Amtmann Meyer und die „bösen“ Ziegen vom Oerlinghauser Tönsberg
Vor 200 Jahren: Untervogt Bracht sollte die Tiere „beschlagnahmen“
[Bild: Vor rund 200 Jahren ein „amtliches“ Ärgernis und aktenkundig. Die „bösen“ Tönsbergziegen Zeichnung: E. Meier.]
Oerlinghausen. Man schrieb das Jahr 1774. Oerlinghausen war ein kleines Dörfchen, hoch am Berge gelegen. 520 Einwohner lebten hier mehr schlecht als recht, eingeschlossen von den großen Hofbesitzern Barkhausen und Menkhausen. Diesen Hofbesitzern gehörten alles Land und aller Wald rundum, soweit nicht die Kirche Eigentümerin war.
Die Einwohner hatten auf dem Grund und Boden dieser drei Eigentümer ihre Häuschen gebaut, etwa 63, und ihre Gärten gepachtet. An Vieh besaßen sie 15 Pferde, 174 Kühe, 63 Ziegen und 31 Schweine. Für die Kühe hatten sie einen Kuhhirten eingestellt, der mit diesen auf die Gemeindeweide (Hude) zog, und für die Schweine einen Schweinehirten, der mit diesen nur im Herbst in die Barkhauser oder Menkhauser Berge (Wälder) zog zur Eichel- oder Buchenmast.
Dieser Gebrauch der Hude war eine uralte Gerechtsame, die dem Dorfe zustand. Aber der Grund und Boden und alles, was darauf wuchs, standen den Eigentümern zu, und diese wachten eifersüchtig auf die Abmachungen, die man darüber im Laufe von 200 Jahren geschlossen hatte.
Auch der Tönsberg war eine Gemeindeweide, aber nur für Ziegen. Die armen Ziegenbesitzer konnten sich keinen Ziegenhirten leisten. Schon damals hieß es, die Ziege sei die Kuh des kleinen Mannes. Nun wurden morgens die Ziegen einfach aus dem Stall in Richtung Tönsberg getrieben. Alle kamen nun Haus für Haus dazu, und hopp, hopp, hopp ging’s den Berg hoch. Da die Ziegen Hunger hatten und alle Höfe neben den Häusern versperrt waren, so daß keine vom Wege abkam, dauerte es nicht lange, bis oben auf dem Berge das Suchen nach dem besten Futter losging. Alle Triebe, die frisch und jung waren, nahmen die Ziegen am liebsten.
So kam, was kommen mußte, die Barkhauser riefen nach dem Amtmann. Sie beschwerten sich, weil die Ziegen auch vor den Schonungen nicht halt-machten. Der Amtmann Meyer verbot nun den Oerlinghausern, ihre Ziegen auf den Berg zu treiben. Bei Zuwiderhandlung sollten diese beschlagnahmt werden. Aber die Ziegenbesitzer blieben stur, was sollten sie auch machen, woanders gab es kein Futter.
Der Untervogt Bracht, als verlängerter Gerechtigkeitsarm des Amtmannes, bekam nun den wohl schwersten Auftrag in seiner Laufbahn. Er sollte die Ziegen einfangen und beschlagnahmen. Aber 63 Ziegen einzufangen ist ein unlösbares Problem, und so lesen wir dann in den alten Akten den Bericht des Untervogtes an seinen Amtmann Meyer: Die Ziegen seien solchergestalt abgerichtet, daß man keiner davon habhaft werden könne. Man sollte meinen, es sei ein böser Geist in denen. Endlich sei es doch mit Hilfe seiner Wirtsleute gelungen, 8 Stück gefangenzusetzen und auf seinen Hof zu bringen.
Der Amtsmann Meyer fällte dann den weisen Spruch, wenn die Oerlinghauser Dorfgemeinde einen Ziegenhirten einstellte, könnten die Ziegen weiterhin auf dem Tönsberge ihr Futter suchen. Bis zum Jahre 1928 hat Oerlinghausen dann einen Ziegenhirten gehabt.
Fritz Soll sen.