Erdöl in Währentrup

Zur Geschichte der lippischen Erdölindustrie

 

Die Antwort auf die Frage, was ferne Orte wie Marokko und Australien mit unserer Heimatregion im lippischen Westen gemein haben, ist nicht ohne weiteres sichtbar, denn die Lösung liegt verborgen unter der (Erd-) Oberfläche. Hier ruhen (mehr oder weniger bedeutende) Rohstoffreserven in Form von Ölschieferablagerungen -gegenwärtig- ungenutzt im Untergrund, einer ungewissen Zukunft harrend. Ein solches Vorkommen befindet sich an der Nordflanke des Tönsberges südlich der zu Oerlinghausen gehörenden Ortschaft Währentrup am Nordhang des Teutoburger Waldes.

Als Ölschiefer werden Gesteine bezeichnet, die Bitumen bzw. schwerflüchtige öl- oder fettartige Kohlenwasserstoffsubstanzen enthalten, die durch technische Gewinnungsverfahren freigesetzt werden können. Derartige Formationen sind an besonderen Lokalitäten weltweit zu finden, dort wo spezielle Bedingungen eine Anreicherung des Öls im Gestein übereinen langen Zeitraum möglich gemacht haben. Ein großer TeiI, wie auch das Vorkommen in Währentrup, ist dabei auf Vorgänge im Erdmittelalter (Mesozoikum) zurückzuführen. Die Entstehung ist auf den unteren Jura zurückzuführen, der auch als Lias bezeichnet wird und mit einem Alter von etwa 180 Mio. Jahren die Ablagerungsreste eines küstennahen Flachmeerbereiches darstellt. Dabei trifft die Bezeichnung Schiefer für die betreffenden Gesteine streng genommen gar nicht zu, weil es sich tatsächlich um einen im Meer abgelagerten (sedimentären) Ton handelt, der aufgrund der speziellen Bedingungen während seiner Entstehung ausgesprochen feinschichtig ausgebildet ist. Im vorliegenden Zustand ähneln diese dünnplattigen Tonsteine aufgrund ihrer äußerlichen Struktur heute einem Schiefer.

Der weitläufige Meeresbereich im Lias war Lebensraum für Kleinstlebewesen, auch als Plankton bezeichnet, die unter günstigen biologischen Bedingungen in unvorstellbaren Massen auftraten. In einem Richtenden wollenden Zyklus von Leben und Tod fiel das abgestorbene Plankton auf den Meeresgrund und entging hier aufgrund eines herrschenden Sauerstoffmangels der Verwesung und somit der vollständigen Vernichtung. Stattdessen fand am Meeresboden eine Fäulnis ohne Sauerstoff statt und bewirkte eine Anreicherung der Kohlenwasserstoffe. Über Jahrtausende führte die fortwährende Konzentration zu einer regelrechten Lagerstätte, wie abbauwürdige Vorkommen auch genannt werden. In der Erdölgeologie bezeichnet man die ölhaltigen speziellen Substanzen in Ölschiefern auch als Kerogen. Im Gegensatz zu den klassischen Erdölvorkommen, wo das Öl in flüssiger Form in den Porenhohlräumen gespeichert ist, sind die Kohlenwasserstoffe in den Ölschiefern in fein verteilten festen Partikeln im Gestein gebunden. Mit dieser Entstehungsgeschichte unterscheiden sich dabei alle Ölvorkommen gravierend von den fossilen Stein- und Braunkohlen, die aus den Überresten frühzeitlicher Sumpfwälder hervorgegangen sind.

Aufgrund dieser einzigartigen Entstehung ist eine Nutzung der Ölschiefer als Rohstoffquelle schwieriger als bei klassischen Erdölvorkommen, da sie nicht durch Bohrungen erschlossen und ausgebeutet werden können. Das Gestein muss in überirdischen Bergwerken abgebaut und weiterverarbeitet werden, dazu ist in aller Regel im Vergleich zu anderen Ölspeichergesteinen ein deutlich geringerer Gehalt an verwertbaren Kohlenwasserstoffen anzusetzen. Einer ökonomischen Ausbeutung standen diese widrigen Umstände bislang vielfach übermächtig entgegen.

