Nichts gelernt
Kommentar zur Dokumentation „Die Reichskristallnacht" Mittwoch, ARD
Wer jemals den Nazi-Propagandastreifen übelster antisemitischer Machart „Der ewige Jude“ gesehen hat, mußte sich fragen: Was hat bloß Fritz Hippler, einer der Verantwortlichen für das Hetzwerk, in einer Sendung über die Judenpogrome im November 1938 zu suchen? Es kommt einer Verhöhnung der Opfer gleich, wenn jener Propagandafilmer heute, fünfzig Jahre danach, angeblich schon in der Pogromnacht den ersten „großen Knacks“, Zweifel am Regime, bekommen haben will. Was hat der Mann denn geglaubt, wozu sein Machwerk gedacht war? Seine Stimme in den Reigen der Zeitzeugen einzufügen, hätte nur dann Sinn gemacht, wenn man ihm eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit seiner Verstrickung angemerkt hätte.
Jemand jedoch, der damalige antijüdische Ressentiments in der Bevölkerung heute damit erklärt, die Juden seien ja auch „intelligenter“ und „tüchtiger“ als andere gewesen, der also quasi nur unter dem Druck der Ereignisse die Wertigkeit seiner Ideologie eben mal umstülpt, zeigt, daß er nichts kapiert hat. Solche Äußerungen haben nicht unwidersprochen zu bleiben. Sonst verkehren sie einen sicherlich gut gemeinten Anspruch in ihr Gegenteil. Mehr als ein Viertel der kostbaren Sendezeit auf die Rekonstruktion des Pariser Attentats zu verwenden, geht genauso an der Bedeutung der Pogrome vorbei: Den Nazis war der Anlaß völlig egal - sie hätten so oder so einen Vorwand gefunden, ihre Schlägertrupps in Marsch zu setzen. Anders als der Bayerische Rundfunk hatte das ZDF tags zuvor gezeigt, wie eine Aufarbeitung der Zeitgeschichte gelingen kann: Einzelschicksale in ihren regionalen und nationalen Bezügen wurden so nachvollzogen, daß sie zu beklemmender Wirklichkeit wurden, die der BR-Version völlig fehlte.
hig