Die Bauern von Rietberg verlangen ihr Recht

(1848) – Buchauszug und zur Schulfunksendung im WDR 3

 

Die Ideen der Französischen Revolution sind in Westfalen, im Gegensatz zu anderen Landschaften, nie in einem revolutionären Sinne artikuliert worden. Auch 1848 nicht. Die Unruhen in vielen westfälischen Orten, die am Himmelfahrtstag 1849 in Iserlohn 100 Todesopfer forderten, hatten wirtschaftliche, nicht politische Ursachen. Die Mißernten der Jahre 1845-47 wirkten sich noch aus, gleichzeitig wollten die Arbeiter ihre durch die übermächtige englische Konkurrenz und die Einführung der Maschinen bedrohte Existenz sichern, während die Bauern für den weiteren Abbau aller noch mit der längst aufgehobenen Hörigkeit zusammenhängenden Lasten und Abgaben eintraten.

Die Grafschaft Rietberg

Der Kampf um die völlige Befreiung von solchen Lasten führte auch zu den Bauernunruhen in der Grafschaft Rietberg. Dieses heute zum Kreis Wiedenbrück gehörende ehemals reichsunmittelbare Gebiet erhielt 1257 durch Erbvertrag die Landeshoheit. nachdem es bis dahin zum Besitz der Grafen von Werl und Arnsberg gehört hatte. Der Ort erhielt im 1 4 . Jahrhundert das Stadtrecht, 1439 fiel die1 Grafschaft an die Grafen von Hoya (bei Bremen), die es aber bereits 1456 für 600 rheinische Goldgulden unter die Lehnshoheit der Landgrafen von Hessen stellten, unter der es bis 1814 blieb. 1699 kam die Grafschaft durch Heirat an den Grafen von Kaunitz, dessen Sohn der österreichische Staatskanzler Fürst Wenzel Anton von Kaunitz war. der Gegner Friedrichs des Großen. Während der Franzosenzeit gehörte Rietberg zum Königreich Westfalen und fiel 1815 endgültig an Preußen. Dem Fürsten Alois von Kaunitz verblieben die Domänen und Grundabgaben, die er 1821 an den Rittergutsbesitzer und Industriellen Friedrich Ludwig Tenge verkaufte.

Friedrich Ludwig Tenge

Tenge, 1795 zu Osnabrück geboren, gehörte zu den erfolgreichsten Unternehmern der frühkapitalistischen Zeit in Westfalen. Nach dem Studium der Landwirtschaft kaufte er bereits 1814 das ehemalige Lippische Tafelgut des „Meyer zu Barkhausen“ bei Oerlinghausen, 1819 das Lippische Lehnsgut Dalbke. 1836 nahm er hier seine erste Papier- und Zellstofffabrik in Betrieb, um „seinen Einlegern Nahrung und Brot zu geben“. 1820 pachtete er vom Fürsten von Kaunitz das Jagdschloß Holte mit den umliegenden Waldungen. 1821 erwarb er für 60.000 Gulden den um die Stadt Rietberg liegenden Teil der Grafschaft und 1822 den übrigen Teil für etwa 225.000 Reichstaler. Er bekam die Domänen und die gutsherrlichen Rechte, während die standesherrlichen Rechte nach zahlreichen Prozessen bei Preußen verblieben. Von jetzt ab kümmerte sieh Tenge hauptsächlich um seine industriellen Unternehmen: die Papierfabrik in der Senne, die Eisenhütte in Schloß Holte 1838/39) und die Glashütten in Rietberg und Marschallshagen bei Fichtenau.

Er ließ Straßen und Wege anlegen, forderte, daß der Staat Chausseen und Eisenbahnen baute, und kümmerte sich bis zu seinem Tod 1865 auch um das Los der minderbemittelten Schichten. So wurden im Hungerjahr 1846 in Niederbarkhausen und auf Schloß Holte über 6.000 Menschen beköstigt. Sein Schwiegersohn Julius Meyer, der die Holter Eisenhütte leitete, war überzeugter Demokrat und diskutierte in Schloß Holte mit Friedrich Engels, Wilhelm Weitling, Proudhon, Herwegh, Otto Lüning und anderen.

Die soziale Lage der Bauern in der Grafschaft Rietberg

Den eigenbehörigen Rietberger Bauern hatten die Grafen bereits 1612 Erleichterungen persönlicher und sachlicher Art gewährt, die Erbuntertänigkeit wurde abgeschafft, doch blieben Pflichtzahlungen, die sogenannten Heimfallrenten. Napoleon hob in ganz Westfalen die Leibeigenschaft sowie alle persönlichen Verpflichtungen der Untertanen, wie Gesindezwang und Frondienste, auf. Die Grundherren konnten aber auch weiterhin die festgesetzten Dienste und Abgaben beanspruchen, die an Grund und Boden gebunden waren, z. B. Pachtzahlungen und angemessene Spanndienste. Die Kriege sowie die üppige Hofhaltung König Jeromes stürzten die Provinz in Schulden, die Bürger in Armut. Nur durch Zwangsanleihen konnten die Rietberger Bauern ihren Zahlungsverpflichtungen nachkommen. Die ihnen 1821 gesetzlich zugesagten Gemeinheits- (= Almende) teilungen brachten ihnen vorerst noch keine Vorteile. So ist es verständlich, daß sie 1848 in der Zeit der politischen Unruhen und der Weber- und Spinneraufstände ebenfalls wirtschaftliche Forderungen erhoben. In Rietberg erzwangen sie bereits 1848 den Nachlaß der Heimfallrenten und die Herabsetzung der Naturalablieferungen um die Hälfte, für ganz Westfalen traten die Gesetze über die Ablösung der Reallasten und die Regulierung der gutsherrlich-bäuerlichen Verhältnisse 1850 in Kraft. Statt der jährlich wiederkehrenden Zahlungen sollte einmalig der zwanzigfache Jahresbetrag entrichtet werden. Neu gegründete Rentenbanken streckten die erforderlichen Summen vor mit Rückzahlungsfristen von 50 Jahren und mehr.

