Von der Jägersiedlung zur lippischen Bergstadt

Auszug aus dem Buch „Die lippische Bergstadt Oerlinghausen“ von 1930

 

Im ersten Kapitel hat uns der verdienstvolle Heimatforscher Hermann Diekmann, der die ersten Spuren menschlicher Siedlungen in Oerlinghausen ans Tageslicht brachte, in die Steinzeit geführt. Er hat uns gesagt, wie verhältnismäßig stark unser „Welschen“ schon in der vorgermanischen Zeit besiedelt war. Seine Funde haben viele Neugierige nach Oerlinghausen gelockt, aber auch viele ernste Forscher und Gelehrte sind hier gewesen, die den hohen Wert der Diekmann’schen Arbeit bestätigt haben.

Wir dürfen annehmen, daß aus diesen vorgeschichtlichen Wohnstätten von Oerlinghausen später Kelten saßen, die dann dem germanischen Eroberervolke wichen oder sich mit ihm verschmolzen.

Über die Kultur der Kelten und Germanen haben gerade die Forschungen der letzten Jahrzehnte manches neue gebracht, wodurch manche falsche Meinung über unsere Vorfahren richtiggestellt wurde. Für die Zeit der Römerkriege müssen wir jedenfalls eine schon ziemlich entwickelte Kultur voraussetzen und können die vielen Märchen von den rohen Trink- und Opfersitten, von der Bärenhaut und dem ewigen Hader getrost beiseite legen. Ob die große Befreiungsschlacht im Jahre 9 nach Christi auch in unserer Gegend getobt hat, darüber streiten sich die Gelehrten noch immer. Es sei aber erwähnt, daß einer, der die römischen Quellen eifrig studiert hat, der Schriftsteller Stamford, in einer recht lesenswerten Abhandlung „Das Schlachtfeld im Teutoburger Walde“ - Kassel 1892 - behauptet, daß Armin die Vernichtungsschlacht gegen die Römer am Tönsberg begonnen habe und von hier aus seine Feinde durch das noch in unteren Tagen festzustellende Sumpfgelände tiefer in den Teutoburger Wald gelockt habe. Aber diese Behauptung gehört zu den unzählig vielen, für die Beweise bisher weder in den ältesten Annalen noch im Grund und Boden gesunden worden sind.

Wir wissen nur, daß aus den Jägern der Frühzeit sich allmählich ein Ackerbau treibendes, seßhafteres Geschlecht entwickelte, und daß gerade hier in unserer Gegend viele uralte Wohnsitze gewesen sind. Mitten aus dem Kamm des Tönsberges sind Bronzezeit-Gräber aufgefunden. Sie lassen den Schluß zu, daß wir es bei unterem Tönsberg, der sich ja zur Besiedlung nicht eignete, mit einer uralten Kult- und Opferstätte zu tun haben, die schon dem Bronzezeitmenschen irgendwie heilig war und ihm wert erschien, dort seine Toten zu bestatten. Die Bronzezeit-Gräber dem Tönsberge liegen kurz vor dem Eingang zum sogenannten „Sachsenlager“. Somit darf ich folgern, daß dieser östliche Teil des Berges nicht nur die Burg, die Verteidigungsanlage enthielt, nicht nur der Zufluchtsort in Zeiten der Not war, sondern daß dieser Teil auch eine uralte Kultstätte barg. Christliche Kapellen sind mit Vorliebe dort gebaut worden, wo heidnische Altäre gestanden hatten. Das würde auch eine Erklärung für den Standort der „Hünenkapelle“ auf dem Tönsberge sein.

[Bild: Oerlinghausen]

Die jetzige Lage von Oerlinghausen, die sich mit den Steinzeitsiedlungen nicht deckt, muß entstanden sein als sich die im Tal wohnenden Besitzer von Einzelgehöften für den Fall der Not zusammengeschlossen, gemeinsam ein befestigtes Lager aus dem schwer zugänglichen und leicht zu verteidigenden Ostabhang des Tönsberges bauten und gemeinsam einen Priester für ihr Heiligtum, einen Führer für den Krieg wählten. Auch für die krieglose Zeit war ein Richter nötig, der verwischte Grenzen wieder festlegte, Streitigkeiten schlichtete und Acht gab auf die durchs Gebirge führende Paßstraße (Oerlinghauser Paß). Dieser Hof des befestigten Lagers aus dem Tönsberge hatte in kriegloser Zeit seinen Wohnsitz nicht aus dem rauben Bergrücken, sondern in der Nähe der Paßstraße, wo Äcker und Weiden zur Verfügung standen. Der Name Oerlinghausen ist auf diesen „Herrn“, den altsächsischen „Oerl“ (englisch: ear.; dänisch: iarl) bezw. aus die „Herrlinge“ zurückzuführen. Das beteiligte Lager aus dem Tönsberge war also die „Herrlingsburg“ oder „Oerlingsburg“ und aus dem Hof an der Paßstraße entstand Oerlinghausen.

