Beklemmende Visionen vom Tagebau
„Ölschiefer" in Lockhausen: Geringe Vorkommen verhinderten eine wirtschaftliche Ausbeutung
Von Adolf Mader
Im Jahre 1945 hielt vor dem Lockhauser Königskrug ein Lkw. Der Fahrer erkundigte sich nach dem Weg zu Eickmeiers Mergelkuhle. Wie Fritz Niekamp, der Gastwirt, berichtete, erzählte ihm der Fahrer bereitwillig, daß er den Mergel nach Bremen zur Norddeutschen Hütte bringen solle.
Großes Rätselraten in Lockhausen: Was wollte man wohl mit Lockhauser Mergel in einer Bremer Hütte?
Man wußte nur, daß der Mergel bisher lediglich zum Düngen der Felder verwendet worden war. Die größte ehemalige Mergelkuhle lag an der Ahmser Straße und hatte einen Aushub von ca. 400.000 Kubikmetern. Besitzer war Bauer Obenhaus, später Eickmeier, Lockhausen Nr. 10.
Metallgesellschaft Frankfurt a.M. in Oerlinghausen geleitet. Während dieser Zeit hat sich mein Vater u.a. intensiv mit der Frage beschäftigt, ob es möglich ist, hochwertigen Portland-Zement auf der Basis von Ölschiefer herzustellen, wobei das Öl im Schiefer bei der Herstellung (d. h. beim Brennen) gleichzeitig als Energiequelle genutzt werden sollte.
Als mein Vater Oerlinghausen verließ wollte er dieses Problem, das ihn interessierte, weiterverfolgen und hat sich dann die Bergrechte in Lockhausen geben lassen. 1930 schied mein Vater aber aus der Zementindustrie aus und ist dann in der folgenden Zeit nicht mehr dazu gekommen, diesen Problemen nachzugehen und hat auch die Konzession aufgegeben.
Die Kuhle bietet heute ausreichend Fläche für zwei Sportplätze, einen Tennisplatz, einen Kinderspielplatz und drei Gebäude. Außerdem gab es noch Mergelkuhlen am Knipkenbach, in der Tiefenbrede, auf Vinnen, an der Leopoldshöher Straße, im Großen Feld auf Ubbentrup und in Büxten. Die meisten Kuhlen sind heute zugewachsen. Aber nach wenigen Spatenstichen stößt man dort auf den schwarzen Mergel. Einige Mergelkuhlen sind aufgefüllt worden.
Im Lockhauser Mergel sind 24 bis 42 Prozent Kalk enthalten. Lange Zeit ist dieser Mergel für die Bauern ein unentbehrliches Mittel zur Bodenaufbereitung gewesen. Der im Mergel enthaltene Kalk entsäuert den Boden, durchlüftet und lockert ihn. Allerdings mußten große Mengen an Mergel aufgebracht werden. Für eine gründliche Bodenaufbereitung waren 200 Doppelzentner pro Hektar erforderlich.
Wie Bauer Bruno Oekermann berichtet wurde noch wenige Jahre vor dem letzten Krieg im Winter, wenn Frost herrschte, Mergel auf die Felder gefahren. Eickmeiers Mergelkuhle stand in dem Ruf, besonders guten, also kalkreichen Mergel zu haben. Der Höhepunkt des Mergelabbaus war um 1900. Der Bauer Eickmeier habe jeden Winter viel Mergel „ins Preußische" verkauft.
[Bild: Aushub für eine Gasleitung in Lockhausen: bituminöser schwarzer Mergelschiefer mit einer abdeckenden Schicht aus Löslehm. (Foto: Mader)]
Der Bauer Adolf Frodermann kann sich erinnern, daß sein Vater noch um 1930 im Winter selbst Mergel aus Eickmeiers Mergelkuhle geholt hat. Der Mergel war beim Abbau noch schiefrig und bestand aus vielen leicht brüchigen Platten und Plättchen. Auf die Felder gefahren und in kleine Haufen abgeladen, wartete man, bis der Mergel zu dunklem erdigem Ton zerfallen war. Sein Großvater soll einmal bei strengem Frost in der Tiefenbrede Mergel abgebaut haben, „wo es so kalt war, daß die Krähen tot von den Bäumen gefallen sind".
