Die Biber im Schopkethal bei Oerlinghausen
Der Weg von Bielefeld nach Oerlinghausen, welcher, durch das Gebirge und über den Berg führend, von den Verschönerungsvereinen der genannten Orte durch Abzeichen an den Bäumen zu Nutz und Frommen der Wanderer in anerkennenswerther Weise genau bezeichnet ist, führt kurz vor Oerlinghausen durch das sich nach Südwesten öffnende und anmuthig gelegene, wald- und wiesenreiche Schopkethal, ein Thal, welches eines der wenigen Thäler des Kalkhöhenzuges des Teutoburger Waldes ist, das im Winter wie im Sommer von einem Gebirgsbache durchflossen wird. Das Thal wie seine beiderseitigen Hänge sind angefüllt von gewaltigen Sandmassen, welche der Auswaschung des Sandsteinhöhenzuges zwischen Tönsberg und Menkhauserberg ihren Ursprung verdanken, zwei Bergen, welche, durch keine Thallücke getrennt, in früherer Zeit zusammenhingen und einen gemeinschaftlichen Kamm bildeten.
In diesen Sandablagerungen wurde im Jahre 1893 ein Fund gemacht, welcher beweist, daß in ihnen die Biber in verflossenen Zeiten ihre Wohnungen gebaut haben. Damals fanden Arbeiter, welche bei dem Bau der Mühle von Friedhof beschäftigt waren, in dem Sandbruch, dessen Massen sich bei der genannten Mühle etwa 60 Fuß über die Thalsohle erheben, wichtige Knochenreste. Herrn Gastwirth Nagel zu Oerlinghausen, welcher sie erwarb, ist es zu verdanken, daß diese Funde für die Wissenschaft nicht verloren gingen. Er sandte sie Herrn Professor Weerth in Detmold, welcher sie als Biberschädel erkannte. Einer dieser Schädel befindet sich zur Zeit im Museum in Detmold, der andere ist im Besitz des Herrn Gutsbesitzers Steinmeister auf Gut Menkhausen bei Oerlinghausen, wo Verfasser diesen Schädel gesehen hat.
Dieser Fund hat auf den ersten Blick etwas Ueberraschendes. Doch wissen wir ja, daß noch heutzutage der Biber in Deutschland heimisch ist, nämlich an der Elbe, wo er sich unter staatlichem Schutz an verschiedenen Orten gehalten hat und wo sich in der Oberförsterei Lödderitz noch eine bauende Kolonie vorfindet. Weniger bekannt ist es indessen, daß noch in unserm Jahrhundert der Biber bei uns in Westfalen gelebt hat, dessen Ortsnamen schon auf die Häufigkeit dieses Nagers Hinweisen, so z. B. die Namen: Haus Bever, Bach Bever, Ost- und Westbevern, Bevergern, Beverungen. Desgleichen hat auch das Stammwappen derer von Beverförde Biber aufzuweisen. Für uns ist durch den oben erwähnten Fund am Menkhauser Bache das Vorkommen des Bibers im Quellgebiet der Ems nachgewiesen. Nach Landois kam der Biber jedoch auch in der benachbarten Lippe vor, und zwar noch zu Anfang dieses Jahrhunderts. Die vorletzte Aebtissin des Klosters Kappel bei Lippstadt ließ daselbst den letzten Biberbau zerstören und das letzte Pärchen erschießen.
Am längsten hat sich bei uns dieses Nagethier am Ufer der Möhne im Arnsbergischen erhalten. Herr Professor Pieler in Arnsberg hat darüber nach den Akten der Kurfürstlichen Regierung daselbst der Zoologischen Sektion für Westfalen ausführlich berichtet. Aus diesem Bericht entnehmen wir, daß die Ausrottung der Biber an der Möhne aus zwei Gründen unausbleiblich war, nämlich wegen der fortschreitenden Kultur, besonders der Wiesenkultur und wegen der Wilddieberei. Die Biber richteten durch Unterwühlen des Bodens, in welchen infolgedessen auch weidende Kühe einsanken und verendeten, sowie durch Abbeißen der Uferweiden großen Schaden an und waren deshalb Verfolgungen ausgesetzt. Die Wilddiebe ließen sich durch die hohen Geldstrafen nicht von der Verfolgung der Biber abhalten, da der Preis, der für ein Biberfell und das Bibergeil gezahlt wurde, viel höher war als die aus die Wilddieberei gesetzte Strafe. So konnten auch die Bemühungen der preußischen Regierung für die Schonung und Hegung der Biber das Aussterben derselben in Westfalen nicht verhüten: Am 13. Mai wurde der letzte Biber in Westfalen, über den wir sichere Kunde haben, aus einer Wiese an der Möhne mit einem Knittel erschlagen.
So wurde unsere heimische Thierwelt um eines der bemerkenswertesten Geschöpfe gebracht; und wir können uns freuen, daß das gänzliche Aussterben des Bibers in Deutschland bis jetzt noch glücklich hat vermieden werden können.
Sollten diese Zeilen dazu beitragen, euch für unsere engere Heimath, für das Gebiet des Teutoburger Waldes, geschichtliche Nachforschungen nach dem Vorkommen des Bibers in historischer Zeit zu veranlassen, soweit solche noch nicht gemacht sind, so wäre der Zweck dieser Zeilen erreicht. Auch ein negatives Resultat wäre hier werthvoll, da es wahrscheinlich machen würde, daß das Aussterben des Bibers bei uns verhältnismäßig weit zurückliegt. In solchen Fragen, wie der beregten, können und müssen sich Natur- und Geschichtsforschung die Hand reichen.