Die Nachbarn von der Detmolder
Wie lebte man im früheren Oerlinghausen? Die Geschichte des Hauses von Ziegelmeister August Reuter verrät viel über die „gute alte Zeit“
[Bild: Glückliche Tage: Zu einer kleinen Hochzeitsreise mit dem Bus startet das junge Paar auf der Detmolder Straße im Sommer 1953 und lädt dazu die Verwandten ein. Rechts im Bild Werner Höltke. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Werner Höltke]
Oerlinghausen. Es war eine echte Überraschung für August Reuter, die ihm da im Herbst 1890 per Brief ins Haus flatterte. Und sie stellte ihm einen tollen Karrieresprung in Aussicht. Der Oerlinghauser Ziegelmeister bekam von der preußischen Regierung das Angebot, in der deutschen Kolonie Kamerun in Afrika eine Ziegelproduktion aufzubauen. Doch die Riesenchance kam denkbar ungelegen, denn August Reuter plante gerade, ein neues eigenes Haus an der Detmolder Chaussee Nr. 36 zu errichten. Aber das Berufsangebot konnte er nicht ausschlagen. Ortshistoriker Werner Höltke erzählte die Geschichte seines Großvaters August Reuter vor vielen Gästen im Jägerhaus.
Im Frühjahr 1891 startete Reuter zu seiner Auslandsmission, zeitgleich mit dem Beginn der Schachtarbeiten zu seinem Neubau. Begleitet von seiner Frau Lina fuhren er und sein mitreisender Zieglerkollege Wilhelm Korte aus Helpup nach Hamburg. Ein Dampfschiff brachte die beiden Lipper in sechs Wochen ins tropische Kamerun.
Manche zogen den Hut vor dem sprechenden Papagei
[Bild: Tante-Emma-Laden: Berta Nüschens Lebensmittelgeschäft an der Detmolder Straße 43 lag schräg gegenüber von August und Lina Reuters Wohnhaus. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Werner Höltke]
Das Haus an der „Detmolder“ aber wuchs, Lina Reuter und die Familie kümmerten sich um den Neubau. Und die bewährte Baufirma und Tischlerei Bobe aus der Nachbarschaft sorgte für eine solide Ausführung mit Bruchsteinen aus dem Bobeschen Steinbruch. Lina Reuter, geborene Nolte, konnte tatkräftig zupacken. Sie stammte ebenfalls aus einer Zieglerfamilie von der Holter Straße, hatte in der Oerlinghauser Spinnschule am späteren Marktplatz das Spinnen gelernt, perfektes Kochen und Bügeln lagen ihr ebenfalls. Und die Haushalte des Apothekers Melm und des Leinenhändlers Weber beschäftigten sie gern. Alle 14 Tage übernahm sie außerdem die Bügelarbeiten der Gutsbesitzer von Niederbarkhausen.
Nach eineinhalb Jahren kam August Reuter wieder, denn sein Kollege Korte wurde von einer heftigen Tropenkrankheiterwischt. Im Gepäck hatte Reuter einen Papagei. Der sprachbegabte Vogel war die Attraktion in Oerlinghausen. Er bekam einen Sonderplatz in der Veranda des neuen Hauses, direkt an der Detmolder Chaussee. Manche Passanten sollen sogar den Hut gezogen haben, wenn der Papagei sie mit einem fröhlichem „Guten Tag“ begrüßte. „August Reuter aber hieß seitdem in der ganzen Gemeinde nur, Kamerun-Reuter“, erzählte Werner Höltke über seinen Großvater.
Oerlinghausen entwickelte sich mächtig am Anfang des 20. Jahrhunderts. Es gab erstmals Elektrizität, und überall säumten seit 1901 hohe Strommasten die Straßenränder. Viele Straßen wurden nun gepflastert, und bald versorgten auch Wasserleitungen die Wohnhäuser und ersetzten so die Hausbrunnen. Ein neuzeitliches Abwassersystem wurde ebenfalls in den Bürgersteigen entlang der Kopfsteinpflasterstraße verlegt.
