Viele schmuggelten aus Hunger und Not

Mit dem Niedergang der Hausweberei brachen ab 1830 schlechte Zeiten an (1. Folge)

 

Fritz Soll sen. erzählt Histörchen aus der Bergstadt

Fritz Soll sen., langjähriger Hüter und hervorragender Kenner des Oerlinghauser Stadtarchiv, macht für die NEUE WESTFÄLISCHE einen tiefen Griff in die bewegte Geschichte der Bergstadt und schreibt für unsere Leser in unregelmäßigen Abständen interessante Histörchen aus der alten Zeit.

Oerlinghausen. Immer wieder werde ich gebeten, aus der „guten alten Zeit“ des vorigen Jahrhunderts zu berichten. Deshalb will ich diesmal die Mitte des letzten Jahrhunderts (etwa 1840 bis 1850) beschreiben, weil da die Unterlagen fast lückenlos vorhanden sind.

Im Jahre 1831 kommt ein neuer Pfarrer nach Brackwede, ein junger Theologe namens Schliepstein. Er löste den alten 80-jährigen Pfarrer Ledebur ab und begann sogleich eine sehr rege Tätigkeit in seinem weiten Bezirk. 1831 - das war die Zeit der großen Not. In Ravensberg und Lippe hatte die Handweberei einen schweren Schlag erhalten. In England war mehrere Jahre vorher der mechanische Webstuhl und die mechanische Spinnmaschine erfunden worden, und England überschwemmte nun den europäischen Markt mit billigem irischem Leinen. Dagegen war der Ravensberger und Oerlinghauser Leinenhandel machtlos. In Oerlinghausen, das hauptsächlich Leinen nach Italien, Holland, Dänemark, Rußland und nach Süddeutschland lieferte, blieben allmählich die Aufträge aus, und ein Webstuhl nach dem anderen wurde stillgelegt, ein Weber nach dem anderen wurde brotlos. Zwar nahm die aufkommende Ziegelindustrie manchen jungen Mann auf, aber das geschah nur sehr langsam. Die Not wuchs hier immer mehr, und als noch Mißernten kamen, starben viele Menschen an Hungertyphus.

Besonders in der Senne, wo das Korn nicht lang wurde und der Buchweizen keinen Dünger erhielt, war die Not riesengroß. Da war es besonders Pastor Schliepstein, der auf Mittel und Wege sann, um die Not zu steuern. Er veranlaßte, daß die Militärmagazine in Minden geleert wurden und große Mengen Getreide in der Senne zur Verteilung kamen. Natürlich nur in der preußischen Senne.

Ein Teil der preußischen Senne gehörte aber seit je zur Kirche Oerlinghausen, nämlich Senne II. Das gefiel dem Pastor Schliepstein keineswegs. Das Kirchspiel Brackwede und ganz Ravensberg waren lutherisch und die zum Amt Brackwede gehörende Gemeinde Senne II war, weil nach Oerlinghausen eingepfarrt, reformiert.

Da beantragte Schliepstein bei der Regierung in Minden, daß Senne II nach Brackwede umgepfarrt würde, und so geschah es auch. Die Leute aus Senne II wurden lutherisch und gehörten fortan zur Brackweder Kirche. Damit verlor Oerlinghausen die Kirchleute aus der Senne, 1852 folgten Leopoldshöhe, 1855 Ubbedissen und 1906 Helpup mit eigenen Kirchen.

Aber eines konnte Schliepstein nicht ändern, das war das Schmuggelunwesen zwischen Lippe und Preußen. In Brackwede und Oerlinghausen saßen die Schmuggelkönige, in Brackwede der Kaufmann Schwarz und in Oerlinghausen der Kaufmann Krome, Gehrenberg 1 (das Haus mit der Trauerbuche, der Verf.). Sie blieben beim Schmuggeln im Hintergrund, und nur die Schmuggler selbst, meist junge Leute aus Oerlinghausen und aus der Senne, setzten sich der Gefahr aus, geschnappt zu werden oder kurzerhand bei nächtlichen Gängen in den Lämershagener Bergen erschossen zu werden.

Zu diesen gefährlichen Gängen trieb sie ebenfalls die große Not, der Hunger und die Sorge um ihre Familien. Eine weitere Folge dieser Notzeit von 1830 bis 1850 war die starke Auswanderung nach Nordamerika. In Oerlinghausen waren es nur wenige Familien, die in den Jahren um 1840 nicht ein oder mehrere Mitglieder ihrer Familie abgaben zur Reise über den großen Teich.

In dieser Zeit veröffentlichte unser lippischer Dichter Ferdinand Freiligrath sein Gedicht: „Ich kann den Blick nicht von euch wenden, ich muß euch anschaun immerdar. Wie reicht ihr mit geschäftgen Händen dem Schiffer eure Habe dar.“ Tausende von lippischen Männern und Frauen, teilweise mit Kindern, machten sich auf den Weg in die neue Heimat. Viele haben bei diesem Wechsel jede Verbindung nach ihrem bisherigen Zuhause verloren. Manche verloren schon auf der Überfahrt ihr Leben, oder fielen in der neuen Welt gewissenlosen Agenten in die Hände, die sie auf große Farmen vermittelten, wo sie manchmal wie Sklaven ihr Leben fristeten. In den letzten Jahren geschieht es immer häufiger, daß Amerikaner hier bei uns auftauchen, um im Rahmen einer Familienforschung ihre Vorfahren zu suchen. (2. Teil folgt.)

 

Fritz Soll sen.