Oerlinghausens erstes Elektrizitätswerk

Stadtgeschichte: Vor 115 Jahren ging Oerlinghausen sprichwörtlich ein Licht auf. Die ersten Straßen und Häuser wurden von einem neuen Elektrizitätswerk mit Strom versorgt

 

[Bild: Stromerzeugung anno dazumal: Große Generatoren im früheren E-Werk an der Zeppelinstraße versorgten die Stadt. Repros (3): Horst Biere / Quelle: Archiv Stadtwerke|| | © Horst Biere]

[Bild: Strahlkraft: Mit einem Blaskonzert am Silvesterabend 1901 wurden hier erstmals die Elektro-Straßenlampen in Betrieb genommen. - © Horst Biere]

Oerlinghausen. Sie stieß mächtig ins Horn, die Oerlinghauser Feuerwehrkapelle, die sich vor dem Gasthaus Reuter aufgebaut hatte. Am frühen Silvesterabend des Jahres 1901 gaben die uniformierten Musiker ein schwungvolles Blaskonzert. Und trotz der Dämmerung konnten die Bläser und Trommler ihre Noten gut vom Blatt ablesen, denn erstmals beleuchtete zusätzlich eine elektrische Laterne die Notenblätter vor den Instrumenten.

Oerlinghausen ging im wahrsten Sinn des Wortes ein Licht auf - vor 115 Jahren. Ein neues Elektrizitätswerk schickte erstmals Strom in ein kleines Netz, das sich vorerst auf 34 Straßenlaternen im Ortszentrum erstreckte. Nur zur Beleuchtung nutzte man den kostbaren Strom, denn das E-Werk auf dem Gelände der heutigen Stadtwerke steckte ja noch mitten in der Erprobungsphase.

Immerhin aber baute man in der Dorfgemeinde die Petroleumlampen, die die Straßen bislang notdürftig beleuchtet hatten, in der Ortsmitte ab und ersetzte sie durch hellere Glühlampen. Aus Gründen der Sparsamkeit aber stellte man die Petroleumlampen von der Hauptstraße in entfernteren, bisher unbeleuchteten Straßen wie dem Welschenweg und am Steinbült, wieder auf.

[Bild: Anteilschein: Gute Rendite versprachen die Beteiligungspapiere am Oerlinghauser E-Werk. - © Horst Biere]

Und die letzten Oerlinghauser Nachtwächter Büker und Schütte hatten fortan andere Kontrollgänge zu erledigen. Denn ihre Aufgabe war es aber immer noch, dafür zu sorgen, dass mit anbrechender Dunkelheit die Petroleumlampen angezündet wurden. Ferner mussten sie die Laternenscheiben reinigen und die Glaszylinder der Lampen stets sauber putzen.

Anfang des Jahres 1902 wurden auch die ersten Häuser ans Stromnetz angeschlossen. Man stellte immer mehr hölzerne Strommasten entlang der Straße auf, deren Kabel die Elektrizität über weiße Isolatoren aus Keramik zu den Gebäuden führten.

Bereits seit Mitte der 1890er Jahre befasste sich der Gemeinderat intensiv mit dem Thema "Strom für Oerlinghausen", denn in ganz Deutschland gründeten sich in jener Zeit in den Städten und Gemeinden neue Elektrizitätswerke. Auf dem Schützenfest im Jahre 1900 nutzte die Gemeindeverwaltung das große Festzelt, um die Oerlinghauser Bürger über eine eigene Stromversorgung abstimmen zu lassen. Die überwältigende Mehrheit war dafür.

Nur ein Jahr später, im August 1901, gründeten einige wohlhabendere Bürger eine Gesellschaft, um ein Elektrizitätswerk zu bauen. Als auch weitere Bewohner Anteilscheine an der GmbH kaufen konnten, hatte man alsbald das nötige Kapital für ein neues Werk beieinander. Übrigens hatte die Gesellschaft auch das Ziel, ein modernes Wasserwerk zu errichten, das aber erst zehn Jahre später in Betrieb ging.

