Nazis wollten letztlich auch Christen treffen
„Juden und Christen leben in einem Haus“
Bielefeld (rabe). „Was hast du am 9. November 1938 gemacht?“ fragten sich noch nach Ende der Veranstaltung die älteren Besucher. Mit seinem sehr persönlichen Vortrag hatte Professor Wolfgang Schweitzer im Gemeindehaus der Neustädter Mariengemeinde eine Diskussion ins Rollen gebracht, die sich nicht nur auf theologische Probleme beschränkte. „Israel und die Kirche - Gegner oder Schicksalsgenossen?“ war die Fragestellung, unter der der ehemalige Professor an der Kirchlichen Hochschule Bethel das aktuelle Thema des Verhältnisses zwischen Juden und Christen beleuchtete. „Man schlug auf Gottes Bundesgenossen ein, weil man Gott selbst loswerden wollte!“ stellte er dar. Das hätte die Christenheit herausfordern müssen, der Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten entschiedeneren Widerstand entgegenzusetzen.
Anhand der beiden Stichworte aus dem Titel seines Vortrages schilderte Schweitzer die Entwicklung des Verhältnisses der beiden Religionen bis hin zur sogenannten Reichskristallnacht. Immer hätten Christen, von den Römern bis zu Luther, gegen die Juden gehetzt und sie oft genug verfolgt - „immer wieder war die letzte Begründung die Kreuzigung Jesu durch die Juden.“
Schicksalsgenossen sind Juden und Christen laut Schweitzer durch das einigende Band ihres Gottes: „Gott hat uns durch Christus in sein Haus gerufen - aber nicht, um die Juden hinauszuwerfen.“
Persönliche Schilderungen illustrierten Schweitzers Gedankengänge und leisteten vor allen Dingen eines: Sie machten klar, wie sich die Probleme zwischen den Religionen auf den einzelnen Menschen auswirken, sei es auf den Studenten im Deutschland vor der Nazizeit, sei es auf den heutigen Israel-Reisenden.
„Ich glaube, ich muß noch mal neu Theologie studieren“, war denn auch eine Erkenntnis des 72-jährigen aus seiner Beschäftigung mit den biblischen Wurzeln seines Themas.
Gedanken gemacht zu den theologischen Problemen, die mit dem Verhältnis des Volkes Israel und der Christen verknüpft sind, hatten sich auch viele der rund 80 Besucher im Gemeindehaus. So grübelte der Pfarrer, ob herkömmliche Auslegungen des Neuen Testamentes für die Predigt noch stimmig seien, und der Student fragte: „Wie soll die Theologie nach Auschwitz mit antijüdischen Aussagen umgehen?“