Wer viele Kühe hatte, bekam auch viel Land

Nach dem Niedergang der Hausweberei wurden ab 1840 die Äcker aufgeteilt (2. Folge)

 

Fritz Soll erzählt Histörchen aus der Bergstadt

Fritz Soll, langjähriger Hüter und hervorragender Kenner des Oerlinghauser Stadtarchiv, macht für die NEUE WESTFÄLISCHE einen tiefen Griff in die bewegte Geschichte der Bergstadt und schreibt für unsere Leser in unregelmäßigen Abständen Interessante Histörchen aus der alten Zeit.

Oerlinghausen. Wenn ich nun fortfahre mit dieser Beschreibung „um 1850“, muß ich etwas in der Oerlinghauser Geschichte zurückgehen. Seit 1780 war Oerlinghausen Sitz eines ausgedehnten Leinenhandels. Von dem Umfang dieses Leinenhandels können wir uns kaum einen Begriff machen. Er beherrschte um 1800 das gesamte wirtschaftliche Leben des Dorfes. Beim Durchblättern der alten Kolonatslisten hat man den Eindruck, als ob es damals in Oerlinghausen fast nur Leineweber, Leinenhopser und Leinenhändler gegeben hätte und daneben eine stattliche Zahl Krüger (d. h. Wirtschaften).

Diese hatten während der Blütezeit des Leinenhandels goldene Zeiten: Zweimal im Jahr zogen die Leinenhopser bis nach Italien oder bis nach Dänemark im Norden. Sie kamen zur Mitsommerkirmes (Sieben Brüder - 10. Juli) und zur Martinikirmes mit der Tasche voller Geld zurück. Dann ging es hoch her in den Krügen. Der Bauerrichter bekam dann Arbeit, wenn er Strafen verhängen mußte wegen nächtlicher Schießerei oder verbotenen Würfelspiels. In dieser Zeit entstand auch das Lied: „Oerlinghausen, Oerlinghausen. Stolzer Name voller Klang.“

Furchtbar war dann der Absturz mit dem Niedergang der Hausweberei. Nun sann man darüber nach, wie zu helfen sei. Nicht dem Gewerbe, sondern jedem einzelnen Bürger sollte geholfen werden. Man schrie nach Garten und Ackerland, nach Aufteilung des Waldes, der Bergreviere, der Senne, kurz nach Aufteilung von allem, was vorher gemeinsam genutzt wurde, was der Allgemeinheit gehörte. Jeder Bürger wollte zu seinem Hause auch noch seinen Garten, seinen Holzteil und zum Streuen des Stalles seine eigene Heide haben. Dieser Gedanke der Aufteilung trat auch in Oerlinghausen mit Heftigkeit in Erscheinung, nach dem Motto „Jeder für sich und Gott für uns alle.“

So ging ab 1840 auch die Oerlinghauser Gemeindevertretung daran, sich mit der Teilung der Gemeinheit und der Bergreviere zu befassen. Es dauerte acht lange Jahre, bis die Teilung durchgeführt werden konnte. Sie war es, die von 1840 bis 1848 die Gemüter im stärksten Maße bewegte. Das Protokollbuch dieser Jahre ist erhalten geblieben. Wenn man es liest, stößt man auch auf belanglose Sachen, wie z. B. Bleichplätze zum Wäschebleichen, Knüweroden, Heckenschneiden, Heideholen und desgleichen.

Aber waren diese Dinge damals wirklich belanglos?

Ich glaube, für unsere Voreltern waren das wichtige Dinge, z. B. die Anschaffung von sechs neuen Feuerleitern und Feuereimern; die Beschaffung neuer Ketten und Eimer für die Dorfbrunnen. Diese waren wichtige Dinge für die damalige Brandbekämpfung. Es brannte öfter als heute - die Pfannen lagen in Strohdocken, und die Giebel der Häuser bestanden aus fugenreichen Brettern.

Das Amt des Sprützenmeisters war eines der wichtigsten Ämter. Es lag bis 1846 in den Händen von Carl Löhr und wurde am 11. April 1846 seinem Sohn, dem Tischlermeister Fritz Löhr, Hauptstraße 26, übertragen. Dieser war auch verantwortlich, daß die vier Dorfbrunnen immer im einwandfreien Zustand waren.

Aber nun wieder zurück zur Teilung. Wer bekam denn Land aus der Teilung? Die Antwort ist einfach: Bei der Teilung bekamen nur die steuerpflichtigen Bürger Land zugeteilt, das heißt, nur die Hausbesitzer! Die Einlieger, das heißt die Mieter, wurden nicht dran beteiligt. Man muß dabei berücksichtigen, daß es vor 150 Jahren noch nicht so viele Mieter in Oerlinghausen gab. Die überwiegende Zahl der Bewohner waren Hausbesitzer. Nur wenige Tagelöhner und Weber hatten keinen Hausbesitz.

Die Hausbesitzer wurden an der Teilung nun so beteiligt, daß zur Hälfte nach der Häuserzahl, zur anderen Hälfte nach der Viehzahl verteilt wurde. Die Teilung geschah durch das Los. Im Protokoll heißt es: „Und wird das Los, auch wenn jemand mehrere Stätten besitzt, für jede Stätte gezogen.“ Man könnte auch sagen, wer viele Kühe hatte, erhielt viel Land. Wer nur eine Ziege hatte, bekam Land für einviertel Kuh. (Heute würde man sagen: „Wer viel hat, dem wird gegeben.“ D. Verf.) Man schüttelt heute den Kopf über diese ungerechte Verteilung öffentlichen Vermögens, aber man darf nicht außeracht lassen, daß die gesamte steuerpflichtige Bürgerschaft in öffentlicher Dorfversammlung dieses als gerecht angesehen und beschlossen hatte.

Die gesamte Gemeindevertretung, die 1840 mit der Teilung angefangen hatte, wurde 1844 abgewählt. (Auch wegen ihres Vorgehens gegen die Besitzer des Weberbrunnens - siehe Festschrift Einweihung des Bürgerhauses - 1990.) Der neue Gemeindevorstand mit den drei Gemeindevorstehern Julius Schütz, Hauptstraße 3, Kaufmann Tölke, Hauptstraße 74, und Steinhauer Reuter, Hauptstraße 80 - später Hermannstraße 26, führten mit vier Deputierten dann die Teilung durch. Die Teilung der Senne, welche als letzte durchgeführt wurde, brachte viel Prozesse mit sich und kam erst als letzte zum Abschluß.

Wenn man aus der heutigen Sicht die Teilung betrachtet, kommt man nicht umhin zu sagen, daß die damaligen Gemeindevertreter keine Weitsicht gehabt haben, sonst hätten sie mehr Flächen für den öffentlichen Bedarf der Gemeinde zurückgehalten.

 

Fritz Soll