Aus Oerlinghausen zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges

Auszug aus dem Lippischen Dorfkalender 1949

 

Daß der Dreißigjährige Krieg großes Elend über Deutschland gebracht hat, ist allgemein bekannt. Wenn auch die großen Schlachten fern von unserer Heimat geschlagen wurden, so hatte doch auch die Grafschaft Lippe eine gewisse strategische Bedeutung und infolgedessen unter der Soldateska zu leiden. Lag doch Lippe in dem großen Weserbogen, in dem bei Höxter, Hameln, Rinteln und Minden wichtige Weserübergänge waren; auch die Gebirgspässe des Teutoburger Waldes, z. B. bei Bielefeld, und der Weserberge waren von Bedeutung.

In großen Zügen hat Professor Stegmann in Bd. III der Mitteilungen aus der lippischen Geschichte und Landeskunde auf Grund archivalischer Quellen uns geschildert, wie es kam, daß Lippe von Freund und Feind zu leiden hatte. Im Rahmen jener Arbeit konnten örtliche Einzelheiten nicht berücksichtigt werden. Doch dürfte es nicht nur für die einzelnen Orte erwünscht sein, Einzelheiten zu erfahren.

Eingabe des Heinrich Thovali vom 28. Mai 1625.

Zu den Orten, die infolge ihrer Lage besonders heimgesucht wurden, gehörte Oerlinghausen. Unter Bittschriften an den Grafen von Lippe befindet sich eine Eingabe des Heinrich Thovali, Krügers zu Oerlinghausen, vom 28. Mai 1625, welcher er eine Rechnung über die Verluste und Ausgaben durch die feindliche Soldateska in den Jahren 1623 bis 1625 beifügt. Er betont, daß er stärker belastet gewesen sei als andere, besonders als die Amtsmeier, „dar ich doch denselben den zwantzigsten theil an Guetern nich gleich bin, auch offt soviel Kriegsfolck und reuter allein haben müßen ahlß die halbe dorffschaft, dar doch etzliche inne wohnen, welche beßer vermugentz sein ahlß ich“. Diese stärkere Belastung kam wohl daher, daß er Raum und Stallung hatte und der Vogt froh war, wenn er bei plötzlichem Eintreffen der Soldaten diese untergebracht hatte. Es war auch natürlich, daß bei ihm Offiziere einquartiert wurden. Er schreibt: „weilen auch dar die Obersten und offiziren ihr quartier haben, viel mehr aufgehet und überlauf ist, ahlß'dar die gemeinen reuter leggen, ahlß solte mir billich jederzeit etzliche von den besten Meigers so keine reuter gehabt, vom vogte zugegeben sein, welche sülche unkosten hetten stehen müßen, wie der Herr Droste Hammerstein ahlß der oberst Lindtlahj. bei mir gelegen gethan“. Aus der acht Seiten langen Rechnung seien nur einzelne Posten erwähnt: „Der Oberste Nivenheim umb Jacobi anno 1623 in meinem hauße gelegen, und mit dem gantzen Regemente im dorffe Orlinckhausen und zunegst darumb her die nacht im felde gehalten, ahlß Monsuer Tilly mit seiner hilfe hertzog Christians von Braunßweich armada verfolget und geschlagen. Und waß die gemelte drey Parteye liggen laßen sulches das Regement Nivenheims auff wagen und karen mitgenohmen, dardurch den großer trefflicher schade mir geschehen ist, den ich mit meiner frauwen, kindern und gesinde die flucht nehmen müßen und ihne alles zuvoren gieben. Ihm felde an Roggen, so sie für die Pferde abgerheiet verfuttert vertreddet und sunsten zu schaden, gemacht 4 maldt tho 12 Thaler, ist 48 Thlr., Ahn Erffen und Wicken ihm felde zunichte gemacht 8 Thlr., Ahn malz, gersten und haber so ich ihm hause gehabt 10 Thlr., Ahn kost und bier so auch auffgang 12 Thlr., Noch so die underschscheidene Partheyen und daß nachtlager, an schopen kästen wagen rädern Beddewerck und sunsten schaden gethan einzweß geschlagen und mitgenahmen 30 Thlr., Noch aus der kirchen ann kleidern kleinodien linnen und wulleft bin beraubet worden 65 Thlr., Ahn hagen zeunen und plancken so sie verbrandt und sunsten zu nichte gemacht 8 Thlr., 60 honer mitgenahmen und geßen, tho 2 groschen ist 3 Thlr. 12 gr. Noch für heue so sie mir auß dem hauße abgenahmen 16 Thlr., Noch ahn gelde so ich in der handtirung brauchen wollen, ihm stro unter daß haubt gelacht mit nehmen willen, aber von den stroiffers so unvermudtlich den morgen zeitlich in mein hauß gefallen sulches mir davon abgenohmen worden, wahren 114 Thlr."

Kroaten - Spanier - Italiener.

