Bleierzbergbau Helpup

Vor 50 Jahren endeten die Träume von Lippe als Erz-Eldorado

 

[Bild: Blick auf die Kreisstraße 11 (K11) zwischen Helpup und Währentrup (Blickrichtung Süden, Währentrup), wo auf Grund von wiederholten Verbrüchen durchgeführte Straßenausbesserungen den unterirdischen Verlauf des Stollens andeuten.]

Gemeinhin ist die lippische Region nicht gerade bekannt für ihren Rohstoffreichtum und kann trotzdem durchaus auf eine erstaunliche Vielfalt an bergbauhistorischen Anekdoten zurückblicken. Die letzte Geschichte dieser Art ereignete sich vor einem halben Jahrhundert etwa 6 km südlich von Helpup bei Oerlinghausen im äußersten Westen von Lippe.

Bereits seit Anbeginn der erhaltenen Überlieferungen im Mittelalter waren auch geringfügige Rohstofffunde immer wieder Grund für Anstrengungen, diese für die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft nutzbar zu machen. Besonders in den Dekaden seit Beginn der Industriellen Revolution sowie in der jüngeren Vergangenheit, (bislang) letztmalig in der frühen Nachkriegszeit, waren Bodenschätze gerade in Deutschland außerordentlich rar und schon aus diesem Grund begehrt.

Insbesondere Erze als Grundrohstoffe für die Metallherstellung waren gefragt, und abgesehen von einigen Vorkommen von sedimentären Eisenerzen untergeordneter Qualität waren hier in Lippe keine wesentlichen Möglichkeiten gegeben. Einzigem erzhaltiges Mineral wurde in den Gesteinsformationen im lippischen Untergrund an vielen Stellen nachgewiesen, dies ist der mattglänzende Galenit, dem zumeist unscheinbar graues bleihaltiges Sulfid (Schwefelverbindung), das schon seit dem Mittelalter zur Münzherstellung begehrt - und somit gleichsam bares Geld wert - war. Der bedeutendste verbürgte und beschriebene Fund wurde in Währentrup an der Straße Richtung Helpup gemacht, nach der das Vorkommen als HILFAUF (Welch ein phantasievolles Wortspiel!) benannt worden ist. In der Region um Oerlinghausen gehen die Ausbeutungsversuche auf Blei nach KENTER bis auf das Jahr 1605 zurück und fanden erst vor genau 50 Jahren in eben diesem Vorkommen südlich von Helpup ein (vorübergehendes?) Ende.

Durch den Steinbruchbetrieb im Abbau Uphof auf hochwertigen Kalkstein, der seinerzeit für die Branntkalkherstellung und zum Wegebau vielfach ausgebeutet worden ist, wurde schon Mitte der 1950er Jahre ein Störungsbereich im Gestein angefahren, der eine zwischen 30 cm bis zu etwa 1 m mächtige Kluft aufwies, die derart intensiv mineralisiert zu sein schien, dass eine kommerzielle Ausbeutung lohnenswert sein sollte. Die Tatsache, das der Galenit gemeinhin unter Fachleuten dafür bekannt ist, zusätzlich zum Blei auch häufig Nebengemengeteile in Form von Silber und insbesondere Uran mit sich zu führen, machte den Fund in den Jahren besonders verlockend, da diesem radioaktiven Metall in der aufkommenden Atomkrafttechnologie, aber auch durch die Sorgen des beginnenden Kalten Krieges fast hei heilsbringerische Bedeutung zugemessen wurde. Dass nachträgliche Untersuchungen zu dem Ergebnis kamen, das neben dem Bleigehalt, der zumindest stolze 70 bis 80 % aufwies, die erhofften Nebenmetalle ausgesprochen - ja fast ungewöhnlich - gering konzentriert waren, konnte zunächst niemand ahnen.

