Gegend mit kurioser Vergangenheit
Am sogenannten Wartebrink gab es eine Art Bergbau, Schmuggler nutzten das Gebiet bei Nacht und Nebel und die preußischen Ubbedisser gingen hier zur Kirche in Lippe
[Bild: Klassenausflug zum Wartebrink im Jahre 1929. Rektor Hermann Diekmann fotografierte die Kinder der Oerlinghauser Schule, die an einen vollgelaufenen Schachteingang plantschen. Die Schächte und die jeweiligen Stollen waren für die Suche nach Bodenschätze wie Eisenerz angelegt worden. | © Repro: Horst Biere/Quelle: Archäologisches Freilichtmuseum]
Oerlinghausen. Es war schon manchmal eine verzwickte Situation im alten Grenzgebiet zwischen Lippe und Preußen. Wer heute mit dem Auto über Lämershagen nach Bielefeld fahrt, merkt nichts mehr davon. Kaum jemand registriert den alten Grenzstein, der kurz vor dem Königshof am linken Straßenrand steht. Doch die Grenze, die dort parallel zur Gräfinghagener Straße am Sussieksbach hinunter zum Asemisser Industriegebiet führt, sorgte früher für viele Probleme und politische Verwirrungen.
Bereits kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg, im Jahre 1667, teilte man die Region auf. Die Grafschaft Ravensberg und damit Bielefeld kamen zu Preußen, die Grafschaft Lippe bildete einen eigenen Staat. Der Wartebrink, jener kleine, heute abgeholzte Hügel rechts der Straße nach Lämershagen, bildete einen Teil des Grenzgebietes.
Die Grenzanlagen zur Absicherung, die man auch Landwehr nannte, bestanden im Mittelalter aus Wällen und dornigem Strauchwerk. Oben auf dem Wartebrink, dort wo man eine gute Sicht ins Preußische hat, sollen nach Angaben der Heimatforscher Otto Werth und August Reuter oftmals lippische Wachposten gestanden haben. Von Ravensberger Seite aus blickten die Posten oberhalb vom Königshof auf Lipper Gebiet.
Was der Böllerknall von der Sparrenburg zu bedeuten hatte
Die Garnisonsstadt Bielefeld hatte im 17. Jahrhundert großen Bedarf an neuen Soldaten, schreibt Werner Höltke in einem Vortrag über das Verhältnis von Lippe und Preußen. Also wurden Werber in die Umgebung geschickt, die mit List, Gewalt oder Alkohol auch junge Männer aus dem Lippischen für den Militärdienst einwarben. Abgeschreckt vom harten Dienst versuchten einige, möglichst schnell wieder in ihre Heimatdörfer zu gelangen. Doch sobald ein Deserteur seine Einheit verlassen hatte, wurde auf der Sparrenburg die große Böllerkanone gezündet.
[Bild: Der Grenzstein weist auf die Jahrhunderte alte Staatsgrenze zwischen Lippe und Preußen hin. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Stadtarchiv]
Wenn der Knall ertönte, den man noch bis Lämershagen und Gräfinghagen hörte, dann mussten die Männer dort mit Knüppeln und Mistgabeln bewaffnet nach dem Geflohenen Ausschau halten. Als Anreiz gab es für jeden aufgegriffenen Deserteur mehrere Taler.
Ob der Name Wartebrink von Wachtebrink, also von einem bewachten Hügel herrührt oder ob damit das Warten am Berg gemeint ist, weiß man offenbar nicht. Es ist auch möglich, dass der Name in der Zeit entstand, als die Leineweber aus Oerlinghausen und der Umgebung mit ihren Kiepen voller Leinenstoff hier kurz vor der Grenze warteten, um gemeinsam mit anderen Leinenverkäufern in der Gruppe nach Bielefeld zu wandern.
Eisenerz und Kohle sollte es hier geben
Aber das Grenzgebiet, das in der Nähe des Gutshofes Menkhausen liegt, stand schon früher im Mittelpunkt wirtschaftlicher Interessen. Bereits vor vier Jahrhunderten vermutete man hier Bodenschätze wie Eisenerz - an manchen Stellen auch Kohle. Vom lippischen Hof angeheuerte Bergleute gruben hier professionell nach den Rohstoffen. Manche Stollen sollen auch bis unter die preußische Grenze getrieben worden sein. Doch offenbar ohne Erfolg.
Einen erneuten Versuch startete man um 1850. Da wurde in einem zu Menkhausen gehörenden Waldstück im Auftrag der Holter Eisenhütte ein Einstiegsschacht in den Boden gegraben. Auch seitlich trieben die Bergleute einige Stollen in den Berg. Doch die Ausbeute war gering, es wurden nur kleine Vorkommen gefunden. So stellte man die Suche nach Eisenerz bald ein.
Im Kriegsjahr 1944, als in Deutschland dringend Rohstoffe für die Kriegswirtschaft benötigt wurden, erinnerte man sich an die früheren Bergwerke. In einer heute mit Bäumen bewachsenen Erdmulde gruben deutsche Pioniere nach Eisenerz. „Es wurden Schächte bis unter den Wartebrink getrieben“, berichtet Werner Höltke. Aber auch hier stoppte man die Suche wegen des geringen Ertrags nach wenigen Monaten.
Kaffee über die Grenze geschmuggelt
Ein wesentlich lukrativeres Geschäft entwickelte sich im lippisch-preußischen Grenzgebiet in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Da zwischen den beiden Staaten auch Zoll erhoben wurde, führte dies automatisch zu einem blühenden Schmuggelwesen. Der begehrte Importkaffee zum Beispiel kam aus dem Seehafen Bremen mit Schiffen die Weser hinunter und über den lippischen Weserhafen Erder ins Land. Dann wurde er bei Nacht und Nebel über die Grenze nach Preußen transportiert und dort mit Gewinn verkauft. Viele Grenzprobleme lösten sich letztlich auf, als im Jahre 1842 auch das Fürstentum Lippe seinen Widerstand gegen ein gesamtdeutsches Zollgebiet aufgab und dem Deutschen Zollverein beitrat. Damit hörte das Schmuggelwesen auf.
Es gab auch friedlichen Grenzverkehr zwischen Lippe und Preußen, denn der alte Kirch- und Leichweg aus Ubbedissen führte in der Nähe des Gutes Menkhausen vorbei. Zum sogenannten „Kirchspiel“ Oerlinghausen, also der evangelischen Kirchengemeinde, gehörten nicht nur die lippischen Gläubigen, sondern auch Menschen aus dem preußischen Ubbedissen sowie aus Lämershagen und der Senne. Also mussten hier Sonntags viele Kirchgänger aus Ubbedissen oder Lämershagen die Grenze passieren. Sie hörten den Gottesdienst in der Alexanderkirche und wanderten nachmittags wieder zurück in ihre Dörfer nach Preußen.