Oerlinghausen um 1850
Von Fritz Soll sen.
Immer wieder werde ich gebeten aus der "Guten alten Zeit" des vorigen Jahrhunderts zu berichten. Deshalb will ich diesmal die Mitte des letzten Jahrhunderts (etwa 1840 - 1850) beschreiben, weil da die Unterlagen fast lückenlos vorhanden sind.
Im Jahre 1831 kommt ein neuer Pfarrer nach Brakwede, ein junger Theologe, namens Schliepstein. Er löste den alten, 80-jährigen Pfarrer Ledebur ab und begann sogleich eine sehr rege Tätigkeit in seinem weiten Bezirk. 1831 das war die Zeit der großen Not. In Ravensberg und Lippe hatte die Handweberei einen schweren Schlag erhalten. In England war mehrere Jahre vorher der mechanische Webstuhl und die mechanische Spinnmaschine erfunden und England überschwemmte nun den europäischen Markt mit billigen irischen Leinen. Dagegen war der Ravensberger und Oerlinghauser Leinenhandel machtlos. In Oerlinghausen, das hauptsächlich Leinen nach Italien, Holland, Dänemark, Rußland und nach Süddeutschland lieferte, blieben allmählich die Aufträge aus und ein Webstuhl nach dem anderen wurde stillgelegt, ein Weber nach dem anderen wurde brotlos. Zwar nahm die aufkommende Ziegelindustrie manchen jungen Mann auf, aber das geschah nur sehr langsam. Die Not wuchs hier immer mehr und als noch Mißernten kamen, starben viele Menschen an Hungertyphus.
Besonders in der Senne wo das Korn nicht lang wurde und der Buchweizen keinen Dünger erhielt, war die Not riesengroß. Da war es besonders Pastor Schliepstein, der auf Mittel und Wege sann, um der Not zu steuern. Er veranlaßte, daß die Militär - Magazine in Minden geleert wurden und große Mengen Getreide in der Senne zur Verteilung kamen. Natürlich nur in der preußischen Senne.
Ein Teil der preußischen Senne gehörte aber seit je zur Kirche Oerlinghausen, nämlich Senne II. Das gefiel dem Pastor Schliepstein keineswegs Das Kirchspiel Brakwede und ganz Ravensberg waren lutherisch und die zum Amt Brakwede gehörende Gemeinde Senne II, war, weil nach Oerlinghausen eingepfarrt, reformiert.
Da beantragte Schliepstein bei der Regierung in Minden, daß Senne II nach Brakwede umgepfarrt würde und so geschah es auch. Die Leute aus Senne II wurden lutherisch und gehörten fortan zur Brakweder Kirche. Damit verlor Oerlinghausen die Kirchleute aus der Senne, 1852 folgte Leopoldshöhe, 1855 Ubbedissen und 1906 Helpup mit eigenen Kirchen.
Aber eines konnte Schliepstein nicht ändern, das war daß Schmuggelunwesen zwischen Lippe und Preußen. In Brakwede und Oerlinghausen saßen die SchmuggeIkönige, in Brakwede der Kaufmann Schwarz und in Oerlinghausen der Kaufmann Krome, Gehrenberg 1 (Das Haus mit der Trauerbuche, der Verf.) Sie blieben beim Schmuggeln im Hintergrunde und nur die Schmuggler selber, meist junge Leute aus Oerlinghausen und aus der Senne, setzten sich der Gefahr aus, geschnappt zu werden oder kurzerhand bei nächtlichen Gängen in den Lämershäger Bergen erschossen zu werden. Zu diesen gefährlichen Gängen trieb sie ebenfalls die große Not, der Hunger und die Sorge um ihre Familien. Eine weitere Folge dieser Notzeit von 1830 - 1850 war die starke Auswanderung nach Nordamerika. In Oerlinghausen waren es nur wenige Familien die in den Jahren um 1840 nicht ein oder mehrere Mitglieder ihrer Familie abgaben zur Reise über den großen Teich. In dieser Zeit veröffentlichte unser lippischer Dichter Ferdinand Freiligrath sein Gedicht: "Ich kann den Blick nicht von euch wenden, ich muß euch anschaun immerdar. Wie reicht ihr mit geschäftgen Händen dem Schiffer eure Habe dar." Tausende von lippischen Männern und Frauen, teiIweise mit Kindern, machten sich auf den Weg in die neue Heimat. Viele haben bei diesem Wechsel jede Verbindung nach ihrem bisherigen Zuhause verloren. Manche verloren schon auf der Überfahrt ihr Leben, oder fielen in der neuen Welt gewissenlosen Agenten in die Hände die sie auf große Farmen vermittelten wo sie manchmal wie Sklaven ihr Leben fristeten. (In den letzten Jahren geschieht es immer häufiger das Amerikaner hier bei uns auftauchen um im Rahmen einer Familienforschung ihre Vorfahren zu suchen.)
