Bericht des Gendarm Budde

 

Nr. 3618

Oerlinghausen, den 5. Dezember 1889.

An

Fürstliches Verwaltungsamt

Schötmar

Bericht

des Gendarm Budde

 

Auf die Geheim-Verfügung Hochfürstlicher Regierung vom 19. November 1889. N° 8756, Gründung einer Filiale des Arbeiter Wahlvereins in Lemgo in Oerlinghausen betr. berichte ich gehorsamst, daß am 1. Dezember Nachmittags 5. Uhr im Locale des Wirth Fritz Meier hierselbst eine Versammlung des Vereins stattgefunden hat.

Vorsitzender der Versammlung war der Zigarrenmacher Karl Becker bei N° 180 hierselbst. Als Redner traten mehrere Personen aus Lemgo auf.

1.         Schornsteinfeger Kreit,

2.         Werkführer Conrad Hermann

3.         Schneidermeister Pfannenschmeit

4.         Mauermeister Christian Sprute

5.         Zigarrenmacher Louis Lichtenberg,

6.         Zigarrenmacher Grohl

7.         Zigarrenmacher Breukmann.

Der Unterzeichnete hat die Versammlung überwacht, ohne das einer der Theilnehmer ihn bemerkt hat.

Die Ausführung der Hauptredner waren folgende:

Er sei bis im Jahre 1881 freisinnig gewesen doch habe er sich überzeugt, daß die Partei zu lasch und nicht genug für den Arbeiter thue, deßhalb sei er mehr nach links gegangen. Die Arbeiter würden sich ja auch wohl überzeugt haben, daß die stets zunehmenden Zölle und Steuern faßt ausschließlich von dem Arbeiter aufgebracht werden müßten, der Staat habe zwar sehr wenig davon, er müßte für die Abspeer-Maßregel mehr ausgeben wie der Einfuhrzoll betrage nur sollten durch die geschroben Preise den Reichen noch Vortheile zugewendet werden. Als besonders Beispiel führe er die Lippischen Ziegler an, welche nicht wie Menschen sondern wie die Schweine behandelt würden, da sie während der ½ bis ¾- jährigen Zieglei-Kampagnen nur Erbsen zu fressen kriegten, wie die Schweine auch. Ihre Lagerstätten seien oft schlechter wie die der Hunde. Wenn sie den ganzen Tag von Morgens ½ 3. bis 10 Uhr Abends gequält hätten so wurden sie oft nach kürzer Ruhezeit von den Meistern mit dem Knüppel an die Arbeit getrieben.

Es sei deßhalb hohe Zeit daß die Lippischen Arbeiter einen Reichstagsabgeordneten wählten der für ihre Rechte einträte und nicht einen wie den jetzigen Hurra-Kandidat von Lengerke, sondern der Kandidat der Arbeiterpartei Alwin Kerl aus Bremen, und wollen so lange fest halten, bis eine Kugel uns trifft oder wir eingesponnen werden.

Ein Redner erklärte noch, sie hätten wohl nöthig ihre Versammlung polizeilich anzumelden. Doch hätten sie die Erlaubniß nicht abzuwarten, da im Lippischen kein Wahlvereinsgesetz bestände. Zum Schluß veranstaltete der Bäcker und Ziegler Hermann Ritterbusch hierselbst eine Tellersammlung und habe ich letzteren wegen Bettelei der Amtsanwaltschaft hierselbst angezeigt. Die Versammlung war von circa 60 bis 65 Personen besucht welche zum größten Theile aus Zigarrenmachern welche als Sozialdemokraten bekannt sind, sowie mehrere halbwüchsige Burschen und einigen Ziegel-Arbeitern. Von letzteren traten mehrere dem Wahlvereine bei.

Die mir bekannten Theilnehmer, 47. an der Zahl habe ich notirt. Dem Wirth Meier habe ich vorher mitgetheilt er solle die Hergabe des Lokals verweigern, falls ihm nicht eine polizeiliche Erlaubniß-Bescheinigung vorgezeigt würde, ob solches geschehen ist weis ich nicht:

 

Gehorsamst

Budde Gendarm.