Oerlinghauser Ortsausschußsitzung - Zuschuß zur Sedanfeier
Oerlinghausen, 23. August. Ortsausschußsitzung vom 25. August. Genosse Kronshage kritisierte, daß, trotzdem in der letzten Sitzung einstimmig die Anfrage des Fürstl. Verwaltungsamts in Schötmar, ob ein Bedürfnis vorliege, der Frau Diekmann die Konzession auf Flaschenbierhandel zu genehmigen, bejaht worden sei, das Verwaltungsamt das Konzessionsgesuch in einem Schreiben vom 12. August wiederum abgelehnt habe. Es sei zwecklos, dem Verwaltungsamte auf derartige Anfragen zu antworten, wenn die darauf gefaßten und zwar einstimmig gefaßten Beschlüsse des Ortsausschusses von der Verwaltung nicht respektiert würden; er stellte den Antrag, beim Verwaltungsamte anzusregen, welche Gründe für die Ablehnung maßgebend gewesen seien. Hierbei trat der bureaukratische Stelzfuß zutage. Meinte doch das Mitglied Hofbüker, 1. Klasse, daß wir darin der Verwaltung nichts Hineinzureden hätten. Wenn die beantragte Frage gestellt würde, so würde der Ausschuß entweder keine Antwort bekommen oder eine derbe Nase, und diese wäre dann ganz gerechtfertigt. Wenn der Ausdruck gebraucht worden sei, daß in diesem Falle der Ortsausschuß als dummer Junge behandelt sei, so gebe er das zu, das sei eben einmal so und müsse auch so bleiben. Der Ortsausschuß sei eben eine untergeordnete Behörde und könne gegen derartige Entschließungen des Verwaltungsamtes nichts wollen. Herr Hofbüker scheint sich in die bureaukratische Dummen-Jungen-Rolle schon hineingelebt zu haben. Von unserm Genossen Kronshage wurde gegen eine derartige Verhandlung des Ortsausschusses protestiert und erklärt, daß bei weiteren derartigen Fällen unsere Genossen die Mitarbeit im Ortsausschuß ablehnen und das Mandat in die Hände der Wähler zurückgeben würden. Der Antrag Kronshage wurde mit 6 gegen 5 Stimmen angenommen. Punkt 1: Antrag der Interessenten Silbermann, Hanning und Frau Kulemeyer auf Bewilligung eines Zuschusses zu den Grunderwerbskosten bei Erbreiterung der Bielefelderstraße wurde abgelehnt. Bei Punkt 3: Antrag auf Bewilligung seines Beitrages zu der allgemeinen Sedanfeier, entspann sich eine sehr lebhafte Debatte. Vom Vorsteher wurde der Antrag empfohlen. Ausschußmitglied Tellmann erklärte sich gegen den Antrag. Für derartige Veranstaltungen sei der Steuersäckel nicht da, er wolle lieber zu einem event. Defizit freiwillig beisteuern. Hofbüker sowie Lehrer Husemann plädieren für den Antrag. Das patriotische Gefühl müsse wachgehalten werden und jetzt gerade, nach 40 Jahren, sei es angebracht, eine derartige Feier zu arrangieren, die Kriegsveteranen mit der Jugend dort zusammenzuführen, schöne Reden zu halten und so den patriotischen Geist wieder zu beleben. Genosse Kronshage stellte die Frage, wer der Antragsteller sei. Da wurde der Ortsvorstand sichtlich verlegen. Lehrer Husemann erklärte, daß er der Antragsteller sei, Im Laufe der Debatte stellte sich jedoch heraus daß dies gar nicht der Fall war. Es hat vielmehr der Ortsvorsteher die Vorstände der bürgerlichen patriotischen Vereine zusammen gerufen und mit diesen die Arrangierung der Feier besprochen. In dieser Besprechung soll dann der Wunsch geäußert worden sein, ein event!. Defizit aus der Ortskasse zu decken. Genosse Kronshage stellte fest, daß eine wirkliche Begründung des Antrages nicht erfolgt und aus den Erklärungen nicht die Notwendigkeit zur Bewilligung zu entnehmen sei. Er halte es geradezu für geschmacklos, derartige Feste zu veranstalten, wo die Reichsregierung nicht einmal Mittel habe, die Kriegsveteranen, welche 1866 und 1870/71 ihr Leben für das Vaterland in die Schanzen geschlagen haben, zu unterstützen und vor Elend zu bewahren. Er betonte, daß zwei Drittel der Bevölkerung Oerlinghausens derartigen Festen unsympathisch und teilnahmlos gegenüberständen, und dazu sollten Mittel aus dem Ortssäckel bewilligt werden? Redner wies daraus hin, daß durch die Reichsfinanzreform die minderbemittelten Klassen stark genug mitgenommen seien und daß bei einer neuen kommenden Militärvorlage diese wieder diejenigen sein würden, welchen die Lasten aufgehalst würden. Jetzt noch seien Tabakarbeiter brotlos. Dazu käme, daß in kurzer Zeit ein Teil der hiesigen Maurer infolge Arbeitsmangel arbeitslos würde. Wenn Vereine oder Herren das Bedürfnis hätten, Sedan zu feiern, so sollten sie von den Teilnehmern ein so hohes Eintrittsgeld erheben, daß sie die Unkosten decken könnten, oder man solle sich an die Herren wenden, die das Wort Patriotismus und Vaterlandsliebe so gern im Munde führen. Nun wurde die erste und zweite Klasse lebendig. Man rief nach einem Ordnungsruf und schien es nicht zu verstehen, daß ein Sozialdemokrat sich schämen würde, derartige Anträge dem Ausschuß zu unterbreiten. Der Herr Hofbüker machte dann seinem Herzen noch Luft gegen den Arbeiterturnverein. Er meinte, über das Steuernzahlen würde immer geklagt, aber wenn man dann, wie am vergangenen Sonntag, den Turnverein sähe, dann könne man sagen, für derartige Feste sei immer Geld da. Der Arbeiterturnverein scheint's dem Herrn angetan zu haben. Nach sehr lebhafter weiterer Debatte fand namentliche Abstimmung über den Antrag statt. Es stimmten für den Antrag die Herren Gronemeier, Hofbüker, Husemann, Bremer, sowie der Ortsvorsteher. Gegen den Antrag stimmten von der zweiten Klasse W. Tellmann und von der dritten Klasse unsere vier Genossen. Da Stimmengleichheit herrschte, hatte der Ortsvorsteher den Ausschlag zu geben und der stimmte mit Ja. Hieraus ist zu ersehen, wozu Steuern gebraucht werden. Was würden diese Herren Wohl sagen, wenn unsere Genossen einen Zuschuß zu einer Erinnerungsfeier an die Revolution von 1848 forderten?