Schieferfunde im Gebiet Oerlinghausen
Bürger protestierten bei Regierung gegen Lärm- und Geruchsbelästigung durch Spezialzementfabrik - Von Werner Höltke
Immer wieder wurden in den vergangenen Jahrhunderten Versuche unternommen, in Lippe nach Bodenschätzen zu suchen. Auch im Gebiet von Oerlinghausen sind mehrfach Bohrungen durchgeführt worden. Die dabei entdeckten Vorkommen an Steinkohle und Eisengestein waren wenig ergiebig. Bei den Probebohrungen am Tönsberg war man allerdings auf zwei ergiebige Lagerstätten von Ölschiefer gestoßen.
[Bild: Kräftige Männer waren gefragt, wenn es darum ging, die Anlieferungen für die Oerlinghausener Zementfabrik auszuladen, die mit der Eisenbahn (hier im Hintergrund die Rückseite der Lokomotive) transportiert wurden. (Foto: Höltke)]
Eduard Busse, Eigentümer von Gut Wistinghausen, baute im Jahre 1863 den ersten Betrieb zum Abbau dieser Lager auf, in dem der Schiefer zu Leuchtöl zermahlen wurde. Nach anfänglichen Erfolgen entstand darauf im Jahre 1867 die lippische Aktiengesellschaft „Elisabeth". Die hochgesteckten Erwartungen der Aktionäre gingen jedoch nicht in Erfüllung. Statt auf 100 Jahre zu arbeiten, mußte die Gesellschaft schon drei Jahre später, im Jahre 1870, die Produktion einstellen, weil das amerikanische Petroleum, das damals auf den deutschen Markt kam, preiswerter und ergiebiger als Leuchtöl war. Der Betrieb zerfiel in der Folgezeit, und mit dem Bauschutt wurden die Wege rund um Wistinghausen ausgebessert.
Noch heute kann man in dem aufgegebenen Schieferbruch große Schieferbrocken erkennen. Das Seilbahnlager am Tönsberg, von dem die gefüllten Loren herunter und im Gegenzug die leeren Loren heraufgezogen wurden, ist ebenfalls noch vorhanden.
Etwa 500 Meter westlich von diesem Schiefersteinbruch hatte man auf der Suche nach Kohleflözen schon 1709 ein weiteres großes Schiefervorkommen entdeckt, das aber nie abgebaut worden war. Als Eduard Busse im Jahr 1910 das Gut Wistinghausen an die Berliner Landesbank verkauft, erhält sein Vermittler Krümpelmann ein 120 Morgen großes Grundstück mit dem besagten Schiefervorkommen. Auf diesem Areal sollte eine Fabrikanlage und ein Wohnhaus mit Büros entstehen. Als erstes war ein Verbindungsweg zwischen dem Schieferabbau und der noch zu bauenden Verarbeitungsanlage herzustellen. Dafür wurde im Winter 1910/1911 ein Damm aufgeschüttet, bei dem viele Ziegler aus Oerlinghausen vorübergehend Arbeit fanden.
Für den Verbindungsweg mußten auch 300 Meter der unteren Hermannstraße (damals Bockstraße) neu verlegt werden. Der Schieferbruch erhielt den Namen „Mathilde". Krümpelmann, der das Projekt zusammen mit dem ehemaligen Gutsbesitzer Busse finanzierte, leitete die Arbeiten zunächst von Gut Wistinghausen aus. Doch noch vor Fertigstellung der Anlagen mußte Krümpelmann Konkurs anmelden, finanziell ruiniert und gesundheitlich stark angegriffen. Den Betrieb übernahm die „Rekord-Cement-Industrie" aus Berlin, die von einem Bankenkonsortium betrieben wurde, und Otto Simon von der Berliner Landbank wurde neuer Geschäftsführer. Neben Betriebsleiter Masche wurde auch der Chemiker Otto Tetens eingestellt.
Auch nachdem die Produktionsanlagen fertiggestellt waren, kam der Betrieb nur langsam in Gang. Bezeichnend für den Zustand des Werkes war, daß auf den verlegten Feldgleisen die Loren mit dem Schiefer vom Steinbruch bis zur Fabrik noch von einem Ochsen gezogen wurden. Im Jahre 1915 wurden eine neue Schieferöl-Schwelanlage und mehrere doppelwandige Retorten eingebaut. Als besonders kostspielig erwies sich die Wasserversorgung des Werkes. Für die Rohrleitungen von der Quelle des Haferbaches und mehrerer Quellen am Tönsberg mußten Pumpstationen und Wasserauffangbecken gebaut werden.
