Nobel und peinlich zugleich
DER KOMMENTAR - Von Dieter Burkamp
Oerlinghausen (Piet). Man muß die Feste feiern, wie sie fallen, sagt der Volksmund. Muß man wirklich? Oerlinghausen feiert in diesem Jahr sein 950-jähriges Bestehen, so wird es jedenfalls immer wieder von der Stadt, seiner Verwaltung, dem Arbeitskreis und dem Rat verkündet. Diese Nachricht ist falsch, denn die Bergstadt ist mit ziemlicher Sicherheit älter, vielleicht tausendeinhundertundzwölf Jahre, vielleicht neunhundertachtundneuzig oder gar tausendundeins. Niemand weiß das genau.
Jahrzehnte sind vergangen, seit eine Urkunde über die Weihe der Paderborner Jerusalem-Kirche aus dem Jahre 1036 auftauchte, in der neben anderen Orten auch Oerlinghausen zum ersten Male erwähnt wurde. Was man also feiert, ist die Auffindung einer Urkunde, die darauf hinweist, daß es die Bergstadt vor neunhundertfünfzig Jahren schon gegeben hat. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Ich will ja niemandem die Feier vermiesen, aber ein paar kritische Anmerkungen seien doch erlaubt. Eine schöne Feier soll es werden, eine würdige zudem, etwas an das sich alle erinnern sollen ... später einmal. So wie sich die Alten heute an die 900-Jahr Feier im Jahre 1936 erinnern. Aber: Ist das wirklich ein Blick zurück ohne Zorn, ohne Scham, ohne Betroffenheit? Vor fünfzig Jahren wurden die Juden - nein - sie wurden nicht vertrieben aus Oerlinghausen, sie wurden nur geschnitten. Niemand sprach mehr mit ihnen, niemand kaufte bei ihnen, niemand nahm sich ihrer Sorgen an. Einige wenige vielleicht ausgenommen.
„Dieses Verhalten ihrer Mitbürger sei", so soll eine Jüdin aus Oerlinghausen damals gesagt haben, „oft schlimmer als der Tod". Und es gibt noch ein
Zitat aus jener Zeit, das da lautet: „Sie gehörten zu uns.“ Ja, sie gehörten zu Oerlinghausen, die 18 Juden, die damals in der Stadt lebten, arbeiteten und feierten wie ihre christlichen Mitbürger. Und dennoch haben die Juden damals ihre Heimat verlassen (müssen). Nur ein paar blieben zurück. Sie wurden abtransportiert wie der Kaufmann Eduard Kulemeyer und seine Frau Else und eine 70-jährige alleinstehende Frau namens Löwenthal aus Lipperreihe. Sie starben im Konzentrationslager oder in der geistigen Isolation wie der angesehene Sanitätsrat Dr. Max Meyer.
Nun will man also jene, die man vor mehr als einem halben Jahrhundert aus der Stadt geekelt hat, einladen. Das ist eine noble Geste und sicher gut gemeint als ein Akt der Wiedergutmachung.
Doch schon die Tatsache, daß dieser Punkt in öffentlicher Sitzung des Hauptausschusses behandelt und lang und breit diskutiert wurde, gibt der ganzen Sache einen Hauch von Sensationshascherei, mit der niemandem gedient ist. Ach, hätte man doch die jüdischen Mitbürger von einst eingeladen ohne das freundliche Palaver in der Öffentlichkeit. Hätte man sie doch wie ganz normale Menschen behandelt. So wird man sie heute - falls überhaupt jemand von ihnen kommt - genau so behandeln wie damals, als man sie in die Emigration trieb: Damals kehrte man ihnen den Rücken und zeigte heimlich mit dem Finger auf sie, weil sie ein schizophrener Machthaber zu Untermenschen gestempelt und jeglichen Umgang mit ihnen verboten hatte. Wenn sie zur 950-Jahr-Feier kommen, wird man wieder mit Fingern auf sie zeigen. Allerdings hat das dann eine andere Bedeutung: Sieh mal, das ist einer von den armen Juden, die aus Oerlinghausen vertrieben wurden. Mitleid wird an die Stelle von Unmenschlichkeit treten, Zuvorkommenheit wird Ablehnung ersetzen, ein Extrem das andere ablösen.
Daß im Hauptausschuß zudem über Kosten geredet wurde, ist für mich der Gipfel der Peinlichkeit. Es ist die verdammte Schuldigkeit dieser Stadt, daß sie die Kosten übernimmt, wenn sie schon eine Einladung ausspricht. Meine Güte, gibt es denn so wenig Leute mit Fingerspitzengefühl in diesem Volksvertreter-Gremium?