Unter Federführung der Preussag AG wurde beim zuständigen Bergamt Hamm eine rechtliche Feldzuteilung als Voraussetzung für eine legale Ausbeutung der Bodenschätze erwirkt, und eine Unterharzer Berg- und Hüttenbau Gesellschaft aus Goslar begann mit den Arbeiten. Die erforderlichen Voruntersuchungen waren wohl umfangreich, von angesetzten Probebohrungen bis 100 m Tiefe ist die Rede, an deren Ende das vorläufige Ergebnis stand, dass ein Untertageabbau der Erzader in der Tat lohnend zu sein schien. Die Fachspezialisten aus dem Harz machten sich ans Werk und arbeiteten in mehreren Schichten mit reichlich Überstunden, um in kurzer Zeit zwei Stollen mit einer Gesamtlänge von über 100 m in den Fels zu treiben. Schon 1956 war die Ausbeute so reichlich, dass die Gesteinsbrocken aus dem KUCKUCKS-STOLLEN, wie der Abbau damals auch genannt wurde, vom nahen Bahnhof Helpup in Eisenbahnwaggons in die Nähe von Goslar zur Verhüttung transportiert wurden.

In der damaligen Presse wurde für Lippe schon von neuen Abschnitten in der Landesentwicklung gesprochen, und es wurden beachtliche Steuereinnahmen erwartet, hatte doch der erst 1955 erfolgte Übergang vom lippischen ins preußische Bergrecht die Einschätzung wesentlich zugunsten einer Rentabilitätseinschätzung beeinflusst, denn nach altem Recht hätte wohl eine deutlich höhere Besteuerung eine Nutzung von Beginn an als nicht ausreichend gewinnbringend für die Unternehmer erscheinen lassen.

Über die Entstehung der Bleivorkommen in dieser Region Deutschlands besteht nach wie vor keine abschließende Klarheit. Der Theorie einer Genese durch sog. Lateralsekretion, also der Konzentration des Erzgehaltes aus den unmittelbar im Gestein vorhandenen fein verteilten Bleipartikeln, steht entgegen, dass hierzu durchgeführte Experimente im umgebenden Gestein des Stollens HILFAUF keine erhöhten Bleigehalte bestätigen konnten. Daneben wiesen die erzhaltigen Gänge eine scharfe Grenze zum Nebengestein auf, was ebenfalls nicht für eine kontinuierliche Wanderung des Bleis von den Rändern in den Zwischenraum spricht. Eine Herkunft aus Bereichen größerer Tiefe in Verbindung mit einem Tiefenmagmatismus als treibende Kraft für aufsteigende metallbefrachtete Wässer oder Gase kann ebenfalls nicht als nachgewiesen angesehen werden. Fest steht, dass die Bleierze wohl an die harten Kalke des oberen Muschelkalks, dem sog. Trochitenkalk, gebunden sind, einem Gestein, das große Teile des Teutoburger Waldes aufbaut und schon wegen seiner Festigkeit als Baumaterial oder Wegeschotter an vielen Stellen ausgebeutet wurde und auch heute noch gebrochen wird. Entstanden sind die hellen gelbgrauen Gesteine in einem ausgedehnten flachen, warmen Meer im Mesozoikum vor etwa 200 Mio. Jahren und gehören somit in die Formation der Trias.

Bei den namengebenden Trochtiten handelt es sich um Skelettglieder von fest auf dem Boden angewachsenen (sessilen) Tieren, die weitläufig mit den Korallen verwandt waren und im Meer der Trias über längere Zeiten massenweise lebten.

Ebenfalls vielfältig sind die, zumeist aus Zufallsfunden durch Steinbruchbetrieb bekannt gewordenen, Vorkommen des Bleierzes auf Klüften im Fels, vom Latt-Berg bei Steinheim über Sandebeck und Heidenoldendorf. Nach den damaligen Vorstellungen sollte in etwa 1.000 m Tiefe ein Band von Bleierz von Oerlinghausen über Heidenoldendorf, Hidessen und Detmold den Teutoburger Wald entlang ziehen, bevor es dann über Schwalenberg bis nach Bad Pyrmont abknickt. Nur an wenigen speziellen Stellen erschienen diese Vererzungen aber bedeutend genug, um diesbezügliche Abbauunternehmungen anzusetzen. Etwa zur gleichen Zeit wie in Währentrup muss es auch einen weiteren Versuch mit dem Bergwerk ANGELIKA bei Heidenoldendorf gegeben haben, der aber wohl merklich unbedeutender war, zumindest wenn es nach entsprechenden schriftlichen Überlieferungen geht.