Wenn ich nun fortfahre mit dieser Beschreibung "Um 1850", muß ich etwas in der Oerlinghauser Geschichte zurückgehen. Seit 1780 war Oerlinghausen Sitz eines ausgedehnten Leinenhandels. Von dem Umfang dieses Leinenhandels können wir uns kaum einen Begriff machen. Er beherrschte um 1800 das gesamte wirtschaftliche Leben des Dorfes. Beim Durchblättern der alten Kolonatslisten hat man den Eindruck, als ob es damals in Oerlinghausen fast nur Leineweber, Leinenhopser und Leinenhändler gegeben hätte und daneben eine stattliche Zahl Krüger (d. h. Wirtschaften). Diese hatten während der Blütezeit des Leinenhandels goldene Zeiten. Zweimal im Jahr zogen die Leinenhopser bis nach Italien oder bis nach Dänemark im Norden. Sie kamen zur Mitsommerkirmes (7 Brüder - 10 Juli) und zur Martinikirmes mit der Tasche voller Geld zurück. Dann ging es hoch her in den Krügen. Der Bauerrichter bekam dann Arbeit wenn er Strafen verhängen mußte wegen nächtlicher Schießerei oder verbotenen Würfelspiel. In dieser Zeit entstand auch das Lied: "Oerlinghausen, Oerlinghausen ….. Stolzer Name voller Klang".
Furchtbar war dann der Absturz mit dem Niedergang der Hausweberei. Nun sann man darüber nach wie zu helfen sei. Nicht dem Gewerbe, sondern jeder einzelne Bürger wollte geholfen werden. Man schrie nach Garten und Ackerland, nach Aufteilung des Waldes, der Bergreviere, der Senne, kurz nach Aufteilung von allen was vorher gemeinsam genutzt wurde, der Gemeinheit. Jeder Bürger wollte zu seinem Hause auch noch seinen Garten, seinen Holzteil und zum Streuen des Stalles seine eigene Heide haben. Dieser Gedanke der Aufteilung trat auch in Oerlinghausen mit Heftigkeit in Erscheinung, nach dem Motto "Jeder für sich und Gott für uns alle."
So ging ab 1840 auch die Oerlinghauser Gemeindevertretung daran sich mit der Teilung der Gemeinheit und der Bergreviere zu befassen, es dauerte 8 lange Jahre, bis die Teilung durchgeführt werden konnte. Sie war es, die von 1840-1848 die Gemüter im stärksten Maße bewegte. Das Protokollbuch dieser Jahre ist erhalten geblieben. Wenn man es liest stößt man auch auf belanglose Sachen, wie z. B. Bleichplätze zum Wäschebleichen, Knüweroden, Heckenschneiden, Heideholen und desgl. Aber waren diese Dinge damals wirklich belanglos? Ich glaube, für unsere Voreltern waren das wichtige Dinge, z. B. die Anschaffung von 6 neuen Feuerleitern und Feuereimern. Die Beschaffung neuer Ketten und Eimer für die Dorfbrunnen. Dies waren wichtige Dinge für die damalige Brandbekämpfung. Es brannte öfter als heute - die Pfannen lagen in Strohdocken und die Giebel der Häuser bestanden aus fugenreichen Brettern. Das Amt des Spritzenmeisters war eins der wichtigsten Ämter. Es lag bis 1846 in den Händen von Carl Löhr und wurde am 11. April 1846 seinem Sohn, dem Tischlermeister Fritz Löhr, Hauptstraße 26 übertragen. Dieser war auch verantwortlich daß die 4 Dorfsbrunnen immer im einwandfreien Zustand waren.
Aber nun wieder zurück zur Teilung. Wer bekam denn Land aus der Teilung? Die Antwort ist einfach: Bei der Teilung bekamen nur die steuerpflichtigen Bürger Land zugeteilt, d.h. nur die Hausbesitzer! Die Einlieger, d.h. die Mieter wurden nicht daran beteiligt. Man muß dabei berücksichtigen, daß es vor 150 Jahren noch nicht so viele Mieter in Oerlinghausen gab. Die überwiegende Zahl der Bewohner waren Hausbesitzer. Nur wenige Tagelöhner und Weber hatten keinen Hausbesitz.
Die Hausbesitzer wurden an der Teilung nun so beteiligt, daß zur Hälfte nach der Häuserzahl, zur anderen Hälfte nach der Viehzahl verteilt wurde. Die Teilung geschah durch das Los. Im Protokoll heißt es: "und wird das Los, auch wenn jemand mehrere Stätten besitzt, für jede Stätte gezogen". Man könnte auch sagen wer viel Kühe hatte erhielt viel Land. Wer nur eine Ziege hatte, bekam Land für ¼ Kuh. (Heute würde man sagen: "Wer viel hat, dem wird gegeben“. (D. Verf.) Man schüttelt heute den Kopf über diese ungerechte Verteilung öffentlichen Vermögens, aber man muß nicht außer Acht lassen, daß die gesamte steuerpflichtige Bürgerschaft in öffentlicher Dorfsversammlung dieses als gerecht angesehen und beschlossen hatte.
Die gesamte Gemeindevertretung, die 1840 mit der Teilung angefangen hatte wurde 1844 abgewählt. (Auch wegen ihres Vorgehens gegen die Besitzer des Weberbrunnens - siehe Festschrift Einweihung des Bürgerhauses - 1990). Der neue Gemeindevorstand mit den 3 Gemeindevorstehern Julius Schütz - Hauptstraße 3, Kaufmann Tölke - Hauptstraße 74 und Steinhauer Reuter - Hauptstraße 80 - später Hermannstraße 26, führten mit 4 Deputierten dann die Teilung durch. Die Teilung der Senne, welche als letzte durchgeführt wurde, brachte viele Prozesse mit sich und kam erst als letzte zum Abschluß.
Wenn man aus der heutigen Sicht die Teilung betrachtet kann man nicht umhin zu sagen , daß die damaligen Gemeindevertreter keine Weitsicht gehabt haben, sonst hätten sie mehr Flächen für den öffentlichen Bedarf der Gemeinde zurückgehalten.
7/91 Fritz Soll sen.