Als Preußen die Stadt erobern wollten

Fritz Soll sen. erzählt eine Geschichte von der Sommerkirmes 1746

 

Oerlinghausen. Seit alters her wurde in Oerlinghausen die Mittsommerkirmes auf dem Siebenbrüdertag (10. Juli) abgehalten. Weil dieser Tag alle paar Jahre auf einen Sonntag fiel, verfügte die Kammer zu Detmold im Jahre 1718, daß der Jahrmarkt in diesem Falle montags abgehalten werden solle. Er fand rund um die Kirche, zum Teil direkt an den Gräbern statt.

Wenn ich nun die Kirmes des Jahres 1746 schildere, geschieht dieses in der Hauptsache unserer damaligen Oerlinghauser Schützen wegen, die immer dann aufgeboten wurden, wenn die öffentliche Ordnung in Gefahr war (siehe auch Chronik der Oerlinghauser Schützengesellschaft - 1990).

Getrunken wurde in den drei Wirtschaften rund um die Kirche: im Brachtschen Kruge (Hauptstraße 61 - abgebrochen), im Alten Vogt (Hauptstraße 53, früher Huwendiek) und im Nagelschen Kruge (Hauptstraße 68 - zuletzt Ehlebracht, 1945 abgebrannt). Dieses, muß ich vorausschicken, damit sich jeder Leser orientieren kann.

Das Protokoll dieser Kirmesschlacht umfaßt 27 Seiten und beginnt mit den Sätzen: „Seit alters her ist es üblich, daß am Markttage einige Schützen bestellt werden, welche die Schläger und Tumultanten auseinanderzubringen haben. Sie sollen sie in Arrest nehmen, damit Mord und Totschlag vermieden werden. Der Untervogt und der Bauerrichter haben die Aufsicht und führen ein wachsames Auge.“

Das Protokoll will ich nun in Berichtform wiedergeben.

Am Kirmestagmorgen hatte sich der Altknecht Philipsmann aus Heepen und Obermeyers Mühlenknecht in Cramers Hause (zuletzt Ravensberger Hof) mit Bernd Blome aus Heepen geschlagen. Alle drei wurden zum Amtshaus (Stadthotel) gebracht. Blome blutete an der Hand und am Kopf. Dort im Amtshaus wurden die drei verhört.

Während des Verhörs sammelten sich vor dem Amtshaus 50 Personen an, die Hälfte Ravensberger Untertanen, die andere Hälfte preußische Musketiere. Diese drangen unter Führung des Musketiers Frert von Hauptmann Oswalds Kompanie in Bielefeld in das Amtshaus ein und befreiten unter Drohen und Fluchen den arretierten Philipsmann.

Nun übernahmen ein Musketier Brune und ein Christoph Ramsel die Führung. Mit großem Geschrei zog die Menge durchs Dorf und rief allen zu, die Marktstände umzuschmeißen. Aber vorher wollten sie den Wirt Nagel (früher Ehlebrachts Wirtschaft - Kommode!) hauen und schlagen. 30 Personen drangen in das Haus von Nagel, aber sie fanden ihn nicht. Sie durchsuchten alle Schränke, Stuben, Kammern, Keller und Boden. Dann liefen Brune und Ramsel auf den Friedhof und entdeckten dort den Wirt Nagel, der sich hinter einem Grabstein versteckt hatte.

Der Musketier Brune schlug nun mit seinem Pallas (Säbel) den Nagel auf den Kopf, daß dieser sogleich herniederfiel. Brune schlug immer weiter, und als er müde wurde, lösten ihn seine Kameraden im Schlagen ab. Als nun die Ehefrau von Nagel gelaufen kam, um nach ihrem Mann zu sehen, zog Brune erneut seinen Pallas, um auch die Frau zu schlagen. Ein anderer Musketier schmiß sich dazwischen und nahm den Nagel hoch, trug ihn nach Haus, wobei er bemerkte, daß es ihm leid täte.

Die Schützen, die für Ordnung sorgen sollten, waren von den Musketieren blutig geschlagen und zogen sich zum Amtshaus zurück. Von hier aus wurden alle anderen Schützen alarmiert. Aber im Dorfe ging das Geschrei von neuem los. Nun mußte Nagels Bruder mit Namen Schlichting dran glauben und dann der Niebuhr aus Greste. Man hatte ihn ein paarmal mit dem Pallas geschlagen, dann mußte er sich mit Geld loskaufen. Nun griffen die Schlägereien auch auf die Wirtschaft „Zum alten Vogt“ über. Die dort Geschlagenen wußten sich nicht anders zu helfen, so das Protokoll, daß sie wie Hunde unter den gemauerten Braukessel gekrochen wären. Bei einem anderen, der geschlagen wurde, wurde der Säbel krumm. Der Geschlagene mußte einen halben Gulden auf den Tisch legen, damit der Musketier seine Klinge richten lassen könne.

Die Schlägerei entwickelte sich nun wieder nach draußen. Jetzt ging es den Krämern mit ihren Jahrmarktsbuden an den Kragen. Die Musketiere mit ihren Säbeln und die übrigen Ravensberger mit ihren dicken Knüppeln schmissen alles um und schlugen die Kirmes „vor sich her“.

Als dieses gesehenen war, wendete sich nun das Blatt. Sämtliche männlichen Einwohner und das 2. Schützenaufgebot widersetzten sich mit starker und gemeinsamer Hand den preußischen Musketieren und den Ravensberger Untertanen, bis sie gewichen sind. Einige wurden festgenommen und zur Amtsstube gebracht. Hier fanden lange Verhöre und Zeugenaussagen statt. Sämtliche Verwundeten wurden mit ihren Blessuren im Protokoll festgehalten.

Die festgesetzten Musketiere wurden anderntags dem Sergeanten Helmerding von Major Lücks Kompanie übergeben. Die Zivilisten wurden an den Amtmann zu Heepen ausgeliefert.

Im Protokollanhang befindet sich ein Attest des Chirurgen Sypolla, wo dieser die Verletzungen des zerschundenen Nagel beschreibt: „Im Gesichte unter dem rechten Auge mit Blut beloffen, die Augen leider gantz schwärzt und sehr dick geschwollen.“

Fritz Soll

 

Ein Leser, der Interesse an einem Originalprotokoll (maschinengeschrieben, übersetzt) hat, kann dieses im Herbst beim Stammtisch „Alt Oerlinghausen" bekommen.