„Der Oberste leutenandt von den Krowaten sampt anderen offlciren umb Bartholäi anno 1623 in meinem hauße mit 42 pferden benachtet, 8 hauffe habern aufgangen 12 Thlr., Ahn Wicken weilen sulches mit in die andern quartir gedragen worden 6 Thlr., Ahn kost weilen 48 persohnen dreimahl geßen und so sie mitgenahmen 13 Thlr., Ahn paderbornisch bier verdruncken 6 Thlr.“

„Noch ahlß die hispanische Ahrmada umb Martini 1624 von der Lippstadt nach Hervorde getzogen, ist daß italienische regemente ihm dorffe Orlinckhausen beliggen blieben, davon ich den Mayoer sampt vielen officieren mit vielen reisigen und wagen perden so nicht zu zehlen gewesen haben müßen, und ob ich woll gemeinet bei ihnen zupleiben, so haben sie eß dermaßen entlieh gemacht, daß ich mit frauwen kindern und gesinde noidwencklich die flucht nehmen müßen und innen alles zufohren gieben, dabei aber gantz keine hilffe und zusteuer gehabt, Ahn Korn und haber wellen sie sulches mit inß dorff in ander quartier gedragen darin nicht zum besten verfuttert und schaden gethan, dis werden über 30 Thlr. noch an heue gleichermaßen mir abgefordert und zunichte gemacht 8 Thlr., noch ahn broidt, botter, speck, keise, Stockfisch, frische fische und sunsten auffgangen und daß sie mitgenahmen 16 Thlr., noch ahn Brdihanen so sie gedruncken und zunichte gemacht 7 Thlr.“

„Rethmeister Christoffer Martin von Degenfeldt kurtz nach Bartholomäei 1623 gantze drei Wochen mit 21 pferden bei mir gelegen, und obwol der vogt zu Orlinckhausen mir auf den Meiger zu Barckhausen Fronen zu Ahsemissen, Niebur zu Greste, Kamann, Hoimann, Oistmeiger zu Bechterdissen, Glidhorst zu Dolßen, Fronen und Hardtwich zu Erdissen belett geben, waß gerürter here Rethmeister vertzeren würde ohn meinen schaden alles zu schaffen und zu stellen, so bin ich doch merklich dabei wegen gerürter Meigers und haußleute nachleßigkeit in großen Nachteil und schaden gebracht, auff meinen habern, hew, stro, holtz getastet und anderes dabeß auffgangen mein gesinde darauf warten müßen, also daß ich ihm ahme viel dadurch verseumet und theils körn zu rechter zeit nich ingearnet und aufgefrettet worden. So sein auch gerürte haußleute seumhaft befunden, daß sie keine bedde, decken, lacken, zinnen geschirr und sunsten heer geschicket, sundern ist dem rethmeister angieben worden, daß ich ahn gutem bethwerck, decken, lacken, zinnen geschirr und sunsten ihn Lemgo über seith gebracht, ahlß habe ich sulches nodtwencklich wolte ich frieden haben wieder holen laßen müßen, mit der hoichverheisungk mir solte nichtes darvon entfremdet werden, Ahlß aber gerürter Rethmeister in der nacht zeitungk bekommen, daß er stündlich aufbrechen muß, ahlß haben des Rethmeisters koch und gesinde alßfordt ihm aufstehen, waß ihnen von küßen, decken, laken, keßel, potte, zinnen geschirr und sunsten alles waß ihnen gediehnet mit genahmen und auf dep wagen gelecht, wie auch sunsten alle winkel ihm hauße durchsuchen und außplündern laßen, meine beste Milchkue so über 12 Thlr. allein werth gewesep mitgenahmen, u.s.w."

General Tilly.

In einem Schreiben vom Donnerstag „für Jacobi anno 1625“ erwähnt er bei der Anführung des Schadens, der ihn betroffen, daß „eine große ansehentliche Reuterie, so mit under dem Generahl Monsuer Tilly gehörich, so ungefehr wie mahn säget, bei achte hundert Pferde mit der Bagasi starck sollen gewesen sein, alhir binnen Orlinckkausen umb midtach eingefallen und Ihr quartir genahmen, mit furgieben, daß bei dem Generahl Monsuer Tilly außgebracht, und dahero so starcken bevehelicht und ordinantz hetten. daß sie auf die benachparten Meierhaue und dorffer, wie gerne sie auch wollen, sich nicht zertheilen dürfen, und ahlso allermaßen binnen Orlinckhausen verplieben, und dahero der Oberste Leutnandt Heimersdorf, so ein Graf sein soll, in meinem Hauße quartir genahmen“.

Nachdem er im einzelnen angeführt, worin denn der Schaden bestand, schreibt er: „und ahlso niemahls bei mir so böse folde gelegen, welches soviel schaden sunderlich an körn gethan ahlß dieselbigen dar zu dan auch ahlß'geruter Generahl Monsuer Tilly ungefehr für fünf wochen mit der Armada nach Beilefeidt ge-rücket, und in der person selbst in meinem hauße gelegen, sein gesinde ihm aufzoge geholfen.“

Daß Tilly in Oerlinghausen gewesen ist, mag schon richtig sein. Als 1625 die Spanier die Sparrenburg, welche ja den Paß beherrschte, in Besitz hatten, glaubten die ravensbergischen Bauern mit Recht Ihren lutherischen Glauben in Gefahr; sie erschienen in einem starken Heerhaufen vor der Burg. Als die Einnahme Im ersten Ansturm mißlang, belagerten sie die Burg. Tilly eilte zum Entsatz herbei und vertrieb die Bauern. Den Gefangenen ließ er Nase und Ohren abschneiden. Heinrich Thovali berechnete seinen Schaden insgesamt auf 1043 Tahler 14 Groschen. Welchem Betrage das heute entspricht, mag ein jeder selbst ermessen, wenn er bedenkt, daß eine gute Milchkuh damals einen Wert von 12 Tahler hatte und der Scheffel Hafer ⅓ Tahler = 12 Groschen wert war. Ob und in welchem Maße er entschädigt ist, geht aus den Akten nicht hervor. Es findet sich nur eine Notiz des Inhalts, daß seine Eingabe den Amtsmeiern des. Kirchspiels Oerlinghausen zur Berichterstattung zugeschickt werden solle.