Auch an der Lagerstätte bei Oerlinghausen ist der Abbau wiederholt aufgenommen und zumeist nach kurzer Periode jedes Mal wieder eingestellt worden - wenn vielleicht letztlich auch nur vorübergehend. Nachdem das Vorkommen schon seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts eigentlich bekannt war, kam es erst in den Anfangsjahren der Industriellen Revolution um 1860 zu einem ersten nennenswerten Abbau. Aus den Lias-Schiefern wurde in einer so genannten Schieferölhütte Leuchtöl gewonnen, das nach Auffassung damaliger Experten (WEERTH, 1929) recht „brauchbar“ gewesen sein soll. Der „Ölboom“ währte eine gute Dekade, bis eine Neuentwicklung in Gestalt von Erölpetroleum aus Amerika seinen Einzug in Europa hielt und das heimische Leuchtöl binnen weniger Jahre vom Markt verdrängte. Dieses Schicksal ereilte diesbezüglich nicht nur das Werk bei Oerlinghausen, sondern in ganz Europa -eine bedeutende Leuchtölgewinnung aus Ölschiefern gab es damals z.B. in Schottland- ging die Gewinnung in wenigen Jahren ein. Das heimische Leuchtöl konnte in erster Linie aufgrund seiner Eigenschaften -zum Teil war eine erhebliche Geruchsentwicklung zu beklagen- sowie des Preises nicht dauerhaft mit dem Öl aus Übersee konkurrieren.

Um die Investitionen zu sichern, wurden neue Verwendungsmöglichkeiten für den Ölschiefer gesucht, und eine Wiederaufnahme des Abbaues fand etwa zwischen 1910 und 1930 statt. Nach Zeitzeugenberichten (HÖLTKE, 2006) erreichten die Tagebauten zu dieser Zeit eindrucksvolle Dimensionen und wiesen zuletzt Tiefen von deutlich über 10 m auf. Zur Weiterverarbeitung wurden erhebliche Anstrengungen erfordert ich, um die technischen und logistischen Voraussetzungen sicher zu stellen. Neben der Errichtung der eigentlichen Fabrikanlagen zur Ölgewinnung wurde eine Talsohle mit einem mehrere Meter hohen Wegedamm überbaut. Um ständig ausreichend Wasser für die industriellen Arbeitsprozesse zur Verfügung zu haben, wurden Bachläufe aufgestaut und in einem Reservoir gespeichert.

Dabei wurde die Lagerstätte Währentrup allerdings nicht zur Erzeugung von Motorenöl oder sogar Treibstoff ausgebeutet, da eine Raffinierung unter den damals gegebenen technischen Möglichkeiten unwirtschaftlich zu sein schien, gewonnen wurden vielmehr einfache Schmierstoffe für die Schiffsindustrie sowie Spezialzuschläge für die Zementherstellung. Gleichwohl wurde bereits zu dieser Zeit eine eventuelle Bedeutung für die Treibstoffversorgung in Zeiten einer zukünftigen Rohstoffknappheit prognostiziert (WEGENER, 1926).

Während die Ausbeutung in Lippe seit dieser Zeit ruht, wurden in anderen Lagerstätten insbesondere in Süddeutschland noch während des Zweiten Weltkrieges erfolgreiche Versuche durchgeführt, um aus Ölschiefern des Lias in der Tat Benzin, Diesel und Flugzeugtreibstoffe zu gewinnen und damit alle wesentlichen gebräuchlichen Derivate der klassischen Erdölverarbeitung. Die erforderlichen Techniken, um aus dem Kerogen der zuvor zermahlenen Tonsteine mittels einer Erhitzung auf Temperaturen zwischen 300 und 500°C die wertvollen Kohlenwasserstoffe zu extrahieren, sind wohl bereits seit dem 17. Jahrhundert bekannt und erprobt. Als Nebenprodukt fällt hierbei oftmals zusätzlich Gas an, welches in der Vergangenheit schon als Leuchtgas kommerziell genutzt worden ist - wenn auch (noch) nicht in der lippischen Region.

