Stiege ins Stroh

Dritte Twetenfolge widmet sich der Herberqsstiege

 

Oerlinghausen. Zu den Gassen, Tweten, Stinken und Stiegen, die in Oerlinghausen beschildert wurden, gehört auch die Herbergsstiege. Sie ist nach Braustiege und Altem Postweg die dritte Twete, der sich Heimatkenner Werner Höltke in einer losen Folge über die alten Gassen der Bergstadt widmet. Ihre Geschichte ist - wie der Name schon sagt - eng mit der Jugendherberge verbunden.

Die Herbergsstiege führt von der Hermannstraße oberhalb des Stadthotels über die Jägerstraße zur Jugendherberge am Kammweg. Während die benachbarte Himmelsleiter 233 Stufen aufweist, hat sie lediglich 159 Steinstufen. Das längere Teilstück bis zum Kammweg hatte anfangs Holzstufen.

Nach dem Abriss einer im Jahr 1896 errichteten Freiluftkegelbahn des Hotels Kiffe, des späteren Stadthotels, wurde der Verbindungsweg von der Hermannstraße zur Jägerstraße nach oben versetzt. Entlang der neu angelegten Treppe wurde die Möbelfabrik Heißenberg errichtet. Die Eigentumswohnungen, die heute dort zu finden sind, wurden nach dem Abriss der Nachfolgefirma Loewe Druck gebaut.

Aus der Geschichte des Jugendherbergswesens wissen wir, dass es schon ab dem Jahr 1922 Strohbetten für Wanderer im Dachgeschoss der Volksschule gab. Schon im ersten Jahr übernachteten in der Notbleibe etwa 2.000 Jugendliche. Als das Interesse weiter stieg, war das Provisorium überfordert.

Inzwischen war unter dem Vorsitz des Lehrers Wilhelm Holzkamp ein Verein gegründet worden, der sich für den Bau einer Jugendherberge stark machte. Der Gau Oberweser im Jugendherbergsverband erkannte schließlich die Notwendigkeit, und die Stadt stellte ein Baugrundstück zur Verfügung. Im Mai 1928 war Grundsteinlegung, am 9. Juni 1929 wurde groß Einweihung gefeiert.

Die Jugendherberge fand in dem Folgejahren guten Zuspruch. Bis 1933 kamen jährlich etwa 5.000 Wanderer. Dann wurde das gesamte Jugendherbergswerk der Reichsjugendführung unterstellt. Von da an diente das Gebäude Schulklassen auch zu politischen Schulungen.

Schlimme Tage musste die Jugendherberge bei den Kämpfen um Oerlinghausen an den Ostertagen 1945 über sich ergehen lassen. Das hochgelegene Haus wurde von einer Granate im Dachgeschoss getroffen. Bei den Kampfhandlungen wechselten mehrmals die Besetzer. In dieser für sie verzweifelten Lage wählten mehrere Hausbewohner den Freitod. Die schweren Schäden am Gebäude waren jedoch schon einen Monat nach Ende der Kämpfe wieder beseitigt. Das lag unter anderem daran, dass in jener Zeit alle 15 bis 16-jährigen Jungen bei den Aufräumarbeiten helfen mussten. Zu ihnen gehörte auch Autor Werner Höltke.

An der höchsten Stelle der Herbergsstiege liegt hinter einer Bruchsteinmauer der schon im 18. Jahrhundert angelegte jüdische Friedhof. Die Grabsteine zeugen davon, dass es schon vor 250 im damaligen Dorf Oerlinghausen jüdische Mitbürger gab. Die letzte Beerdigung hat im Jahr 1936 stattgefunden.

Von den oberen Stufen der Herbergsstiege zweigt auch der Philosophenweg ab. Er wurde im Jahr 1896 vom neu gegründeten Heimat- und Verschönerungsverein angelegt und führte mehrere 100 Meter an der Nordseite des Tönsberges entlang.

[Bild: Ansicht von 1955. in der Mitte des Bildes ist das Haus Huwendiek auf dem Tönsberg zu sehen. Darüber liegen, im Schatten der Bäume, der jüdische Friedhof und, noch höher, die Jugendherberge. Zwischen den Hecken führt links die Herbergsstiege entlang. ARCHIV: HÖLTKE]