Der Erste Weltkrieg veränderte vieles, denn Oerlinghausen wurde zum Garnisonsstandort erklärt. Die kaiserliche Heeresleitung ließ in den Wohnhäusern nun Unteroffiziere und Feldwebel des 145. Infanterieregiments unterbringen, während man die Mannschaften in den Sälen der Gasthöfe einquartierte. Auch Familie Reuter überließ dem Militär einen Wohnraum. Aber das Verhältnis zwischen den Hausbewohnern und den zumeist aus dem Elsass stammenden Soldaten war offenbar gut. Man unternahm sogar gemeinsame Ausflüge und Wanderungen.
„Der Zusammenhalt unter den Menschen war insgesamt deutlich stärker als heute“, sagte Werner Höltke. Die Nachbarn trafen sich über Jahrzehnte hinweg oft am Feierabend in der Veranda oder in der guten Stube zum Plaudern. „Schneiderfeier nannte man die Abendzeit, wenn man - um teuren Strom zu sparen - in der Dämmerung ohne Licht zusammensaß“, erzählte über das Leben seiner Großeltern.
Häufig kamen die Altersgenossen von August Reuter zum Skatspielen: der jüngere Bruder Ernst Reuter, der Schneidermeister Hermann Stieghorst und der jüdische Nachbar, der Viehhändler Julius Windmöller. Es wurde dann rege diskutiert. Oftmals auch ging’s dabei sehr laut zu, wenn man sich über die politische Lage uneins war. Lina Reuter konnte die Runde aber schnell mit einigen Gläsern Wacholder beruhigen.
Zwar gab es viele kleine Läden an der Detmolder Straße, doch die Familien versorgten sich zum großen Teil mit Früchten aus dem eigenen Garten. Die meisten Häuser besaßen seinerzeit einen Viehstall, sowie einen Heu- oder Strohboden. Zwei Schweine wurden jedes Jahr im Stall gefüttert, die einen Auslauf in den Garten besaßen. Auch eine Ziege gehörte zur Hausgemeinschaft.
Es war die Aufgabe der Kinder, die Ziege zu hüten. „Ich habe täglich die Ziege meiner Großeltern zum Roden gebracht und dort angepflockt“, erinnert sich Höltke. Zu den Haustieren gehörten auch Hühner und Kaninchen. Es gab Zeiten, da tummelten sich mehr als 20 Kaninchen in den Ställen im Garten berichtete er. Für das Fell eines geschlachteten Kaninchen gab’s beim Händler Kuhlemeier an der damaligen Bahnhofstraße je nach Größe zwischen 15 und 30 Pfennig. Die etwa zehn freilaufenden Hühner versorgten die Familie stets mit frischen Eiern.
Das Zusammenleben hat heute eine ganz andere Qualität
Gute Nachbarschaft wurde groß geschrieben in jenen Zeiten. Man kannte sich, man half sich gegenseitig, und man unternahm viele Aktionen gemeinschaftlich. Ob es darum ging, im Wald trocknes Holz, Laub oder Bucheckern zusammen zu suchen, ob man Bickbeeren (Blaubeeren) in Körben und Wannen sammelte oder ob man gemeinschaftlich die umliegenden Jahrmärkte besuchte.
Die alten Nachbarschaften an der Detmolder Straße blieben sogar nach dem Zweiten Weltkrieg erhalten, auch das Haus an der Detmolder Straße 36 hat die Kriegszeit fast unbeschadet überstanden. Doch das Zusammenleben der Nachbarn besitze heute eine ganz andere Qualität, meinte Höltke. Abendliche Treffen auf der Veranda vorm Haus mit Gesprächen und Erzählungen gibt es nicht mehr - schon allein weil der laute Straßenverkehr keine Unterhaltungen mehr zulässt.