte diesen Erfolg mit folgendem Gedicht:
1.
Das ist der Teutoburgerwald,
der so historisch geworden,
Hier schlugen die Deutschen voll wilder Kraft,
der Römer stolze Kohorden.
2.
Und lange genossen die Deutschen die Frucht,
von diesem großen Siege,
Es wurde der Teutoburgerwald,
germanischer Freiheits Wiege.
3.
Jetzt hat im Teutoburgerwald,
getobt der Kampf um die Dahlen,
Hie Bückeburg, hie Biesterfeld,
hieß es mit Drohen und Prahlen.
4.
Doch beide Parolen waren verfehlt,
nebst allen Ränken und Listen,
Es haben die Lippischen tapfer gewählt,
vier Vollblut - Sozialisten.
Unermüdlich wurde weitergearbeitet. Tm Jahre 1904 trat der Arbeiter Turnverein in den Arbeiter Turn - und Sportbund über.
Im Jahre 1906 weigerten sich die sozialistischen Mitglieder des Gesangvereins "Eintracht", die Feier der Silberhochzeit des Kaiserpaares mitzumachen. Nun kam auch hier die Scheidung. Die ausgetretenen Mitglieder gründeten den Arbeitergesangverein "Solidarität", der sich sofort der Arbeitersänger-Bewegung anschloß.
Schon gleich nach dieser Gründung, genau 14 Tage danach, kam es zur Gründung des Ortsvereins der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands-Ortsverein Oerlinghausen. Die 3 Vorstandsmitglieder Wilhelm Kronshage, Karl Brinkmann und Wilhelm Hellmich reichten am 6. Februar 1906 die Anzeige beim Amtmann in Schötmar ein. Die Zahl der Gründungsmitglieder betrug 56. Das Durchschnittsalter betrug 36 Jahre. Die Organisation "Der Milchmann" wurde beibehalten für diejenigen die noch keine, 18 Jahre alt waren, oder noch nicht gedient hatten. Trotzdem kam es immer wieder vor das welche ein rotes Kreuz im Wehrpass hatten und bei der Ableistung ihrer Wehrpflicht Schwierigkeiten hatten. Das wurde erst anders als 1909 ein neues Lippisches Vereinsrecht in Kraft trat, nachdem die Mitgliederlisten nicht mehr der Polizei vorgelegt werden brauchten.
Nachdem nun die Parteigründung vollzogen war, orientierte sich der Ortsverein immer mehr nach BielefeId, wohin schon seit mehr als 30 Jahren lose Beziehungen bestanden hatten. Carl Schreck, die Leitfigur der Bielefelder Sozialdemokraten tauchte immer mehr in Oerlinghausen auf. (Die alten Protokollbücher die uns über diese Zeit genaue Auskunft geben kennten, wurden 1933 beim Verbot unserer Partei beschlagnahmt und vernichtet. Der Verf.).
Aber noch etwas anderes wichtiges gelang den damaligen Parteigründern im Jahre 1906. Sie bekamen durch den Beitritt des Wirtes Carl Blome, der zu den Gründungsmitgliedern zählte, ein eigenes Parteilokal. Es war der Gasthof zum Tönsberg (später Ravensberger Hof. Der Verf.). Hier fanden bis spät in die 20er Jahre die Versammlungen und Parteifestlichkeiten statt.
Ein weiterer Schritt der Sozialdemokraten in Oerlinghausen war der um die Jahreswende 1905/06 gegründete Oerlinghauser Haushaltsverein. Man eröffnete gleichzeitig 4 Verkaufsstellen - 2 in Oerlinghausen, 1 in Helpup und eine in Asemissen. WiIheIm Kronshage war der Geschäftsführer dieses Unternehmens, bis zum Jahre 1908. Sein Nachfolger, bis 1914 wurde Gustav Kramer. (Vater unseres Altbürgermeisters Heinrich Kramer). 1914 trat der Haushaltsverein dem Lippischen Konsumverein bei. Den Anstoß hierzu gaben die Oerlinghauser Bäcker die sich weigerten den hiesigen Verkaufsstellen Brot zu liefern. Lagerhalter in der Verkaufsstelle Detmolderstraße 39 war August Schling, weIcher 1909 in die Gemeindevertretung gewählt wurde. Lagerhalter in der Verkaufsstelle Hauptstraße - Ecke Brachtshof (ein schmales langes Gebäude - abgerissen 19.., d. Verf.) war Wilhelm Hellmich bis 1920. Im Jahre 1908 baute der Haushaltsverein auf den Trümmern des 1901 abgebrannten Brachtschen Schlosses [?] 1922 jüngere Genossen in die Gemeindevertretung gewählt wurden, denn die "Alten" wollten abgelöst werden. Er selbst wurde 1922 in die Gemeindevertretung gewählt und 1925 und 1928 wiedergewählt. In seine Zeit fiel auch die Stadtwerdung 1926. Als Heinrich Räker 1929 nach Detmold verzog, wurde August Hausmann, welcher seit 1920 als Lagerleiter des Lippischen Konsumvereins, die Verkaufsstelle Nr. 17 in der Hauptstraße leitete, zum Parteivorsitzenden gewählt. Im Jahre 1926 wurde auch hier in Oerlinghausen die Schutz-Organisation "Reichsbanner” gegründet. Deren Vorsitzender, der Genosse Adolf Büker, hat es verstanden, mit deren Mitgliedern, in den Jahren bis 1933 den Schutz der Parteiversammlungen und der Arbeiterwohnviertel, gegenüber den Nazis, zu gewährleisten. Als denn in den dreißigern Jahren die Oerlinghauser Arbeiterschaft am Nachmittag des 1. Maitages auszog zum "Bunten Haus", dann war es ein gewaltiger Zug mit Frauen und Kindern. Das alles war aber plötzlich vorbei, als am 30. Januar 1933, der von der SPD im Jahre 1932 mitgewählte Reichspräsident Hindenburg, den Hitler zum Reichskanzler berief. (Es würde zu weit führen hier alle Einzelheiten der Vornazizeit in Oerlinghausen aufzuführen. Ich verweise an dieser Stelle auf das Buch "Eine rote Festung wird erobert” erschienen 1986. Der Verf.).
