Als die Schopke noch die Grenze war
[Bild: Ein Blick auf die Dorfschaft Oerlinghausen und das lippische Grenzgebiet etwa um 1850.Die Zeichnung stammt von Emil Zeiss. | © unbekannt]
Oerlinghausen. Eine bewachte Grenze unmittelbar vor unserer Haustür?
Unvorstellbar im heutigen grenzenlosen Europa. Doch nur wenige Kilometer vom Oerlinghauser Ortszentrum entfernt existierte vor zwei Jahrhunderten eine Staatsgrenze, die zu vielen Streitigkeiten, Schmuggeleien und ständigen Kontrollen führte - zwischen der preußischen Grafschaft Ravensberg und der Grafschaft Lippe.
Einige kuriose Situationen im Grenzgebiet zwischen Preußen und Lippe beschrieb der Historiker und Genealoge Uwe Standera vor einem großen Zuhörerkreis im Jägerhaus. „Die preußisch-lippische Grenzkarte von 1784“ stellte er den Mitgliedern des Heimatbundes vor. „Die Grenze teilte Dörfer, manchmal Höfe und einmal sogar ein Haus“, sagte Standera mit Blick auf eine historische Karte, die den Grenzverlauf zwischen Vlotho im Norden und Dalbke im Süden zeigte.
„234 Grenzsteine setzte man seinerzeit zwischen Weser und Senne, um die beiden Staatsgebiete zu markieren.“ Einige der Grenzsteine seien heute noch erhalten. Wie zum Beispiel in der Nähe des früheren Rollkrugs, wo auch ein Schlagbaum die Straße versperrte.
„Bechterdissen - im heutigen Leopoldshöhe-war ein geteiltes Dorf. Der Sussieksbach bildete die Staatsgrenze zwischen Preußen und Lippe“, zeigte der Historiker auf. In Nienhagen verlief die Grenze sogar mitten durch den Hof Eickmeyer. Und im Stukenkotten, ein Haus, das zum Hof Detering gehörte, lagen die Wohnstuben in Lippe, der Rest des Hauses in Preußen. Es war ein heilloses Durcheinander, das die Obrigkeiten der beiden Staaten immer wieder beschäftigte.
Importkaffee
Auf Oerlinghauser Gebiet war die Situation noch verzwickter. Denn zum sogenannten Kirchspiel Oerlinghausen, also der evangelischen Kirchengemeinde, gehörten nicht nur die Gläubigen aus Lippe, sondern auch aus dem preußischen Ubbedissen sowie aus Lämershagen und der Senne.
Also mussten sonntags viele Kirchgänger aus Ubbedissen oder Lämershagen die Grenze passieren, hörten den Gottesdienst in der Alexanderkirche und wanderten nachmittags wieder zurück nach Preußen. Da zwischen den beiden Staaten auch Zoll erhoben wurde, führte dies automatisch zu einem blühenden Schmuggelwesen. Der begehrte Importkaffee zum Beispiel kam auf der Schmugglerroute über den lippischen Weserhafen Erder ins Land und wurde bei Nacht und Nebel über den Grenzbach Schopke nach Preußen transportiert und dort mit Gewinn verkauft.
Der Lipperreiher Bartholdskrug galt für lange Zeit als das bekannteste Schmugglerlokal, denn der „Bartholdskrüger“, wie übrigens auch sein Nachbar der „Jacobskrüger“, spielte eine zwielichtige Rolle bei den illegalen Transporten über die nahegelegene Grenze. Einmal tricksten die preußischen Zollbehörden den Krugbesitzer Grote vom Bartholdskrug aus, indem sie ihn auf preußisches Gebiet lockten. Er wurde dort festgenommen und ins Gefängnis nach Soest gebracht.
Im Prozess wurde er zu einer erheblichen Strafe verurteilt, doch die lippischen Behörden wandten sich sogar an das Auswärtige Amt in Berlin. Schließlich sei Grote lippischer Bürger, und Preußens Justiz sei nicht zuständig. Doch der Fall erledigte sich von selbst, denn Gastwirt Grote war es gelungen, aus dem Gefängnis zu fliehen, und kam letztlich wieder wohlbehalten in seinem Lokal am Hellweg in Lipperreihe an.
Hund im Sack
Uwe Standera beschrieb einige weitere amüsante Grenzgeschichten, die sich am Schlagbaum abgespielt haben sollen: wie zum Beispiel ein Schmuggler mit einem geschulterten Sack die Grenze passieren wollte. Als er seinen Sack auf Befehl öffnete, sprang ein Hund heraus und lief davon. Beim zweiten Grenzübertritt passierte ähnliches. Der Grenzgänger beschwerte sich bei den Zollbeamten, weil er ständig seinen Hund einfangen musste. Beim dritten Grenzübertritt brauchte er seinen Sack nicht mehr zu öffnen. Doch da hatte er längst Schmuggelware im Transportsack und seinen Hund zu Hause gelassen.
[Bild: Uwe Standera (L), Historiker und Genealoge (Ahnenforscher) aus Bielefeld, sprach über die preußisch-lippische Grenze. Neben ihm Helmut Bracht, Vorsitzender der Ortsgruppe Oerlinghausen im Lippischen Heimatbund. | © Horst Biere]
Der „Jakobskrüger“ habe in den 1730er Jahren einen älteren Mann aus dem preußischen Bielefeld als Gast aufgenommen. Als dieser verstarb, wollte der Krugbesitzer keine Schwierigkeiten mit den Behörden bekommen, zimmerte eine Kiste und beförderte die Kiste mit dem Verstorbenen in den Menkebach an der Grenze. Doch das lag zu dicht an seinem Hof, und so brachte er die Kiste mit Inhalt nachts auf preußisches Gebiet und stellte Holzkiste und Leichnam neben dem Hellweg im Straßengraben ab.
Zollgebühr für Bären
Einige der früheren Zollgebühren, die beim Übertritt auf fremdes Staatsgebiet fällig wurden, nannte Uwe Standera ebenfalls. In alten Dokumenten fand er Nachweise wie viele „Heller“ zu entrichten waren, wenn man Leinenstoffe oder Lebensmittel überführte. Sogar die Zollgebühr für einen Bären, der offenbar zu einem vagabundierenden Gaukler gehörte, war dort aufgelistet.
Auf Personen wurde offenbar kein Zoll erhoben, wohl aber wenn diese Menschen jüdischen Glaubens waren. Auf großen Tafeln habe man am Schlagbaum die wichtigsten Zollgebühren angezeigt. Ein höchst unübersichtlicher Grenzverlauf habe in Dalbke geherrscht. Denn dort, wo heute die Dalbker Straße auf die ehemalige Bundesstraße 68 mündet, lag das sogenannte „Dalbker Vierländereck“. Hier trafen der Freistaat Lippe, die Grafschaft Ravensberg, die Grafschaft Rietberg und das Bistum Paderborn aufeinander.
Viele Grenzprobleme lösten sich letztlich auf, als im Jahre 1842 auch der Staat Lippe seinen Widerstand gegen ein gesamtdeutsches Zollgebiet aufgab und dem Deutschen Zollverein beitrat. Damit hörte das Schmuggelunwesen auf. Doch die rechtliche Eigenständigkeit Lippes im Deutschen Reich blieb noch lange bestehen und endete erst nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahre 1947, als Lippe ein Teil Nordrhein-Westfalens wurde.