Das vorgeschichtliche Oerlinghausen

Auszug aus dem Buch „Die lippische Bergstadt Oerlinghausen“ von 1930

 

[Bild: Die Bergstadt / Phot.: Beckmann]

Wie geheimnisvoll ist die Sprache des Feuersteinsplitters, des Faustkeils oder des Steinbeiles, die hier und da, bald aus der Oberfläche des Bodens, bald an den Ufern der Bäche umherliegen, bald aus dem Boden herausgegraben werden! Waren jene Geschöpfe, die sich dieser anspruchslosen, kaum als solche kenntlichen Steingeräte bedienten, deren sämtliche Schutz- und Trutzwaffen und Werkzeuge aus Stein und Knochen bestanden, schon wirkliche Menschen? O ja, auch sie waren bereits schon Menschen wie wir. Viele werden lagen: Woher kam dieses seltsame Volk? In welchen Lauten sprach ihre Zunge? Waren sie blond oder schwarz von Haar? Sind sie Nachkommen der Höhlenbewohner der älteren Steinzeit, des Paläolithikums? Wir vermögen es nicht zu lagen; und doch wissen wir viel von ihnen. Die Ergebnisse jahrelanger, mühevoller Ausgrabungen und Sammlungen liegen vor uns und gestatten uns einen tiefen Blick in die Kultur jener altersgrauen Vorfahren.

Spuren des Diluvialmenschen sind nur vereinzelt bei Oerlinghausen ausgesunden. Nachdem aber das Diluvium mit seinen Eiszeiten unsere Kreidelandschaft ganz und gar verändert hatte, das durch seine Eismassen die Geschiebemergel, Findlinge, die nördlichen Granite, Porphyre, Gneise und auch den Feuerstein von der Ostsee hierher verfrachtete, und nachdem es am Ende der Gletscher neue Ablagerungen, die sogenannten „Sander“ geschaffen und späterhin den nackten Sandboden durch Wind und Wetter zu Dünen gebildet hatte, trat der Mensch erneut bei uns aus. Das Ende des Paläolithikums (Altsteinzeit nach Dr. P. Gößlar, 10 000 vor Christi) war hereingebrochen, eine neue Zeit, die Übergangszeit vom Paläolithikum zum Neolithikum (Jungsteinzeit), das sogenannte Mesolithikum (Zwischensteinzeit} war da, das um 5000 vor Christi endete. Am Ende dieser Zeit, welche die Wissenschaft das „Tardenvisien“ nennt, und darüber hinaus bis ins Frühneolithikum waren die Abhänge der Schluchten bezw. die Randterrassen der Täler unseres Stadtgebietes verhältnismäßig dicht bevölkert. Jener Mensch, schlechthin „Steinzeitmensch“ genannt, kannte noch kein Metall, weder Eisen, Kupfer, Bronze noch Gold. Seine Geräte und Werkzeuge verfertigte er vornehmlich aus Feuerstein, daneben aber auch aus Holz, Knochen und Hirschhorn.

Wo legte nun der Steinzeitmensch seine Hütten an? Die bisher mit so unerwartetem Erfolg gemachten Ausgrabungen und Nachforschungen in und bei Oerlinghausen zeigen uns klar: ausschlaggebend für die Anlage eines Wohnsitzes war in erster Linie das Vorhandensein von Wasser. Bedeutungsvoll war aber auch die Höhenlage und die Beschaffenheit des Untergrundes. Die Lage der Hütte mußte so hoch sein, daß sie bei Überschwemmungen nicht gefährdet war, und doch wieder tief genug, daß die umgebenden Berge und Hügel das Hineinströmen lästiger Winde verhinderten. Auch aus die Beschaffenheit des Untergrundes scheint der Steinzeitmensch, namentlich der noch nicht Ackerbau treibende, bei Anlage seiner Behausung großes Gewicht gelegt zu haben; es ist bei den hiesigen Forschungsergebnissen bemerkenswert, daß immer eine gehörig dicke Schicht warmen und weichen Sandes den Hüttenboden bildete. Auffällig ist auch, daß im nahen Schopketale fast alle Siedlungsplätze aus der Sonnenseite liegen. Der Steinzeitmensch liebte eben die Morgensonne, die Leben- und Wärmespenderin, und haßte die Westwinde.

Nach den bisherigen Ergebnissen scheint es, daß der Steinzeitmensch sich in unserer Gegend nur sogenannter Zelthütten, bestehend aus mehreren nach oben sich nähernden Stangen, bedeckt mit Fellen, Reisig und Plaggen, bediente. Diese Zelthütten werden vermutlich von runder Form gewesen sein. Einigen Anhalt für diese Ansicht bot die Ausgrabung aus „Wöstenfeld II“, wo der äußere Rand bis zu drei Viertel des Umfanges kreisförmig verlies. Nach Norden und Osten war die Begrenzung sehr scharf, während sie nach Süden, dem Grabeneinbruch zu, verwischt war. Ferner ist jene Feststellung interessant, daß fast zu allen Siedlungen noch heute, wenn auch jetzt unbenutzt, alte Pfade führen, die die Verbindung zwischen Bach oder Quelle und Hütte herstellten.

Der Durchmesser der Hütte, die meistens über einer kleinen Vertiefung, der sogenannten Wohngrube (die aber sehr flach war) errichtet war, dürfte nicht über 3,50 Meter betragen haben. Eine Hütte mit diesem Durchmesser ist zweifelsohne groß genug, um für eine sieben- bis zehnköpfige Familie Raum zu bieten, wie die Raumverhältnisse der Hütten noch lebender Naturvölker zeigen. Die Hütte war auch der Ausbewahrungsraum für Jagd- und Fischereigeräte und weist in der Mitte oder an einer Seite meistens die Anlage eines Herdes aus. Die Gestalt und Beschaffenheit des letzteren zeigte bei den von mir festgestellten eine auffallende Mannigfaltigkeit in Form und Größe. Von den primitivsten bis zu sehr vollendeten sind sie nachzuweisen. Einfache, nur aus einer Mulde bestehende Vertiefung zeigte z. B. die Feuerstelle aus „Wöstenfeld II“, „Nagelsweg II“, „Heisterbrink“ und andere, während am „Snakenbach“ vier Feuerstellen von vier bezw. ein Dutzend Steinen eingefaßt waren. Der schönste Herd der am „Snakenbach“ in Hütte I festgestellte. Er hat einen Durchmesser von 40:40 Zentimeter. Hufeisenförmig lagerten die Steine um die 35 Zentimeter tiefe Feuermulde.

[Bild: Rathaus mit Rathaus-Hotel / Phot.: Reuter]

[Bild: Müllerburg / Phot.: Beckmann]

Nicht weit vom Herd, meist südlich oder westlich von, um bei den vorherrschenden Südwestwinden nicht im Qualm des Feuers zu sitzen, hatte der Steinzeitmensch seine „Werkstätte“, wo er, den wärmenden Strahlen des Feuers ausgesetzt, an kalten Tagen seine Geräte für Jagd und Fischfang aus Feuersteinknollen oder aus Holz und Horn anfertigte. Mittels eines handlichen Feuersteins schlug er von der Knolle lange, schmale Streifen (Lamellen) ab, deren Güte von der Spaltbarkeit des Steines abhing, und gestaltete später die sogenannten Klingen, Späne und Kernsteine durch Druck (meistens einseitig, zuweilen wechselseitig), anfangs durch Steil-, später durch Schrägretusche zu den schönsten Schabern, Kratzern, Messerchen, Angelhaken, Pfriemen, Bohrern, Pfeilspitzen usw. Tausende der wunderbarsten Geräte, Werkzeuge und Absplitte fand ich an der Oberfläche oder förderte sie durch Ausgrabung wieder ans Tageslicht. In Form, Größe, Zweck und Bearbeitung können wir zwei große Gruppen unterscheiden. Die feinsten Geräte und Werkzeuge (die sogenannte Klingenkultur) sind auf Sandboden vertreten, während die größeren Geräte (Klobenkultur) aus dem Lößboden, also nördlich vom Gebirge, vorkommen. Sehr wertvoll waren aufgefundene Gefäßscherben, die aus rohem Material unter Beimischung von Gneis und Granit und ohne Kenntnis der Töpferscheibe geformt waren. Solche sanden sich in den Siedlungen „Snakenbach“, „Forsthaus“, „Nagelweg II, III und IV“. Ebenso wertvoll war das Auffinden je einer Handmühle im „Bokel Venn“ und „Heisterbrink“. Während die Mühle von „Bokel Venn“ vollständig erhalten war, das heißt aus einem Unterlegstein und einem Reiber bestand, fehlte bei der Mühle am „Heisterbrink“ der sogenannte Reiber. Form, Größe und Gestalt waren ungefähr dieselben, wo gegen das Material verschieden war, nämlich Granit und vulkanische Lava.

Die meisten Geräte weisen daraus hin, daß der Steinzeitmensch dieser Epoche in erster Linie Jäger, Fischer und Sammler war. Daneben werden aber die Bewohner von „Bokel Venn“ und „Heisterbrink“, wenn auch in der primivsten Weise, Ackerbau getrieben haben, was die Handmühlen beweisen dürften.

Nördlich vom Gebirge, aus dem fruchtbaren Lößboden, treffen wir eine merklich andere Kultur an. Zwar fanden wir auch dort die bekannten Schaber, Kratzer, Messerchen usw., aber die Art der Bearbeitung ist viel gröber. Auch fehlen die Kleinfeuersteine (die Mikrolithen). Die Bewohner dieser Siedlungen waren aus dem Süden und Südosten Europas bis nach Mitteldeutschland, Belgien und Frankreich vorgedrungen, wo sie mit dem oben erwähnten Jägervolke zusammenstießen und dieses kulturell besiegten. Sie waren Ackerbauer und Viehzüchter. An Stelle der Sammelwirtschaft trat allmählich die Produktionswirtschaft. Die Ernte war nicht mehr ein fortwährendes, mühsames Sammeln und Suchen, sondern ein aus einem bestimmten Zeitabschnitt beschränktes Einholen. Selbstverständlich wurde, da Ackerbau und Viehzucht allein nicht genügten, die gesamten Nahrungsbedürfnisse zu befriedigen, daneben die Sammelwirtschaft beibehalten, und der Mensch mußte auch Jagd und Fischerei weiter ausüben, um seinen gezähmten Viehbestand zu schonen.

Etwa um das Jahr 2000 vor Christi nähern wir uns dann dem Ende der jüngeren Steinzeit. Das Metall tritt aus. Seine Einführung wirkt sich aus den Formennoris der Geräte und Werkzeuge umgestaltend und erweiternd aus. Wie im Neolithikum stoßen wir auch in der Bronzezeit auf ein Bauernvolk mit entsprechender Kultur, allerdings mehr in der Form der nomadisierenden Viehzüchter. Das hängt mit dem damaligen heißen Klima, das dem Ackerbau hinderlich war, zusammen. Daß der Bronzezeitmensch der älteren Periode (1900 bis 1600 vor Christi) um Oerlinghausen seßhaft war, geht aus den zahlreichen Grabhügeln aus der mittleren und nördlichen Kette des Teutoburger Waldes hervor. Zwei derartige Grabhügel liegen am Nordabhange des Tönsberges in der Nähe des Löns-Gedenksteines. Nach dem Befunde gehörten die Bestatteten einem Kulturkreise an, der in Süddeutschland seinen Mittelpunkt hatte. Sie trugen bereits wollene Kleider, Sandalen aus Leder und Waffen aus Bronze, wie Dolche, Lanzen und Beile. Mit dem Norden standen sie in Handelsbeziehungen, wie ein hier aufgefundenes, reich verziertes Bronzebeil vom nordischen Typ und ein Absatzbeil im Paderborner Museum bezeugen. Ihrer Abstammung nach dürften die Bronzezeitleute von Oerlinghausen Kelten sein.

In der späteren Bronzezeit, etwa um das Jahr 1000 vor Christi, wird unsere Gegend zweimal von germanischen Stämmen überflutet. Nördlich vom Gebirge dringen, von der Weser kommend, die Germanen in das Tief- und Bergland ein. Sie verbrannten ihre Leichen und setzten die Verbrennungsreste in Urnen unter dem Boden in großen Friedhöfen, sogenannten Urnenfeldern, bei. Die nächste germanische Welle setzte im 9. und 8. Jahrhundert vor Christi, ebenfalls vom Norden her, ein. Diese Stämme zogen durch den Oerlinghauser Paß bis zum Rhein. Ein Teil von ihnen siedelte sich südlich vom Gebirge an.

[Bild: Krieger-Ehrenmal / Phot.: Beckmann]

Die Gräber ihrer Verstorbenen sind größtenteils bis aus den heutigen Tag erhalten. Anfänglich warfen sie nach der Verbrennung der Leiche über die Urne einen großen Hügel, der später immer niedriger gehalten wurde. Hügelgräber jener Zeit finden wir in der Gegend zwischen dem Gehöft Hüttemann und der Bleiche über 50 Stück. Manche sind so niedrig, daß nur ein geübtes Auge sie als solche erkennt. In den Flachgräbern fehlt manchmal die Urne, nur ein Beigefäß ist vorhanden.

Um das Jahr 1 herum wohnte in unserem Lande ein germanischer Stamm, vermutlich die Cherusker. Mir war es vergönnt, ein Haus dieser Zeit, der jüngeren Eisenzeit, aufzufinden und größtenteils auszugraben. Die Ausgrabung wurde unter Leitung von Dr. Stieren vom Provinzialmuseum zu Münster beendet. Das Gehöft liegt am Fuße der Barkhauser Hinterberge, nicht weit vom Welschenwege. Die Siedlung weist zwei größere, durch Pfostenlöcher gekennzeichnete Bauten aus von 9,20 und 8 Meter Länge und 5,70 bezw. 5 Meter Breite. Der Hauptbau besteht aus zwei ungleichen Teilen. Die größere Hälfte stellt eine Grube von 4 Meter Durchmesser dar, die andere Hälfte liegt eben. In der Grube befand sich eine Feuerstelle, die von kopfgroßen Steinen eingefaßt war und einen Durchmesser von 80 Zentimeter hatte. Neben dem Herd lagen Topfscherben, Ocker, Lehmklumpen, Eisenteile, Eisenschlacke usw. Im kleineren Raum fand ich zwei eiserne Sporen und Gesäßscherben. An den Hauptbau schloß sich ein mächtiger Nebenbau von 8 Meter Länge, die Umrandung zeigte einen deutlichen Fundamentsgraben von 30:30 Zentimeter Ausdehnung. An der Westseite war dieser bis zu 1,50 Meter unterbrochen (Tor?). An der Südostseite wurde der Abschluß durch zwei Pfostenreihen gebildet. De Eckpfosten fiel mit dem Pfosten Nr. 1 des Hauptbaues zusammen. Durch die Mitte des Nebenbaues zog sich ein starke Pfostenreihe, die das Dach stützte.

Eine zweite Siedlung aus jener Zeit wurde von mir im August 1929 ganz in der Nähe entdeckt, ferner eine au Lehm gestampfte größere Fläche (mutmaßlich Dreschtenne). Wie lange die Germanen am Welschenwege wohnten, und welche Rolle der Oerlinghauser Paß zur Zeit der römischen Kriegszüge bildete, ist noch in Dunkel gehüllt.