Währentruper Bäuerin stellte sich dem Panzer der Alliierten in den Weg
[Bild: Idyllisch gelegen: Helpup im Jahr 1930 (© Repro: Horst Biere)]
[Bild: Blick in der Vergangenheit: Die Bahnhofstraße in Helpup. (© Horst Biere)]
Oerlinghausen. An den Ostertagen 1945 kam der Krieg endgültig in die Region. Während Lipperreihe den Einmarsch der Alliierten relativ unbeschadet Überstand, tobten in Oerlinghausen gnadenlose Kämpfe - weil ein junger fanatischer Leutnant mit einigen Jugendlichen in Wehrmachtsuniformen aus Oerlinghausen „ein zweites Stalingrad" machen wollte. Die Bergstadt wurde zur Festung erklärt. Viele Häuser - vor allem rings um die Kirche - gingen in Flammen auf.
Helpup jedoch blieb von größeren Zerstörungen verschont. Doch voller Sorge hörten die Helpuper den Gefechtslärm vom Tönsberg her. Sie wussten, dass es nur noch Stunden dauern konnte, bis Oerlinghausen eingenommen sein würde, Kampfpanzer der Alliierten anrückten und die Soldaten ihre Häuser besetzen würden. Viele Oerlinghauser Familien hatten zudem die Flucht ergriffen.
Der Volkssturm begann eine Panzersperre auf der Bundesstraße in Helpup zu bauen, kurz hinter der Kirche Richtung Lage. Sie wurde allerdings nie vollständig geschlossen. Daran erinnern sich Heinz Prüßner und Wolfgang Köllermeier, die damals fast zehn Jahre alt waren. Ältere Volkssturm-Männer buddelten senkrecht stehende Telegrafenmasten in die heutige B 66 ein, in der Hoffnung, die hochgerüsteten Alliierten damit aufhalten zu können.
In unmittelbarer Nähe hatten Prüßner und Köllermeier gewohnt, doch ihre Eltern hatten die Kinder in jenen Tagen bei Großeltern abseits des Ortskerns untergebracht. Am zweiten Ostertag ging es dann auch in Helpup los. In Oerlinghausen gab es zwar noch vereinzelten Widerstand, doch längst hatten die amerikanischen Truppen die Bergstadt umfahren, indem sie über die Bundesstraße von Bielefeld her, vorgestoßen waren. Und weitere alliierte Einheiten näherten sich von der Senne der Wistinghauser Schlucht, um so zur B 66 zu gelangen.
Eine kleine Gruppe von minderjährigen Soldaten lag in schnell ausgehobenen Schützengräben am Schafberg oberhalb Helpups. Sie hatten in der Oerlinghauser Schule Gewehre und etwas Munition erhalten und sollten nun Helpup von dort oben verteidigen. Als sie Gefechtslärm aus der Wistinghauser Schlucht hörten, verließen sie ihre Stellungen und zogen Richtung Wistinghausen. Doch als sie in dem Waldgebiet der Schlucht unter Feuer gerieten, drehten sie wieder um Richtung Helpup. Die schnellen Panzerspitzen der Amerikaner standen da schon auf der Bielefelder Straße am Spitzenkrug. Die Jugendlichen erkannten die Sinnlosigkeit ihres Auftrags und setzten sich heimlich ab.
Aus einiger Entfernung schossen die US-Panzer einige Salven ins Dorf. Als Wolfgang Köllermeier nach zwei Tagen wieder ins elterliche Haus zurückkam, sah er, dass eine Granate das Gebäude erheblich beschädigt hatte. Drei Wände des Hauses waren nahezu zerstört. Auch im Kirchturm zeigten sich viele Einschusslöcher. „Einen deutschen Militär-Lastwagen mit scharfer Munition hatte es in der Nähe des Alten Kruges erwischt", erinnert sich Wolfgang Köllermeier, „er erhielt einen Volltreffer, und seine ganze Ladung flog in die Luft."
Wie eine Furie stand sie vor den Soldaten
Eine skurrile Szene spielte sich beim Einmarsch in Währentrup ab. Ein einzelner US-Panzer ratterte - von Helpup kommend - durchs Dorf. Er stoppte an einer lächerlichen Panzersperre von zwei querliegenden Buchenstämmen vor Niemanns Hof, die der Volkssturm dort ebenfalls aufgebaut hatte und richtete seine Kanone auf das Wohnhaus. „Wie ein aufgescheuchtes Huhn stürmte Jette Niemann heraus und kreischte immer wieder: ,Die schießen mir den Hof in Brand'", erzählt Hans Reuter, der mit seiner Familie aus Oerlinghausen dort vorübergehend untergekommen war.
Der damals Sechsjährige, der heute in Fürth lebt, erinnert sich gut an Jettes Auftritt: „Sie stand wie eine Furie vor dem großen Kampfpanzer und beschimpfte die Amerikaner mit einem wüsten Redeschwall in Englisch." Sie hatte in früheren Jahren lange in den USA gelebt und sprach den amerikanischen Slang perfekt. „Es dauerte nicht lange, da öffnete sich die Turmluke und das Gesicht eines Farbigen schob sich heraus. Zwei Reihen perlweißer Zähnen grinsten Jette Niemann an", sagt Reuter. Die Szene entspannte sich.
Auch die anderen Soldaten im Kampfwagen lachten. „Doch die Amerikaner machten auch klar, dass die Panzersperre beiseite geräumt werden musste", erzählt Hans Reuter. Jette Niemann jedenfalls ließ man in Ruhe auf den Hof zurückkehren - sie hat wohl so ihr Haus und vielleicht weitere Währentruper Gebäude gerettet.