Plan: Elektrische Straßenbahn

In kürzester Zeit entstand das E-Werk an der Zeppelinstraße, dessen Herzstück ein moderner Gleichstromgenerator war. Der Stromerzeuger wurde von einem 45 PS starken Sauggasmotor angetrieben, der seine Energie aus Kohleverbrennung bezog.

Zu den Gesellschaftern der jungen "Elektrizitätswerk GmbH" gehörten außer bekannten Handwerksunternehmen wie die Tischlerei Adolf Bobe, Malermeister Louis Ritterbusch, Klempnermeister Heinrich Tintelnot oder der Kaufmann Adolf Kochsiek auch der Webereibesitzer Carl Weber jr.

Die Weberei hatte ein großes Interesse am Ausbau der Elektrizität in Oerlinghausen. Der damalige Mitinhaber Richard Müller plante - übrigens gemeinsam mit einigen anderen Unternehmern in der Gemeinde - eine elektrische Straßenbahn zwischen dem Bahnhof Oerlinghausen und der Ortsmitte an der Hauptstraße verkehren zu lassen. Diese Bahn sollte nicht auf Schienen, sondern auf Vollgummireifen auf einer glatten Trasse zwischen Asemissen und Oerlinghausen pendeln und Waren der Unternehmen und auch Fahrgäste zum Bahnhof bringen.

Da der Ausbau des Stromnetzes in Oerlinghausen zu langsam erfolgte, zog der Webereibesitzer nach einigen Jahren seine Teilnahme am Straßenbahnprojekt zurück und setzte auf seinen eigenen Fuhrpark sowie auf Speditionen um die Leinenstoffe zum Bahnhof zu transportieren. Der Erste Weltkrieg 1914 machte den Oerlinghauser Straßenbahnplänen dann endgültig einen Strich durch die Rechnung.

Das Elektrizitätswerk aber bescherte Oerlinghausen ein schnelleres Wachstum. Die Wäsche- und Möbelindustrie sowie die Handwerksbetriebe schafften sich modernere elektrisch betriebene Maschinen an. Das gab neue Arbeitsplätze im Dorf. Das E-Werk selbst modernisierte sich trotz des Rückschlags durch den Krieg immer mehr. Man installierte einen Dieselmotor von 150 PS als Stromerzeuger im Jahre 1925, ein 300-PS-Dieselmotor startete 1928. Im Jahre 1936 dann kam noch ein Kohlegasmotor hinzu, um die Stromspitzen abzudecken.

Die Gemeinde und spätere Stadt Oerlinghausen hatte einige günstige Gelegenheiten wie die Inflationszeit dazu genutzt, um weitere Anteilscheine an der Elektrizitätsgesellschaft preiswert zu erwerben. Seit dem Jahr 1936 war die Stadt Oerlinghausen alleinige Besitzerin des E-Werks.

Die Stadtwerke als Betreiber der Oerlinghauser Stromversorgung wurden erst 1947 aus der Taufe gehoben. In jenen Nachkriegstagen fiel auch gleich die Entscheidung, in Oerlinghausen keinen Strom mehr zu produzieren, sondern die Energie vom großen Stromerzeuger Wesertal zu beziehen. Die ersten beiden Geschäftsfelder des damaligen Zwölf-Mann-Unternehmens bildeten Strom und Wasser.

Heute versorgen die Oerlinghauser Stadtwerke etwa 17.000 Einwohner mit Strom, Erdgas, Fernwärme und Wasser. Und sie betreiben das Abwasserwerk, die Bäder und Teile des öffentlichen Verkehrssystems. Es ist ein modernes Unternehmen entstanden, das seine Energie zu großen Teilen aus klimaschonenden Quellen wie dem Holzheizkraftwerk in der Südstadt bezieht.