Was ist die Ursache, daß die schiefrigen Platten so leicht an der Luft zerfallen? Die darin enthaltenen Tonminerale nehmen Sauerstoff auf, quellen auf, und lassen die Platten zerfallen.
Anfangs sehen sie dem Tonschiefer, den man zum Dachdecken verwendet, sehr ähnlich. Aber um die nötige Härte und Widerstandsfähigkeit gegen Verwitterung zu erzielen, hätte Mergelschiefer höherem Druck, größerer Hitze und stärkerer Bewegung ausgesetzt sein müssen. Seine dunkle Farbe stammt zum Teil von organischen Bestandteilen, d.h. von abgestorbenen Meerestierchen, die dann Faulschlamm bildeten. Auch sulfidische Eisenverbindungen haben ihren Anteil an der Farbe.
Als ich bei der Arbeit am geologischen Teil der Lockhauser Chronik in Otto Weerths Büchlein „Geologie des Landes Lippe" las, daß in Oerlinghausen aus Ölschiefer schon 1867 Leuchtöl (vgl. Ausgabe 6/95 der Lipp. Blätter für Heimatkunde) gewonnen wurde, und zwar aus dem gleichen Gesteinsmaterial, das auch in Lockhausen vorkommt, ging ich dieser Fährte nach und wurde in Erich Kenters Arbeit Bergbau in Lippe fündig: „Der Chemiker Oskar Tetens in Lesum bei Bremen erhielt 1930 ein Feld („Lippe") von neun Millionen Quadratmetern in den Dorfgemeinden Biemsen-Ahmsen, Werl-Aspe, Wülfer-Bexten, Bexterhagen und Lockhausen (Amt Schötmar) auf Bitumen jeder Art verliehen. Die Bergwerksberechtigung erlosch 1934." Der Lkw mit dem Lockhauser Mergel war nach Bremen gefahren, und der Chemiker Oskar Tetens wohnte auch in Bremen.
Ich forschte nach der Anschrift von Oskar Tetens in Bremen. Sein Sohn Sophus Tetens teilte mir mit - das war im Jahre 1966 - sein Vater sei im Jahre 1962 verstorben, berichtete aber ausführlich über die Tätigkeit seines Vaters in Lippe: „Mein Vater war Zement-Chemiker und hat in der Zeit von 1919 bis 1928 ein Versuchszementwerk der Erst 1945 wurde das Problem erneut aufgegriffen. Damals wollte die Bremer Kaufmannschaft ein Projekt finanzieren, bei dem aus Lockhauser Schiefer Zement hergestellt werden sollte, da ja nach dem Kriege ein so großer Mangel war, vor allem was Kohle betraf. Es wurden auch mit Schiefer aus Lockhausen in Bremen bei der Norddeutschen Hütte Versuche gemacht. Warum aus der Sache dann doch nichts geworden ist, kann ich Ihnen leider nicht sagen."
Neugierig geworden veranlaßte Heinrich Welslau, der damalige Bürgermeister, die Untersuchung von zwei Bodenproben bei der Baustoff-Forschung Buchenhof in Hösel bei Düsseldorf. Das ernüchternde Ergebnis: erste Probe aus einer oberen Schicht: 2,34 Prozent Ölgehalt; zweite Probe aus einer tieferen Schicht: 0,00 Prozent Ölgehalt.
Der Ölschiefer am Tönsberg soll sieben Prozent Ölgehalt haben. Für Lockhausen muß man mit 2,34 Prozent Ölgehalt die Bezeichnung „Ölschiefer" aus gutem Grund in Anführungszeichen setzen. Und in Lockhausen wußten wir damit, um mit Sophus Tetens zu sprechen, „warum aus der Sache nichts geworden ist". So blieb Lockhausen die beklemmende Vision vom großflächigen Tagebau mit Riesenbaggern erspart. Alter 400.000 Kubikmeter verkaufter Mergel allein aus einer Mergelkuhle - das hat guten Erlös gebracht und die Einkünfte vieler Bauern verbessert.