Schon wieder eine Ratssitzung
Auszug aus dem „Oerlinghauser Anzeiger“
Zum Geleit!
Gemeindeordnung § 31 Absatz 1: ... jedoch soll der Rat wenigstens alle 2 Monate einberufen werden.
Absatz 3: Kommt der Bürgermeister seiner Verpflichtung zur Einberufung des Rates nicht nach, so veranlaßt die Aufsichtsbehörde die Einberufung.
Also steht es in der Gemeindeverfassung des Landes Nordrhein-Westfalen, doch der Herr Bürgermeister der Bergstadt Oerlinghausen denkt nicht im geringsten daran, danach zu verfahren. Selbst eine Anweisung der Aufsichtsbehörde (diese erfolgte am 18. 11. 1963 durch den Herrn Regierungspräsidenten an den Oberkreisdirektor; in dieser Anweisung wurde der Herr Oberkreisdirektor aufgefordert, auf eine termingemäße Einberufung des Rates in Oerlinghausen zu achten) kann den Herrn Bürgermeister nicht dazu bewegen, den Rat in vorgeschriebener Zeitspanne einzuberufen. Unser Herr Bürgermeister ist eben ein Mann fester Grundsätze und wenn er sagt: „Der Rat kommt zusammen, wann ich es will." Denn Oberkreisdirektor hin, Regierungspräsident her und die Gemeindeverordnung obendrauf, dann kommt der Rat zusammen, wann der Bürgermeister es für richtig hält. Basta!
Seit der letzten Ratssitzung, sie war am 19. 12. 1963, sind inzwischen knappe drei Monate ins Land gegangen ... und werte Mitbürger vernehmt die unglaubliche Kunde: bereits nächste Woche, am Dienstag, dem 19. März 1964, soll schon wieder eine Ratssitzung stattfinden. Die Tagesordnung ist bis dato nicht bekannt, aber Kenner örtlicher Verhältnisse munkeln von einer der üblichen Oerlinghauser Marathonsitzungen. Hier gebietet uns unsere philanthropische Gesinnung, allen interessierten Bürgern folgendes zu empfehlen, soll die Ratssitzung unbeschadet überstanden werden:
1. Man erwerbe 1 kg Hallo-Wach (in Drogerien und Apotheken erhältlich) und nehme während der Ratssitzung stündlich 100-200 g zu sich. Mit Hallo-Wach können auch die letzten Tagesordnungspunkte in geistiger Frische miterlebt werden. Bekanntlich sind die letzten Tagesordnungspunkte Oerlinghauser Ratssitzungen die wichtigsten.
2. Man nehme sich einen wohlgefüllten Henkelmann mit. Die Mitnahme eines Henkelmannes oder eines ansehnlichen Butterbrotpaketes soll demnächst vom Verein für Bürgerselbstschutz zur Vorschrift gemacht werden. Bürger, die ihre „Sitzungsverpflegung" bisher mitzubringen vergaßen, gingen bereits nach der 4. Sitzungsstunde und erlebten den wichtigsten Teil der Ratssitzungen nicht mehr, weil sie Gefahr liefen, vorher verhungert zu sein.
3. Man versorge sich mit einem Fäßchen Bohnenkaffee, a) Zur Behandlung, falls Wirkung durch Hallo-Wach nachläßt, b) Hier gilt das unter Punkt 2 gesagte. Statt verhungern lies verdursten.
Wer dies beachtet, kann in eigener Anschauung erleben, was in Oerlinghauser Ratssitzungen vor sich geht. Er sieht wie die Ratsherren, ermüdet von langer Sitzung und unnötig strapaziert durch endlose Debatten über relativ unwichtige Punkte der Tagesordnung, kaum noch Konzentration für die wichtigsten Punkte, die ziemlich am Ende der Tagesordnung stehen, aufbringen. Erfolg: Dinge die des Debattierens wert sind, werden im Null-Komma-nichts bis zum Beschluß durchgepeitscht, ohne daß Für und Wider abwägend beachtet worden sind. Darum können wir nur jedem Bürger empfehlen: Nehmen Sie an den Ratssitzungen teil - bis zum Schluß! Sie sind dann nicht mehr auf die widersprüchlichen Berichte verschiedener Gruppen, die in den letzten Monaten die Öffentlichkeit beunruhigten, angewiesen. Sie sehen und hören selbst und wissen, Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden.