Hungern, Hamstern, Tauschen

 

Am 5. April 1945 fließt im „Neuen Krug" in Detmold der Wein in Strömen wie zuvor schon in Wewelsburg, Lemgo, Minden oder Vlotho. Überall werden in diesen ersten Apriltagen Wehrmachtslager und Geschäfte geplündert, Lebensmittel, Bekleidung, Schuhe in Rucksäcken und Handwagen abtransportiert.

[Bild: Not im Nachkriegs-Bielefeld. Wer nichts zu tauschen hatte, mußte hungern. Mit dem Familienschmuck zum Hamstern aufs Land, mit Lebensmitteln wieder zurück (rechts). Auch Kinder wurden zu Schwarzmarkthändlern.]

„Man hat gesehen, daß man drei Herren die Hosen ausgezogen hat, so daß sie in Unterhosen laufen mußten", notiert ein Bielefelder nach der Plünderung von Textilgeschäften. In Minden werden noch aus dem schon brennenden und unter Beschuß der Alliierten stehenden Heeresverpflegungsamt Waren herausgeschleppt - es gibt Tote und Verletzte.

Einige haben sich dabei ungeheuer bereichert. 40 bis 60 Anzüge sollen einzelne Plünderer in Nieheim aus der Schützenhalle getragen haben: „Hier feierten die stärksten Ellenbogen Triumphe", heißt es in einer Chronik über den „ohrenbetäubenden Tumult“. Und: „Es wurden sogar noch die Balken und Regalhölzer mitgenommen - als Brennholz.“

[Bild: Schwarzhändler]

[Bild: Kinder]

Für die meisten aber war es nur ein kurzer Rausch, bittere Monate der Not sollten folgen, in Deutschland wurde gehungert. Anfang April, wird aus Höxter berichtet, „war der Wochenmarkt zum ersten Mal fast leer von Gemüse..., die Mengen waren zu gering, um den in langen Schlangen anstehenden Frauen ausreichend davon abgeben zu können." Die Tagesration eines Normalverbrauchers, berichtete ein Arzt aus Bad Oeynhausen, „erreichte zeitweilig nicht einmal 1.000 Kalorien, obwohl ein Erwachsener etwa 3.000 Kalorien benötigt." Noch im Juli 1946 schreibt ein Reporter des „Daily Mail" nach einer Reise durch Westfalen: „Es ist eine Ernährung, um langsam zu sterben, aber nicht, um davon zu leben ... Die Todes- und Krankheitskurven steigen zäh an."

Wer überleben wollte, ging zum Hamstern oder „Organisieren“, klaute Kartoffeln von den Feldern, Obst von den Bäumen oder Kohle in Löhne-Bahnhof, sammelte Holz Raps und Bucheckern, um mit einer auf dem schwarzen Markt erworbenen Ölmühle das so begehrte Fett herzustellen.

Der Schwarz- und Tauschmarkt blühte. Mancher goldene Ring wurde in Kartoffeln umgewandelt, für wertvolle Teppiche gab es Fleisch von schwarz geschlachtetem Vieh. Wer nichts zum Tauschen hatte, war mit seinen verbliebenen Reichsmark arm dran. Nicht immer gab es die Waren, für die man Lebensmittelkarten hatte, und auf dem schwarzen Markt war es teuer. So kostete in Minden eine Zigarette 5 Mark, ein Ei 12, ein Pfund Butter 240 und 500 Gramm Bohnenkaffee gar 500 Mark.

Viele machten aus der Not eine Tugend: Rote Röcke aus Hakenkreuzfahnen, Mäntel aus Wehrmachtsdecken, Beinfarbe statt seidener Strümpfe waren die Mode des Jahres 1945.

[Bild: Zwangswirtschaft: Marken, auf die es nicht immer was gab.]

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