Als unser fruchtbarer Landstrich, auf dem seit dem Jahrhundert die Sachsen saßen, dem Frankenkönig Karl dem Großen begehrenswert erschien, und dieser sich anschickte, das Sachsenland zu erwerben, wurde auch unsere Heimat in dem schweren 30-jährigen Freiheitskamps der Sachsen unter ihrem Heerführer Widukind verwickelt. Wir wissen, daß Karl im Jahre 784 bei Detmold fast geschlagen wurde und mit seinem Heere nach Osnabrück zog, wo seine überlegene Feldherrnkunst den Sachsen eine vernichtende Niederlage bereitete. Wir stellen uns vor, wie bei diesem Zuge das Frankenheer am Tönsberg vorbeizog und von dem Lagerherrn arg bedroht wurde.

[Bild: Windmühle mit Blick aus die neu errichtete Jugendherberge / Phot.: Büker]

Karl blieb schließlich Sieger und erbaute den Heiligen zum Dank eine Kapelle. Der ehrwürdige Schaten, Geschichtsschreiber des Bistums Paderborn, berichtet, daß unsere Hünenkapelle aus dem Tönsberge diese „capella sancti adjutorii“ Karls des Großen sei.

Die Niederlage der Sachsen bedeutete auch einen Wendepunkt in der Geschichte unserer engeren Heimat. Karl der Große gründete das Bistum Paderborn und schenkte die eroberten Sachsenhöfe dem Paderborner Bischof.

Der Name Oerlinghausen bezw. der Ort wird zuerst erwähnt in einer Urkunde vom 25. Mai 1036. Diese Urkunde besagt, daß der Bischof Meinwerc von Paderborn den Hof „Orlinkhuson“ nebst vielen anderen Höfen dem neu gegründeten Kloster Busdorf schenkt. So kamen die Paderborner Mönche nach Oerlinghausen, um ihren Tribut von dem Hofe zu holen. Wie werden die ersten Mönche nach mühsamer, langer Sennewanderung gestöhnt haben, als sie ermattet hier oben ankamen. Aber wie werden sie auch erstaunt gewesen sein, als sie dann von der Höhe auf das liebliche Bild, auf den Laubwald und die fruchtbare Ebene des Hafergaues blickten, der sich zu ihren Füßen ausbreitete. Da werden sie entzückt ausgerufen haben, wie es noch heute so mancher Wanderer tut: „Hier ist’s gut sein, hier laßt uns unsere Hütten aufschlagen.“

Sie haben dann auch nicht lange gezögert mit dem Bau einer Kirche, deren Glocke nach allen Seiten hin zu hören war. In unserer Bergkirche steht die Jahreszahl 1114 eingemeißelt. Das sind nur 78 Jahre nach der Schenkung des Hofes „Orlinkhuson“ an das Kloster Busdorf. Eine andere Urkunde aus dem Jahre 1203 bekundet, daß Oerlinghausen damals Sitz eines Archidiakonats war, also für das kirchliche und wirtschaftliche Leben dieser Gegend eine gewisse Bedeutung hatte.

So war Oerlinghausen durch den Kirchenbau schnell über den Charakter eines Hofes hinausgewachsen. Schmiede und Stellmacher hatten sich angesiedelt, Kötterstellen waren entstanden und über allem waltete die milde Hand des Bischofs oder die strengere seines hiesigen Beamten, des Amtsmeiers.

Da wurde im Jahre 1231 Oerlinghausen dem neuen Archidiakonatsbezirk Lemgo zugeteilt, weil sich die kurz zuvor gegründete Stadt Lemgo mit einer Mauer umgeben hatte, hinter der sich die geistlichen Herren in dieser unruhigen, mit Fehden angefüllten Zeit sicherer fühlten als in dem ungeschützten Bergnest am Tönsberg.