Die Bauernrevolte vom 24. März 1848

Tenge war formal durchaus im Recht, wenn er auf pünktliche Zahlung der gutsherrlichen Abgaben und seit Beginn der 30er Jahre auf Umwandlung der zum Teil noch in Naturalien entrichteten Abgaben in eine Geldrente bestand, wobei er die Geldsätze (Registersätze) den gestiegenen Preisen anpaßte (z. B. 8 Taler für ein Rind statt 4 Taler wie bisher). Dagegen wehrten sich die Bauern, verloren aber die angestrengten Prozesse. Die Unzufriedenheit stieg, so daß schon Anfang März mit Unruhen gerechnet wurde; entsprechende Warnungen gingen Tenge von dem Verler Amtmann Duve, dem Rietberger Amtmann Pelizaeus und dem Landrat v. Trzebiotowski zu. Sowohl der Landrat zu Bielefeld als auch der Regierungspräsident in Minden lehnten die Entsendung einer militärischen Einheit ab.

[Bild: Schwiensterts Kotten zu Sende, wo die Empörung ihren Anfang nahm]

Der Marsch der Rietberger Bauern am 24. März 1848

Am 24. März zogen dann mehrere tausend Bauern aus allen Dörfern der Grafschaft nach Niederbarkhausen in Lippe, wo Tenge wohnte. Der Gutsherr wurde von der aufgebrachten Menge nach Kaunitz gebracht und gezwungen, die Forderungen der Bauern anzunehmen, d. h. die Heimfallrenten nachzulassen. die Naturalablieferungen um die Hälfte herabzusetzen und die Geldrente für die Dienste der „Zwei-“ und „Eintäger“ zu ermäßigen. Alles in allem soll Tenge dabei einen Verlust von 60.000 Talern erlitten haben. Er konnte aus Kaunitz entkommen. Später wollte er die unter Druck und Zwang erpreßte Unterschrift nicht anerkennen, wurde aber weiterer Auseinandersetzungen durch das preußische Ablösegesetz von 1850 enthoben.

Inhalt der Sendung: Bauer Christoph Schwicnstert in Sende ist ein begeisterter Schütze. 1845 war er sogar Schützenkönig! Aber jetzt ist er unzufrieden, wie alle Bauern in der ehemaligen Grafschaft Rietberg, unzufrieden mit dem reichen und mächtigen Herrn Tenge! Wie sich in der Welt ringsum erweist, muß man seine Forderungen mit Gewalt durchsetzen, sonst erreicht man nichts! Auf Schwiensterts Hof treffen sich die Bauern am Morgen des 24. März 1848, um gemeinsam nach Barkhausen zu ziehen, wo Tenge wohnt, um neue Bedingungen zu erzwingen. Seine Frau hat Angst davor. Landrat von Trzebiotowski will vermitteln. Er warnt vor Aufruhr, Willkür und Ungesetzlichkeit. Er kann die Bauern aber nicht zur Vernunft bringen und läßt sich von seinem Kutscher, dem Gastwirt Bremeler, nach Barkhausen bringen. Bremeler erklärt ihm unterwegs die Forderungen der Bauern. Inzwischen machen sich die Bauern auf den Weg. In Holte tritt ihnen der junge Herr Tenge entgegen. Er wird gleich mitgenommen, die erzürnten Bauern wollen nur mit dem Vater Tenge sprechen. Der diskutiert unterdessen mit dem Landrat; er hält seinen Weg für richtig. Mittlerweile sind die Bauern vor dem Gutshof eingetroffen - eine riesige Schar. Die Aufrührer bestehen darauf, daß Tenge mit ihnen verhandelt. Christoph Schwienstert gehört zur Verhandlungskommission. Er fordert Tenge auf, anspannen zu lassen und mit nach Schloß Holte zu fahren: dort warte schon der Amtsnotar, um die zu treffenden Abmachungen notariell zu beglaubigen. Auf den Rat des Landrates folgt Tenge dem Kerl an gen, der Notar ist aber nicht gekommen. So geht es dann weiter nach Kaunitz, wo in der Wirtschaft Nordbrock das „Abkommen“ unterschrieben wird.

Namen und Begriffe: Die Grafschaft Rietberg - Kaunitz, Sende, Schloß Holte (Landkreis Wiedenbrück) - Gut Barkhausen (Landkreis Lemgo) - Obrigkeit - Landrat - Renten - Erbuntertan

Zur Auswertung: Die Unruhen in Westfalen 1848/49 hatten fast ausschließlich wirtschaftliche, nicht politische Gründe. Wie ist das wohl zu erklären? - In zahlreichen Gemeinden und Bezirken kam es zu ähnlichen Unruhen. Wie war das in der engeren Heimat? - Im Rheinland spielten politische Gründe eine größere Rolle, vor allem in Köln (Karl Marx!) und Bonn (Karl Schurz!)

Literatur: Franz Stratmann: Die Märzunruhen 1848 im Senneland, Heimatblätter der Glocke für die Kreise Beckum, Warendorf und Wiedenbrück, Beilage zur „Glocke", Nr. 159, Mai 1965; Wilhelm Schulte: Folk und Staat. Westfalen im Vormärz und in der Revolution 1848/49, Münster 1954: A. Harten: Die Grafschaft Rietberg und ihre Hauptstadt in Vergangenheit und Gegenwart. Rietberg 1929