Der mit großem Elan in Währentrup angeschobene Boom auf den wertvollen Rohstoff dauerte aber nur etwa ein Jahr, und dann war alles wieder vorbei, denn die Erzader erwies sich doch nicht als ausreichend verlässlich, so dass der Ertrag abschließend als nicht ausreichend gewinnbringend eingestuft werden musste. Die Mineure und Bergarbeiterzogen wieder Richtung Harz, nachdem zuguterletzt das Stollenmundloch verschlossen worden war. Die Firma Adolf und Robert Wilkenloh aus Währentrup nahm noch für etliche Jahre den Steinbruchbetrieb wieder auf und konzentrierte sich auf die ursprüngliche Verwendung des harten Kalksteins zu profanen Bauzwecken.

Gegen Ende des Jahres 1957 - vor 50 Jahren - endete damit die Erzbergbaugeschichte des Landes Lippe. Die wenigen hundert oder tausend Tonnen geförderten Erzes sind denn auch in der Gesamtbetrachtung wirtschaftlich eher als unbedeutend einzuordnen doch zumindest zieren durchaus sehenswerte Galenitproben auch wissenschaftliche, aber vermutlich auch private Mineraliensammlungen, denn die Ausprägungen des Bleiglanzes, wie er auch genannt wird, aus dem Stollen HILFAUF sollen bemerkenswert gewesen sein.

Im heutigen Landschaftsbild sind die Spuren der Tätigkeiten größtenteils verwischt, der Steinbruch als solches ist zwar noch deutlich erkennbar, aber der eigentliche Bergbaubereich ist vollends verschwunden; das Stollenmundloch ist verschüttet und nur noch andeutungsweise erkennbar. Auf der benachbarten Ackerfläche sollen nach Zeitzeugenaussagen wiederholte Tagesbrüche den Verlauf der einstürzenden Stollen gelegentlich nachgezeichnet haben. Im Bereich der vorbeiführenden Kreisstraße, die einst vom Abbau gequert worden ist, finden sich Spuren in Form von Absenkungen, die wiederholte Ausbesserungen erforderlich machten und mutmaßlich ebenfalls auf unterirdische Verstürze zurückzuführen sein werden.

Der weltweite Erzbergbau ist seit den 1950er Jahren natürlich weitreichenden Veränderungen hinsichtlich einer erforderlichen Rentabilität unterworfen gewesen, und es erscheint zur Zeit mehr als ungewiss ob jemals ein Zugriff auf das Erz bei Währentrup doch noch erfolgen wird. Eine Entscheidung hierzu ist bestimmt Ermessenssache und vermutlich heute noch nicht definitiv absehbar, doch einen Grund wird es schon haben, dass der Rechtsnachfolger der Preussag, die TUI AG, die Rechte am auf Bleierz verliehenen Bergwerksfeld HILFAUF noch immer aufrechterhält.

 

Bodo Wistinghausen

Der Verfasser stammt aus Augustdorf, ist Geologe und wohnt in Münster. wistinghausen@gmx. de

 

Literatur

BÜCHNER, M.; SERAPHIM, E. TH. (1973): Mineralneubildungen im saxonischen Bruchfaltengebirge des Unteren Weserberglandes, TI. 1: Jura bis Tertiär und Altersfrage. - Ber. naturwiss. Ver. Bielefeld, 22: 59-146, 36 Abb., 1 Tab.; Bielefeld.

HOFMEISTER, E.; SIMON, P.;

STEIN, V. (1972): Blei und Zink im Trochitenkalk (Trias, Oberer Muschelkalk 1) Nordwestdeutschlands. Geol. Jb., D 1: 103 S., 20 Abb., 10 Tab., 4 Tat.; Hannover.

KENTER, E. (1954): Bergbau im Lande Lippe. - 72 S.; Detmold (Tölle & Co.).

S. 44: „Bleiglanzkristalle im Muschelkalk-Steinbruch des Kolon Niemann bei Währentrup erregten 1784 und 1786 Aufsehen. Mutungen auf Bleiglanz erfolgten zwischen 1854-157 für die Ämter ... Oerlinghausen, Lage ...

STADLER, G. (1971): Die Vererzung im Bereich des Bramscher Massivs und seiner Umgebung. - Fortschr. Geol. Rheinld. u. Westf., 18: 439-500, 12 Abb., 4 Tab., 3 Tat.; Krefeld.

GK 100 Paderborn, GK 25 Steinheim, GK 25 Horn

Freie Presse

 

[Bild: Das heute verschlossene und stark verwachsene ehemalige Stollenmundloch. Fotos: Verfasser]