[Bild: Kirche am Berge / Phot.: Büker]

Lemgo blühte denn auch schnell empor und wurde die bedeutendste Stadt des lippischen Landes, wogegen wir von Oerlinghausen in den folgenden Jahren nicht mehr viel hören. Es blieb das kleine Dorf am Tönsberg, das in den häufigen Fehden des Mittelalters der Zerstörungswut der Feinde immer ganz besonders ausgesetzt war; denn es lag an der Grenze des Landes und zwar dort, wo vier Hoheitsgebiete zusammenstießen, die Grafschaften Lippe, Rietberg, Ravensberg und das Fürstbistum Paderborn.

Einen Mittelpunkt des fruchtbaren Hafergaues bildete Oerlinghausen ja immer noch durch seine Kirche, deren Bezirk sich auch in das später preußische Hoheitsgebiet erstreckte. Von den Glocken der Kirche hat eine den Weltkrieg überdauert. Sie trägt folgende Inschrift:

Sanderus (Alexander, der Schutzpatron) hete ick,

De Levendigen rope ick,

De Doden beschrie ick,

Deme Dondere stur ick,

Johann Ahus goet mick,

Anno Domini MCCCCCXLVII

VDMJE.

(das heißt: Verbum Domini manet in Eternum, das Wort Gottes bleibet in Ewigkeit!).

Während wir über unsere Hünenkapelle aus dem Tönsberge nur wenig wissen, ist die Chronik unterer Kirche außerordentlich reichhaltig. In den Paderborner Annalen wird über die Hünenkapelle nur erwähnt, daß sie bis zur Reformation ein viel besuchter Wallfahrtsort gewesen sei.

[Bild: Der letzte Hausweber (80 Jahre alt) / Phot.: H. Diekmann]

Die Bewohner des Dorfes betrieben auf den steilen Abhängen mühsam ihren Ackerbau, zogen Schweine, Ziegen und Kühe aus und beschäftigten sich vorzugsweise mit Flachsspinnen und mit der Leinenweberei. Aber sie wurden durch die vielen Kriegsnöte vom 15. bis 18. Jahrhundert sehr oft um ihr mühsam Erspartes gebracht. Besondere Leiden mußten sie im 30-jährigen Kriege aushalten. 1623 wurde das Dorf von den Pappenheimschen Reitern besucht, die hier in der übelsten Weise gehaust haben. Wenn man die Chronik dieser Zeit liest, so überkommt uns ein Schauer vor der Roheit der Soldaten, die in das Land fielen. Wieviel Häuser und Höfe sind in diesen Krieg zerstört und wieviel Menschen ermordet worden!

Klagen der Bewohner von Oerlinghausen über Mißhandlungen, Räubereien und Brandstiftungen wollen kein Ende nehmen. Aber das Dorf hat sich aus aller Mühsal immer wieder emporgearbeitet.

Die Grafen zur Lippe, unter deren Hoheit das Amt Oerlinghausen schon im 13. Jahrhundert gekommen war, befreiten die Bewohner des Dorfes von vielen Lasten Steuern, mit denen Bewohner anderer Gegend in reichlichem Maße bedacht waren. Nur zum Briefetragen der holländischen Post wurden auch sie herangezogen. Die später eingelegte Steuer auf jeden Webstuhl (hier Wörketowen genannt) wurde den Oerlinghauser Bewohnern ebenfalls auf die Hälfte ermäßigt.

[Bild: Kiefern am Brunsberg / Phot.; Büker]

Die Leinenweberei breitete sich gerade hier besonders stark aus, namentlich nach dem 7-jährigen Kriege. Zwar hat auch dieser Krieg unserer Gegend und besonders dem Dorf Oerlinghausen großen Schaden und viel Bedrückung bracht, aber die Rührigkeit der Bewohner hat auch dies die Kriegsfolgen in verhältnismäßig kurzer Zeit überwunden. In Oerlinghausen wurde vorzugsweise feines Leinen hergestellt, während im übrigen Lande grobes gewebt wurde. Der Leinenhandel wurde anfänglich als Hausierhandel trieben. Die Leinenhändler oder wie sie hier allgemein genannt wurden, die Hopser, deren es in Oerlinghausen eine große Anzahl gab, kauften das Leinen bei den Webern, durchzogen damit ganz Deutschland und besonders Italien und kehrten, wenn sie ihre Vorräte abgesetzt hatten, in der Regel mit gutem Verdienst in die Heimat zurück. Von 1764 ab wurde das anders. Der Oerlinghauser Leinenhändler Tölke stellte eine gewiße Zahl „Hopser“ an und ließ durch diese das von ihm hier aufgekaufte Leinen in Hamburg, Amsterdam, Kopenhagen und anderen bedeutenden Handelsplätzen vertreiben. Er beschickte die Messen und Märkte in Leipzig, Braunschweig und Frankfurt. Auch sein Hauptabsatzgebiet war Italien. Der Umsatz des Leinenhändlers Tölke betrug am Ende des 18. Jahrhunderts 100.000 Taler, besonders günstig für den Leinenhandel waren die Jahre nach 1807, als der Lippische Staat zum Rheinbund gehörte.