Eine erfolgreiche Kommerzialisierung der Unternehmungen auf Energierohstoffgewinnung aus Ölschiefer sind seit dem Beginn der 1980er Jahre weltweit nahezu zum Erliegen gekommen, weil - so verwunderlich es sich auch anhören mag - die Rohölpreise auf dem Weltmarkt im Gegensatz zu der damaligen Zeit bis heute zu niedrig sind. Eine Ausbeutung der lippischen Ölschiefer in näherer Zukunft erscheint u.a. auch aufgrund der vergleichsweise geringen bekannten Ausdehnung des Vorkommens bei Währentrup wohl eher unwahrscheinlich. Immerhin aber war die Lagerstätte zumindest in den 1970er Jahren laut Ausführungen zur geologischen Karte des Landes Nordrhein-Westfalen (Blatt Paderborn im Maßstab 1:100.000) für die damalige Erkundung von landesweiten Ölschiefervorkommen als potentielle Energiequelle für bedeutend genug eingeschätzt worden.

Die Exploration - also die Suche und Vermessung von Rohstoffvor kommen - hatte in der weiter zurückliegenden Vergangenheit einen eher durch Zufälligkeiten geprägten Charakter. Weil insbesondere Gesteine wie die Tonsteine des Erdmittelalters wegen ihrer vergleichsweise geringen Härte zumeist flache Muldenbereiche bilden, die unter der natürlichen Vegetation oder landwirtschaftlicher Nutzung verborgen sind, sind sie an der Oberfläche eher schlecht aufgeschlossen. Die Entdeckung von nutzbaren Lagerstätten an Ölschiefern geschah vielfach durch die Beobachtung von Erdbränden, ausgelöst durch Selbstentzündung, oder von auf Bächen aufschwimmenden Ölschlieren, die zu ihrem jeweiligen Ursprung zurückverfolgt wurden. Die Ausdehnung des Vorkommens von Währentrup ist trotz alledem heute relativ genau bekannt, aufgrund von weiter zurückliegenden Probebohrungen zur Erkundung. Die ölhaltigen Formationen des Lias liegen danach in einer sogenannten Grabenscholle von ca. 1 km Längserstreckung parallel zur Nordflanke des Tönsberges und beinhalten nach Schätzungen des Geologischen Landesamtes Nordrhein-Westfalen über 1 Mio. Tonnen Ölschiefer mit einem mutmaßlichen Ölgehalt zwischen 5 und 10 %. Sie sind mit einer Gesamtmächtigkeit von etwa 20 m an der Oberfläche ausreichend gut aufgeschlossen. Die Lagerstätte ist abbautechnisch vergleichsweise gut geeignet, da die Gesteinsschichten relativ flach gelagert sind und nur mit etwa 15° Richtung Süden einfallen. Bei einem Mindestgehalt an Öl von 5 % ist eine potentielle Gesamtausbeute von etwa 50.000 Tonnen Öl möglich, von dem bislang nur unbedeutende Teile genutzt worden sind. Nach derzeitigem Stand macht dies zwar nur einen geringen Bruchteil des jährlichen Gesamtverbrauchs in Deutschland aus, doch ist die Zukunft der lippischen Erdölgewinnung deshalb noch nicht endgültig verloren. Schon seit geraumer Zeit sind Fachleute vielfach der Ansicht, dass Erdöl zur Verwendung als Treibstoff viel zu kostbar sei, da bestimmte Industrieprozesse, für die natürliche Erdölkohlenwasserstoffe unerlässlich sind, zukünftig größere Bedeutung erlangen werden, z.B. in der Medizin- oder Pharmatechnik. Vor diesem Hintergrund erscheint eine Reserve in der Größenordnung der Währentrupschen Lagerstätte nicht ganz so unbedeutend, zumal die derzeitige Importquote der Bundesrepublik Deutschland für Rohöl bei etwa 98% liegt.

