Sinnlose Durchhalteparolen - Verteidigung längst unmöglich

Amerikaner am Teutoburger Wald

 

Von Günter Gerke

Bielefeld. „Wir werden weitermarschieren, wenn alles in Scherben fällt, denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt“, sangen Pimpfe und Hitlerjungen auch in Bielefeld. Da ahnten sie nicht, daß ein kleines Häuflein Kinder und Jugendlicher am Ende des Zweiten Weltkrieges auch zum letzten Aufgebot gehören würde, mit dem die Nazis den Vormarsch amerikanischer Panzer und Infanterie stoppen wollten. Als am Abend des 30. März 1945, dem Freitag vor Ostern, der „Führerbefehl“ eintraf, den Teutoburger Wald als Riegelstellung gegen die anrückenden Amerikaner zu verteidigen, war es längst zu spät.

Mehr als nur hinhaltender Widerstand gegen einen gut ausgerüsteten Gegner war ohnehin nicht möglich. Der „größte Feldherr aller Zeiten“ versagte auch am Teutoburger Wald, der sich als natürliche Verteidigungslinie angeboten hätte. Die deutschen Truppen waren viel zu schwach. Außer sinnlosen Durchhalteparolen war nichts mehr geblieben.

Für die Bielefelder waren es Tage lähmender Angst und drückender Sorge. Daß sie nun bald „befreit“ würden, war damals kaum ihr erster Gedanke. Im Niemandsland zwischen Krieg und Frieden, in jenen Stunden, als die Feuerwalze auch über die Stadt Bielefeld und die umliegenden Dörfer hinwegrollte, war sich jeder nur noch selbst der Nächste. Es ging nur noch ums Überleben.

Die militärischen Dienststellen und die Stadtverwaltung hatten in den letzten Märztagen über die Frage diskutiert, ob Bielefeld verteidigt werden oder als offene Stadt gelten sollte. Die Antwort ergab sich zwangsläufig: feldbrauchbare Truppen waren kaum noch vorhanden, es fehlte jegliche Artillerie, außer Panzerfäusten gab es keine panzerbrechenden Waffen. Truppen und Bevölkerung hatten längst das Vertrauen in die oberste Führung verloren.

Die Stadtverwaltung mit NS-Oberbürgermeister Fritz Budde an der Spitze, ursprünglich ein strammer Parteigänger Hitlers, setzte sich zuletzt in schweren Auseinandersetzungen mit der NSDAP-Führung dafür ein, Bielefeld nicht zu verteidigen und damit vor der restlosen Zerstörung zu bewahren.

Um den Teutoburger Wald zu halten, wären sechs bis acht Divisionen mit 100.000 Mann notwendig gewesen. Vorhanden waren aber für den sechzig Kilometer langen Frontabschnitt zwischen Horn und Hilter nur etwa 6.000 bis 7.000 Mann. Im engeren Bielefelder Bereich standen davon etwa 3.500 Mann zur Verfügung, wild zusammengewürfelte, mehrfach ausgekämmte und unzulänglich bewaffnete Einheiten, zum Beispiel eine Alarmkompanie aus Schreibstubensoldaten, ein „Ohren“-Bataillon Schwerhöriger, eine Strafkompanie, Reste von Ausbildungs- und Ersatzeinheiten, ferner ein Reserveoffizierslehrgang, der schließlich bei Lämershagen den einzigen bravourösen Widerstand leistete. Vier Flugabwehrgeschütze waren ohne Munition, von zwei Panzern war nur einer bedingt fahrbereit.

Das war die Situation, als am Abend des Ostersonnabends, 31. März, gegen 20 Uhr die Sirenen „Feindalarm“ heulten. Zu dieser Stunde waren die amerikanischen Panzer bereits unmittelbar südlich des Teutoburger Waldes eingetroffen.

Wenn es jemals eine Stunde Null gegeben hat, so stand sie jetzt unmittelbar bevor.