Kohl mahnt zur Wachsamkeit

Gedenken an Opfer der Judenverfolgung / Zwischenrufe

 

Frankfurt (dpa/AP). Mit der eindringlichen Mahnung zur Wachsamkeit ist gestern der Opfer der Judenverfolgung gedacht worden. Die antijüdischen Ausschreitungen vor 50 Jahren in der sogenannten „Reichskristallnacht“ nannte Bundeskanzler Kohl ein „Fanal einer zielbewußten, systematischen und gnadenlosen Verfolgung der Juden". Es bleibe eine „Ursache tiefer Scham, daß am 9. und 10. November 1938 die Mehrheit der Bevölkerung geschwiegen“ habe, sagte der Kanzler auf der zentralen Gedenkfeier in der Frankfurter Westendsynagoge.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Galinski, beklagte, daß damals, als das „nationalsozialistische Gewaltregime die letzten Reste seiner zivilisierten Maske fallen ließ", die Welt geschwiegen habe. Es sei entwürdigend, so viele sagen zu hören, sie hätten nichts gewußt und gesehen. Das Wegschauen, das Nicht-sehen-Wollen, zähle zu den „wichtigen Wurzeln des Übels von damals“. „Konnte man denn in der Nacht des 9. November die Flammen der brennenden Synagogen übersehen, das Schreien der Geprügelten überhören?“

Galinski machte beiden deutschen Staaten den Vorschlag, den 9. November künftig als Gedenktag „der gesamtdeutschen Besinnung“ zu begehen. Der israelische Staatspräsident Herzog warnte bei der Feier in der Jerusalemer Gedenkstätte für die jüdischen Naziopfer, Jad Waschem, davor, daß „die Wurzelreste des Nazismus nicht ausgerottet“ seien. Auch heute noch gebe es unbelehrbare, antidemokratische Kräfte, die „verschiedene Masken zur Tarnung tragen“.

Gegen Ende der Kohl-Rede bezichtigten drei junge jüdische Gäste der Gedenkveranstaltung den Kanzler von der Empore der Synagoge aus der Lüge. Eine Frau unterbrach Kohl erneut, als er von den jüdischen Mitbürgern sprach. Die Einladung des Kanzlers war vor allem wegen seines Auftritts mit US-Präsident Reagan 1985 auf dem Friedhof von Bitburg, auf dem auch SS-Angehörige begraben sind, umstritten. Die Zwischenrufer wurden aber von der Mehrheit der fast 800 Teilnehmer ausgezischt.