Am 22. Februar 1931 feierte der Ortsverein der Oerlinghauser SPD sein 25-jähriges Bestehen. Die Feier wurde umrahmt von den Arbeitersängern, den Arbeiterturnern und der Naturfreunde. Es sprachen August Hausmann, und die Genossen Linne und Felix Fechenbach, sowie Carl Schreck. Genosse Albert Schütte bedankte sich im Namen der "alten Kämpfer” (siehe Bild) für die Ehrung am heutigen Tage. Gerade sie wären es gewesen die 1906 den Namen "Sozialdemokratie" gewollt hätten, trotzdem sie schon jahrzehntelang dafür gestritten hätten.
Die Gemeinderatswahlen am 10. 1. 1932 hatten der SPD 44,9% der Stimmen gebracht. Aber die Front der "Bürgerlichen Parteien“ schrumpfte schon zugunsten der NSDAP zusammen. Bei der angeblich entscheidenden Landtagswahl in Lippe erhielt die SPD in Oerlinghausen 45,7% der Stimmen, die KPD = 12,6% und die NSDAP = 30,3%. Von der Bürgerlichen Einheitsliste nichts übriggeblieben.
Schon vor der am 5.3.1933 angesetzten Reichstagswahl wurden schon die ersten Kommunisten von der SA.-HiIfspolizei verhaftet. Die Wahl selbst zeigte das Oerlinghausen noch immer "Rot" war. Gegenüber der Landtagswahl vom Januar die der SPD 1.014 Stimmen brachte, errang sie am 5.3.33 1.012 Stimmen, trotzdem das Lippische Volksblatt schon verboten war. Aber gleich nach der Wahl traf auch den Sozialdemokraten die Verfolgung. Reichsbannerleute und Funktionäre landeten im Gefängnis und wurden teilweise auch mißhandelt. Den Vorsitzenden der SPD, August Hausmann, verhaftete man am 19. März und überstellte ihn gleich zum Detmolder Gefängnis. Dem mutigen Einsatz seiner Frau war es zu verdanken, daß er kurz vor seiner Verlegung nach Dortmund wieder freigelassen wurde. Aber Oerlinghausen durfte er nur mit Sondergenehmigung wieder betreten. Er war in seinem Heimatorte nicht mehr erwünscht. So erging es auch Albert Schütte der im Herbst 1933 nach Heidenoldendorf verzog, ebenso Fritz Prasse der hier auch nicht mehr erwünscht war. Im August 1933 wurden die letzten Sozialdemokraten verhaftet und inhaftiert. Die Sozialdemokratische Partei wurde am 22. Juni 1933 verboten. Trotz dieses Verbotes trafen sich einige Oerlinghauser Sozialdemokraten noch bis zum Juli 1934 mit den BielefeIder Parteigenossen in unregelmäßigen Abständen Sonntagsmorgens in Lämershagen in einem Waldstück. Da sich aber inzwischen auch einige Sozialdemokraten der NSDAP angeschlossen hatten, wurden bald darauf alle Treffen eingestellt.
Als dann 1939 die Warnung der ehemaligen Linksparteien wahr wurde, "Hitler bedeutet Krieg“ und 1941 die letzten Oerlinghauser Juden auf den Todestransport geschickt wurden, da wurde manchen der verbrecherische Charakter des Hitlerregimes klar.
Als dann am 3. April 1945 der Krieg für Oerlinghausen zu Ende ging, durch die Besetzung unserer Stadt durch amerikanische Truppen, da war auch fast der Nazispuk vergessen. Bei einer Bürgerversammlung am 5. April bei der man "vergessen hatte die ehemaligen Sozialdemokraten einzuladen“, wurde eine zweifelhafte vorläufige Vertretung gewählt. Diesem Spuk wurde auf einer weiteren Bürgerversammlung am 7. April 1945 ein Ende bereitet. Das Wahlergebnis war entsprechend:
Die Sozialdemokraten waren immer noch da!
Quellennachweis extra.
1/89 Fritz Soll