[Bild: Alter Winkel mit Pfarrlinde / Phot.: Beckmann]

In dieser Zeit blühten hier am Platze neue Geschäfte empor, so z. B. das der Gebrüder Becker, deren Niederlassungen in Darmstadt, Nürnberg und München noch heute existieren. Die Brüder Becker bauten 1814 auch die große Mangel, jenes wundervolle Fachwerkhaus, das leider 1901 einem Brande zum Opfer fiel. Die große Oerlinghauser Bleiche war bis 1865 in Betrieb. Dann mußte auch diese Anstalt dem von England herübergekommenen mechanischen Verfahren weichen, das so viel Weber und Spinner in Oerlinghausen brotlos machte. Aber anstelle der Hausweberei erblühte hier dank der Tatkraft des Geheimrats Weber seit 1850 die große Textil-Industrie auf, die noch heute den Namen Oerlinghausen in alle Lande trägt. Der Export von Oerlinghauser Leinen nach Nord- und Südamerika ist heute bedeutend und trägt dazu bei, die deutsche Handelsbilanz zu verbessern.

Die in der Mitte des vorigen Jahrhunderts hier eingeführte Zigarren-Industrie ist leider nach dem Kriege fast ganz zum Erliegen gekommen. Erst in letzter Zeit spüren wir ein neues Aufblühen dieses einst hier so bedeutenden Gewerbes. Es ist zu hoffen, daß in Zukunft wieder viele Leute Arbeit und Beschäftigung darin finden werden.

Nach dem Kriege hat sich ferner in Oerlinghausen eine Industrie ausgebreitet, von der man vor dreißig Jahren noch keine Ahnung hatte. Das ist die Möbelfabrikation. Hunderte von Arbeitern sind darin beschäftigt. Hunderte von Schlafzimmern und Küchen gehen jede Woche aus Oerlinghausen hinaus in alle Gegenden Deutschlands. Man sollte nicht glauben, daß so viel Absatzmöglichkeit vorhanden ist, und der Laie fragt sich oft: „Wo bleiben nur alle, die Möbel?“ Der stetig wachsende Versand legt ein beredtes Zeugnis ab von der hohen Qualitätsarbeit der Oerlinghauser Tischler und von der Rührigkeit unserer Fabrikanten.

Dem Straßenbild nach hat man trotzdem nicht den Eindruck, in einer Industrie-Gemeinde zu wohnen. Im Gegenteil. Die anmutige Lage von Oerlinghausen mitten im Teutoburger Walde zwischen Wäldern und Wiesen hat zur Folge gehabt, daß der Zustrom von Fremden von Jahr zu Jahr gestiegen ist. Oerlinghausen gehört zu den meistbesuchten Sommerfrischen des Teutoburger Waldes, und alle Gaststätten sind bestrebt, die Fremden freundlich aufzunehmen und sie während der Erholungszeit gut zu betreuen.

Gleich nach dem Weltkriege blühte Handel und Wandel schnell wieder aus. Die Bevölkerungszahl wuchs erheblich, das stille Ackerdorf vor hundert Jahren hatte sich in eine moderne Industrie-Gemeinde verwandelt, die ganz andere Interessen hatte als das umliegende Land. Schon bald setzten Bestrebungen ein, für diese Industrie-Gemeinde städtische Rechte zu erlangen. Der Lippische Landtag konnte sich den berechtigten Forderungen der Bewohner auch nicht verschließen, und so wurde am 1. April 1926 die bisherige Dorfgemeinde Oerlinghausen zur Stadt erhoben. Das war ein Jubel unter der Bewohnerschaft, als der Landtag das betressende Gesetz erlassen hatte.

Die Bewohnerzahl ist auch nach der Stadtwerdung ständig gewachsen. Wir dürfen hoffen, daß die Entwicklung günstig fortschreitet, und daß wir uns auch als Lustkurort immer neue Freunde erwerben werden. Das vorliegende Büchlein soll dazu beitragen. Die Leser werden freundlich gebeten, sich davon zu überzeugen, wie schön es in und um Oerlinghausen ist, und daß wir Oerlinghauser recht haben, wenn wir stolz sind auf unsere schöne Heimat.