Ein Nazi-Boss inspizierte die Bergstadt
Nationalsozialismus: Vor 80 Jahren kam der NSDAP-Chefideologe Alfred Rosenberg nach Oerlinghausen. Er besichtigte die Grabungen auf dem „Germanengehöft“ und dem Tönsberg, wo angeblich die „Irminsul“ stand
[Bild: Erklärungen vor Ort: Alfred Rosenberg (im Vordergrund) lässt sich von Hans Reinerth am 25. Juli 1937 die Grabungen am Barkhauser Berg erläutern. (© Foto: Archiv Freilichtmuseum Oerlinghausen)]
Oerlinghausen. 1937 stand Alfred Rosenberg an einem Wendepunkt seiner mörderischen Karriere. Lange hatte er auf den Außenministerposten hingearbeitet, der ihm jedoch von Joachim von Ribbentrop weggeschnappt worden war. Und auf seinem ureigenen Gebiet, der ideologischen Grundlagenproduktion, machte ihm zunehmend Heinrich Himmler Konkurrenz.
Rosenberg war zu diesem Zeitpunkt der einzige große Nationalsozialist ohne echte Machtposition. Sein Amt mit der ebenso umständlichen wie nichts Gutes ahnen lassenden Bezeichnung „Beauftragter des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP" hatte zwar Ministeriumsrang. Aber echte Möglichkeiten waren dem nationalsozialistischen Superstar damit nicht gegeben.
Auch im Oerlinghauser Sennesand steckte Rosenberg vor genau 80 Jahren, am 25. Juli 1937, fest: Nach dem Besuch des „Germanengehöfts" drehten die Reifen seines schweren Mercedes durch. Er konnte von Glück reden, dass an diesem Sonntag eine Grabungsmannschaft mitsamt Spaten anwesend war, die seine Staatskarosse wieder freischaufelte. Um den eng getakteten Terminplan einzuhalten, wurde der große Funktionär kurzerhand in einen von einer Frau gesteuerten DKW-Kleinwagen gesteckt, der ihn in eiliger Fahrt über eine Straßensperrung hinweg zu seinem nächsten Programmpunkt verfrachtete: dem Sternhof in Schlangen. All dies hat man akribisch im Grabungsbericht festgehalten.
Wieso kam der Chefideologe der NSDAP ausgerechnet in die Bergstadt? Äußerer Anlass dazu waren zwei archäologische Großgrabungen, die seit dem 1. Juli in Oerlinghausen liefen. Die aufgedeckten Flächen waren zu diesem Zeitpunkt wie aufgeblätterte Bücher vor den Besuchern ausgebreitet.
Eine Untersuchung fand auf dem Gelände des Freilichtmuseums statt. Das ein Jahr zuvor mit internationaler Resonanz eröffnete „Germanengehöft" sollte dadurch wissenschaftlich abgesichert werden. Und die zweite Grabung galt dem Tönsberg, der bedeutendsten frühgeschichtlichen Höhensiedlung Lippes. Ergänzt wurden die beiden Oerlinghauser Projekte durch eine moderne Grabhügeluntersuchung in Schlangen-Oesterholz.
Die grabungstechnischen Standards übertrafen alles bislang in der lippischen Provinz bekannte. Denn sie wurden direkt von der Universität Berlin geleitet. Dort hatte Hans Reinerth, der Leiter von Rosenbergs „Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte", den renommierten Lehrstuhl übernommen. Der Reichsbund hatte den Anspruch, sich als zentrale deutsche Archäologieorganisation durchzusetzen. Über einen ganzen Monat hinweg - vom 8. Juli bis zum 8. August - leitete Reinerth die Projekte persönlich vor Ort.
Besuch erhielten die Oerlinghauser Grabungen von der internationalen Fachprominenz, etwa von dem niederländischen Pionier der Moorarchäologie, Albert van Giften. Rosenbergs Reichsbund scheint demnach in diesem Sommer bewusst in Lippe Flagge gezeigt zu haben. Grund dafür war sicherlich die Rivalität mit Heinrich Himmler. Dessen Organisation, das SS-Ahnenerbe, hatte ein Jahr zuvor die archäologischen Untersuchungen an den Externsteinen okkupiert.
Dem wollte der Reichsbund in der Öffentlichkeit mit offensiv zur Schau gestellter, modernster Grabungstechnik begegnen. Rosenbergs Besuch in Oerlinghausen wurde entsprechend intensiv medial begleitet.
Hans Reinerth sprach eine Woche später im Oerlinghauser Stadthotel über die Forschungsergebnisse vor zahlreich angereister NS-Parteiprominenz, darunter den Landräten von Detmold und Lemgo, der Kreisleitung und dem Bürgermeister. Die politischen Leiter der Region besuchten die Tönsberg-Grabungen „truppweise". Die Folgen: Beide Grabungen blieben, wie so viele Aktionen des Reichsbundes, unveröffentlicht.
Am Tönsberg wurde erstmalig klar, dass dort in unterschiedlichen Perioden Verteidigungsanlagen standen. Zuvor ging man zunächst von einer rein germanischen und danach von einer rein sächsischen Höhensiedlung aus. Die Schnitte Reinerths zeigten dagegen klar die Mehrphasigkeit des Walles.
Aber auch der bis heute grassierende Mythos, auf dem Tönsberg hätte das zentrale sächsische Heiligtum, die „Irminsul" gestanden, stammt aus dieser Zeit. Diese haltlose Vermutung soll Hans Reinerth bei seinem Vortrag im Stadthotel ins Spiel gebracht haben.