Über den Nachweis des schwarzen Jura im Teutoburgerwald südlich von Bielefeld

Von Dr. Friedrich Landwehr – Auszug aus „Blätter für Lippische Heimatkunde 1901“

 

Den Teutoburgerwald durchsetzt bei Bielefeld eine große Lücke, welche als uralter Verkehrsweg für die Stadt von großer Bedeutung geworden ist: der Querpaß von Bielefeld. So gleichförmig die Bildung dieses tief eingeschnittenen Tales dem Auge erscheinen mag, so verschieden ist die Bildung der Talgehänge in geologischer Beziehung. Während auf der Nordwestseite das Gebirge in hohem Grade zerstört ist, folgt auf der Südostseite die einzelnen Gebirgsglieder in vollkommener Regelmäßigkeit aufeinander. Ein Blick auf die geologische Karte dieses Gebiets zeigt uns auf der Südostseite des Passes die Hauptformationen in regelmäßiger Folge als Trias, Jura und Kreide, die bergbildenden Teile dieser Formationen in der bekannten Gliederung als parallele Gebirgsketten. Gehen wir indessen auf die Unterabteilungen dieser Formationen näher ein, so muß es befremdlich erscheinen, daß einige derselben auf dieser Karte fehlen. So ist von den einzelnen Gliedern der Juraformation nur der mittlere oder braune Jura vorhanden, während der untere oder schwarze und der obere weiße Jura völlig fehlen.

Es ist nun Aufgabe der örtlichen Forschung, diese Lücken auszufüllen. Was insbesondere den schwarzen Jura betrifft, so ist es dem Verfasser bereits gelungen, sein Vorhandensein an dieser Stelle nachzuweisen, und zwar durch einen bald wieder verdeckten Aufschluß im Jahre 1886. Dieser Aufschluß lag (und zwar für den von Gadderbaum kommenden) links an dem alten Gemeindeweg, der bei der Besitzung des Fabrikanten Brune abzweigte und nach dem Hulschenbrock weiter führte: an einer Stelle, wo der Weg unweit der jetzigen Gärtnerei von „Bethel" nach der ehemaligen Ziegelei von Joachim bzw. Dreyer, späteren „Ziegelei Bethel" umbog.

Hier fanden sich, von einer 2 m mächtigen Schicht von gelbem, sandigem Geschiebelehm bedeckt, dünn geschichtete schwarze Schiefer vor, welche versteinerungsfähig zu sein schienen. Nach längerem Suchen fand sich jedoch eine Versteinerung, nämlich eine Muschel, welche als sogenannte Leitmuschel eine genaue Bestimmung dieser Schichten zuließ. Es war ein Abdruck von Posidonomia Bronii Voltz (und zwar nach der Mitteilung des bekannten schwäbischen Geologen Dr. Endriß, welcher bei dem Funde zugegen war, in der Varietät: „Magna Quenstedt“. Damit war die Stellung dieser Schichten im geologischen System gegeben. Es handelte sich demgemäß um die obersten Schichten des schwarzen Jura, die Posidonienschiefer, deren Nachweis für diesen Punkt des Teutoburgerwaldes mit dem obigen Fund erbracht ist, und deren Vorkommen auch sonst unser Interesse in Anspruch nimmt: Denn dieselben haben wegen ihres Mineralölgehalts im Bergbau des Teutoburgerwaldes eine Rolle gespielt, indem das sogenannte „Lias-Schieferöl" aus ihnen gewonnen wurde, oder indem sie zum Brennen von Kalk oder zu anderen ökonomischen Zwecken benutzt wurden.

Der vorstehende Fund ist nur ein Glied in der Kette der Nachweisungen dieser Zone in dem uns benachbarten Teil des Teutoburgerwaldes. So wurden die Posidonienschiefer „vor den Schlingen" bei Detmold durch Wagemann ausgegraben. Andere Punkte ihres Vorkommens sind: Hörste, Stapelage, Wistinghausen, Oerlinghausen, Niederbarkhausen, Grevinghagen, Kirchdornberg und Werther. Bei Kirchdornberg sind diese Schichten am Mundloch der Zeche „Friedrich-Wilhelms-Glück" durch F. Römer nachgewiesen worden. Auch am Gute Wistinghausen bei Oerlinghausen ist dieser Schiefer aus der Grube „Friederike" eine Zeit lang durch Tagebau gewonnen worden, und das Öl daraus fabrikmäßig dargestellt worden. Auch wurde hier das Gestein einige Zeit zum Brennen von Kalk benutzt, ein Verfahren, das sich jedoch nicht bewährt hat, da nach mündlichen Mitteilungen, die dem Verfasser gemacht wurden, der Heizeffekt in Folge des wechselnden Gehalts des Schiefers an Mineralöl verschieden ausfiel, indem bald ein Teil des Gesteins seinen Zweck völlig erfüllte, während ein anderes Mal die Verbrennung des Kalks unvollständig war.

Zweifellos ist dieses Öl tierischen Ursprungs, und die vorsintflutlichen Saurier, Knorpelfische (Haie), Knochen-(Ganoid-)Fische und Grätenfrösche haben uns in diesem Öl ein wertvolles Heizprodukt und zugleich ein wertvolles Heilmittel (Ichthyol) hinterlassen. Das letztere wird noch heute vielfach gewonnen, während im Allgemeinen die bergmännischen Versuche, wie bei uns, so auch anderswo, z. B. in Württemberg, fehlgeschlagen sind. Beachtenswert ist indessen, was der schwäbische Geologe Dr. Engels über diesen Punkt schreibt:

„Geognostischer Wegweiser durch Württemberg" von Dr. Theodor Engel, Pfarrer in Ettlernschieß. Stuttgart 1883.

„Wohl sind die Schiefervorkommen, eine um die andere, wieder eingegangen, weil sie die Konkurrenz mit dem pensylvanischen Petrol nicht ertragen konnten; nichtsdestoweniger hat die Sache noch immer eine Zukunft und liegt für alle Fälle ein Kapital von Millionen für uns hier im Boden begraben."

Auch in Schwaben wird der Schiefer als solcher an Stelle der Steinkohle als Heizmaterial verwendet. Dazu kommt noch die Benutzung dieser Posidonienschiefer für Boden- und Fliesenplatten, Tische, Gesimse etc., und ferner die Bedeutung dieser Schiefer für die Entstehung berühmter Schwefelquellen und Schwefelbäder wie Boll, Reutlingen, Sebastiansweiler u. A. m., wie sie auch die öfters in diesen Gegenden vorkommenden Erdbrände erklären.

Doch nun zurück zu unserem Teutoburger Wald, über den nur noch eins bemerkt werden soll: Angesichts der geologischen Vielgestaltigkeit und Mannigfaltigkeit unseres Gebirges, das aus kleinem Raum eine erstaunliche Menge verschiedener Formationen in größtenteils verwickelter und unregelmäßiger Lagerung aufzuweisen hat, erwächst der örtlichen Forschung eine nur umso größere Verpflichtung, die vorhandenen Lücken unseres Wissens auszufüllen. In dieser Hinsicht mögen auch die vorstehenden Zeilen als Anregung gelten.