Mit der Produktion ging es besser voran, nachdem es dem Chemiker Otto Tetens mit seinem Mitarbeiter Meier aus Oerlinghausen gelungen war, „wasserdicht wirkenden Zement" herzustellen, den er „Antiaquazement" nannte. Dazu wurde der feingemahlene Schieferbrei mit Kalk gemischt und in Spezialretorten gebrannt, das entstandene Produkt dann im Verhältnis von 1:13 normalem Zement beigemischt. Doch bei der Umsetzung von Tetens Laborversuchen, dem Zermahlen und Brennen des Schiefers entstand eine so große Lärm- und Geruchsentwicklung, daß die Gemeinde Oerlinghausen, die um ihre Sommerfrischler besorgt war, einen Beschwerdebrief an die fürstlich-lippische Verwaltung schrieb, in dem sie Einspruch gegen den Betrieb erhob mit der. Begründung: „Wir erhalten gerade deswegen den Besuch der vielen Sommerfrischler und Sonntagsausflügler, weil unsere Luft besser ist als diejenige der Städte, und wir sind verpflichtet, alles zu tun, um diese wertvolle Einnahmequelle zu erhalten."
Die lippische Regierung schritt nicht ein, und die Firma konnte weiterproduzieren, nicht zuletzt deshalb, weil sie kriegswichtige Güter herstellte - außer Zement auch Schiffsöle als Gleitmittel für den Stapellauf von Schiffen. Noch im Februar 1918 lieferte die Firma z. B. 200 Zentner „Antiaquazement" für Küstenschutzbauten in Norderney.
Für den Abtransport zum Bahnhof Helpup wurde nach dem Kriege aus Kostengründen keine Seilbahn mehr gebaut, sondern ein moderner Lastkraftwagen angeschafft. Auch der Lorentransport in der Schiefergrube wurde modernisiert, was schon deshalb notwendig geworden war, weil der bis dahin eingesetzte „rotbunte Zugochse" int der Silvesternacht 1918/19 gestohlen wurde. Im Polizeibericht darüber heißt es: „Das Tier Ist über den Tönsberg, durch die Senne, am Bahnhof Kracks vorbei in Richtung Brackwede geführt. Hier verlieren sich die Spuren. Die Fußbekleidung des Diebes hat eine Länge von 31,5 Zentimeter und eine Breite von 9,5 Zentimeter. Für die Ergreifung des Täters ist eine Belohnung von 100 Mark ausgesetzt worden. Der Dieb und das Tier sind nicht gefaßt worden."
Schwierigkeiten bekam das Zementwerk jedoch vor allem durch den Kohlenmangel, da die Zechen mit Vorrang die Siegerstaaten zu beliefern hatten. Obwohl der Zementbedarf unmittelbar nach dem Krieg sehr groß war, mußte die Produktion in Oerlinghausen gedrosselt werden, Baufirmen konnten nur mit Genehmigung der Regierung Zement, erhalten, die Abgabe war kontingiert. Erschwerend hinzu kamen der Arbeitskräftemangel nach Kriegsende.
Die Inflation zu Beginn der 20er Jahre stellte die Firma vor weitere Schwierigkeiten. Ein Problem war es, die Löhne für die Arbeiter bereitzustellen. Fritz Pollmann, der damals für das Lager zuständig war, erzählte, daß der Buchhalter Bleicher mit großen Rucksäcken und Koffern zur Lippischen Landesspar- und Leihkasse gehen mußte, um all die Geldscheine verstauen zu können.
Im Dezember 1923 stellte die Firma einen Antrag auf Genehmigung eines neuen Brennofens. Otto Tetens, inzwischen Betriebsleiter, versprach darin, daß es keine Rauchbelästigungen mehr geben werde, da das Öl des Schiefers restlos verbraucht würde. Der früher aufgetretene Übelstand sei darauf zurückzuführen gewesen, daß bei der alten Anlage der Ölschiefer den Ofen in noch nicht ausgeglühtem und nicht ausgebranntem Zustand verlassen habe, so daß im Brenngut noch beträchtliche Mengen an unzersetztem Schiefer vorhanden war, der eine starke Rauchentwicklung verursachte.
Doch die Firma konnte mit dem Betrieb keinen Gewinn mehr erwirtschaften. Die Fabrikation von Zement stellte sich als unrentabel heraus und wurde 1928 schließlich eingestellt. 1938 wurden die restlichen Gebäude von einem Sprengkommando aus Düsseldorf in dreiwöchiger Arbeit für 8.000 Mark dem Erdboden gleichgemacht. Viele der herumliegenden Ziegelsteine dienten nach dem zweiten Weltkrieg für die Reparatur der zerstörten Häuser in Oerlinghausen.
Noch gut erkennbar, wenn auch von Buschwerk überwachsen, ist das alte Wasserauffangbecken des Zementwerkes. Auf dem Damm, auf dem bis zum Ende des ersten Weltkrieges der „rotbunte Ochse" die Feldloren mit Schiefer gezogen hat, gehen heute Spaziergänger. Nicht mehr zu erkennen ist das große Loch, das durch den Schieferabbau in den Tönsberg gegraben worden ist. Es wurde im letzten Jahrzehnt mit Bauschutt und Erde aufgefüllt. Nach der Bepflanzung der Fläche erinnert heute kaum noch etwas daran, daß hier viele Jahre lang in Schwerarbeit Schiefer abgebaut wurde.