Der Ausblick auf eine Zeitrechnung nach der unbegrenzten Verfügbarkeit von Erdölprodukten ist denn auch heute aktuell wie nie zuvor. Letztlich ist ja auch nicht auszuschließen daß im lippischen Untergrund - bislang unentdeckt -weitere abbauwürdige Ölschiefervorkommen auf eine zukünftige Nutzung warten.

[Bild: Ehemaliger Zugangsweg zum Tagebau. Foto: Verfasser]

Ganz nebenbei ist der Ölschiefer auch bei Fossilienfreunden sehr beliebt, da dieser vielfach -so auch in Währentrup - dem so genannten Posidonienschiefer des unteren Juras entstammt, benannt nach dem massenhaften Auftreten der Muschel Posidonia bronni, einer mittelgroßen feinschaligen Meeresmuschel, die mit ihrem ganzen Habitus die typischen Ablagerungsbedingungen widerspiegelt. Einige der Liasschiefer haben diesbezüglich sogar überregionale Bedeutung erlangt. so der Schiefer von Holzmaden in Süddeutschland aufgrund seiner zahlreichen und außerordentlich gut erhaltenen Fossilien.

In der zusammenfassenden Betrachtung seiner gesamten Eigenschaften ist das Jura-Vorkommen bei Oerlinghausen auch überregional als bedeutend einzustufen. Um die heute noch zugänglichen Relikte des ehemaligen Abbaus vor dem Vergessen zu bewahren und vor einer eventuellen Überbauung zu schützen, erfolgte seitens des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe eine entsprechende Würdigung mit der Einrichtung eines geologisch-paläontologischen Bodendenkmals. Für den größten Teil der industriekulturellen Aspekte kommt diese freilich zu spät - die Fabrikanlagen wurden bereits vor mehr als 60 Jahren geschliffen und die großen Tagebaue in den 1960er/1970er Jahren zum weit überwiegenden Teil überschüttet. Heute kann man aber immerhin noch kleine Reste eines ehemaligen Tagebaus erkennen, dazu sind Wegedamm und Wasserreservoir noch vorhanden. Die Zuerkennung des Bodendenkmalstatus erfolgte denn auch nicht in erster Linie aufgrund ihrer aktuellen rohstoffseitigen Bedeutung, sondern mehr wegen des Gesteinsvorkommens der besonderen Posidonienschiefer des Lias die ansonsten nur noch selten zugänglich sind. In der Beschreibung wird aber auch ausdrücklich die frühere bergbauliche Entstehung und Nutzung erwähnt, die in ihrer Art einzigartig im lippisch-westfälischen Raum zu sein scheint.

Bodo Wistinghausen - Der Verfasser stammt aus Augustdorf, ist Geologe und wohnt in Münster, wistinghausen@gmx.de

 

Quellen:

HAAS, P. (1922): Monographie der Ölschiefer des deutschen Liasepsilon, Dissertation, Heidelberg.

HÖLTKE, W. (2006): Mündliche Überlieferung, Oerlinghausen.

WAGENER, R. (1864): Die jurassischen Bildungen der Gegend zwischen dem Teutoburger Walde und der Weser.

WEERTH, 0. (1929): Geologie des Landes Lippe (Sonderveröffentlichungen des naturwissenschaftlichen Vereins für das Land Lippe; Band 3).

WEGNER. Th. (1926): Geologie Westfalens und der angrenzenden Gebiete, 2. Auflage, F. Schöningh, Paderborn.