Wanderparadies am Teuto
[Bild: Postkarte „Sommerfrische Oerlinghausen“.]
[Bild: Reklame anno dazumal: Das Hotel „Stadt Bremen" (später „Stadthotel" warb mit dem besonderen Komfort des Hauses. | © Repro: Horst Biere]
Oerlinghausen. Der Deutsche Wandertag 2018 hat es gezeigt: Oerlinghausen gilt als echtes Highlight im Wandertourismus unserer Tage. Doch ganz neu ist diese Erkenntnis nicht. Schon um 1910 pries ein Wanderführer des damaligen Verschönerungsverein die Waldwege der „Sommerfrische“ am Tönsberg in leuchtenden Farben: „Oerlinghausen, Station der Eisenbahnlinie Bielefeld-Lage-Hameln, ist eines der höchstgelegenen Dörfer des Fürstentums Lippe. Malerisch schmiegt sich der Ort um den Fuß des ca. 300 Meter hohen Tönsbergs. Es finden sich manche lauschige Plätzchen zum Atmen reiner erquickender Waldluft, schöne Aussichtspunkte, gut gepflegte Wege mit Bänken zum Ausruhen.“
Die schwärmerische Reklamesprache von damals lobte den Urlaub im Dorf über den grünen Klee: „Wer Ruhe und Erholung sucht, wer dem Getriebe der Städte entfliehen möchte, wer ein offenes Auge hat für die hehren Schönheiten der großzügigen Bergwelt und die intimen Reize idyllischer Talgründe, der wird in Oerlinghausen gern verweilen.“
Doch wie kamen die Feriengäste seinerzeit nach Oerlinghausen? Vor allem mit der Eisenbahn. Wer als Tourist zu Kaisers Zeiten nach Oerlinghausen reiste, der ließ sich nach seiner Ankunft am Bahnhof in Asemissen mit der Pferdekutsche abholen und den Berg hinauf bis zu einer der zahlreichen „hübsch gelegenen Pensionen oder Gästehäuser“ fahren. Dabei genoss er schon einen ersten Blick auf das „freundliche Dorf und seine sauberen Straßen“.
Der wohlhabende Tourist dagegen stieg am Bahnhofvielleicht in den modernen „Hotel-Omnibus“ des Hotels „Stadt Bremen“ (heute Stadthotel), der zu jedem Zug fuhr. Das Hotel besaß bereits eine luxuriöse Ausstattung: warme und kalte Bäder, ein separates Schreibzimmer, „Central-Heizung“, und „Elektrisch Licht“. Wer dann am nächsten Morgen zur Druckerei und Papierhandlung Carl Blume hinüberspazierte, der konnte für 30 Pfennig den frischgedruckten Wanderführer über den Luftkurort im Teutoburger Wald erwerben. Damit stand ihm das „Wanderparadies“ Oerlinghausen offen, nun konnte der Tourist zu Kaiser Zeiten seinen Aktivurlaub beginnen.
Schon der Aufstieg zum Tönsberg war detailliert beschrieben: „Eine ganze Anzahl Wege führen vom Dorfe in die Höhe. Der kürzeste geleitet uns direkt vom Hotel Stadt Bremen durch den Hotelgarten auf Treppen in etwa 3 Minuten auf ein Plateau. Nach allen Seiten tun sich weite Blicke auf.“
Voller Emotionen schildert die Broschüre die freie Aussicht von der Kumstonne aus, denn damals war der Tönsberg noch weitgehend unbewaldet.
»Alles atmet Ruhe und Frieden«
„Seltene Gegensätze sind es, die sich dem Auge bieten. Im Norden lachende, blühende fruchtbare Gefilde mit verstreut liegenden größeren und kleineren Gehöften.“ Dann der Blick zur Senne: „Welch anderes Landschaftsbild im Süden! Eine endlose dunkle Ebene von brauner Heide, gelbe Sandflächen, düsteren Kiefernwaldungen und vereinzelt liegenden Ortschaften.“ Der Wanderführer fasst zusammen: „Dort das Bild tatkräftigen Lebens, hier ernste Einsamkeit.“
Auf dem Gebiet der Dorfschaft Oerlinghausen fand der Feriengast zahlreiche kürzere Wanderwege: durch den „Pieper“ zur Hünenkapelle, zum Philosophenweg, („bei Südwestwinden völlig geschützter reizender Promenadenweg“) oder eine Wanderung im „Menkhauser Bruch“.
Bei der Beschreibung des Schopketals lief der Autor des Reiseführers zu Höchstform auf: „Das Schopketal ist ein gar lieblich Wald- und Wiesenidyll, welches uns nach der Wanderung auf dem Rücken des Tönsbergs anmutet wie sanftes Wiegenlied nach brausenden Akkorden. Alles atmet Ruhe und Frieden.“ Mitten im Schopketal lag seinerzeit das Schopkebad, ein „lieblich gelegener, künstlich aufgestauter Weiher rings umgeben von hohen bewachsenen Sandhängen.“ Doch auf eine strenge Badeordnung musste sich der Oerlinghausen-Tourist dabei einstellen: „Badezeit für Damen ist Montag, Mittwoch und Freitag von 3-7 Uhr nachmittags, für Herren die übrige Zeit.“
"Ein herrliches Vergnügen"
Der Wanderweg durchs Schopketal ging noch weiter: „Vor der Badeanstalt überschreiten wir auf leichter Brücke das Bächlein und folgen nun dem Lauf des Wassers auf nicht zu verfehlendem Wege immer am linken Ufer des murmelnden Baches bleibend bis zum Menkhauser Mühlteiche.“
Auch längere Tagestouren beschrieb der Wanderführer von 1910. Nach Stapelage und zurück in drei Stunden, zur Gartenwirtschaft „Rollkrug“ und zurück in zwei Stunden oder aber für „beste Fußgänger“ die Wege zum Hermannsdenkmal und zurück in siebeneinhalb Stunden. Wer noch weiter wandern wollte, dem schlug die Broschüre den Weg zu den Externsteinen oder zum Jagdschloss Lopshorn des lippischen Fürsten vor: „Ein herrliches Vergnügen - inklusive Schlossbesichtigung, Jagdtrophäen, Gestüt und Gartenwirtschaft.“
Erstmals entdeckte auch die Oerlinghauser Geschäftswelt das Thema „Tourismus“ für sich. Der Wanderführer bildete eine willkommene Gelegenheit, um sich durch Werbung einem größeren Publikum zu präsentieren. Fast alle Pensionen, Gaststätten, Cafes, aber auch Kolonialwarenläden platzierten ihre Anzeigen im Inseratenteil der Broschüre. Übrigens, ein Nachdruck der kleinen Wanderfibel wurde im Jahr 2016 aufgelegt. Die Ortsgruppe Oerlinghausen im Lippischen Heimatbund förderte die historische Broschüre, die im örtlichen Buchhandel zu erwerben ist.