Kinderarbeit?

Erinnerungen von Fritz Soll sen.

 

Nein es war, wenn ich zurückblicke bis 1930 keine Kinderarbeit,sondern für damalige Verhältnisse eine Selbstverständlichkeit und ich will versuchen es zu beschreiben.

Morgens um 7 Uhr weckte Mutter mich. Im Winter etwas später als im Sommer. Nach dem Anziehen stand eine Waschschüssel mit warmen Wasser bereit für eine Katzenwäsche. Unter dem Wasserhahn gings nicht. Wenn im Landerhaus, wo wir wohnten, gab‘s nur unten und oben auf den Flur je einen Wasserhahn zum Zapfen - ohne Abfluß. Die ½-zöllige Leitung war so dick wie ein starker Männerarm, soviel Stoff war darum gewickelt, trotzdem fror sie jeden Winter ein. Dann mußte das Wasser aus dem Keller geholt werden. Da dort kein Licht vorhanden war mußte man sich bis an die Wasseruhr herantasten, woran ein Wasserhahn saß. Manchmal gings in der Dunkelheit daneben - statt in den Eimer lief das Wasser am Hosenbein herunter.

Nachdem Mutter mir das Schulbrot eingepackt hatte, bekam ich mein Frühstück und zwar ein mit viel Zucker geschlagenes rohes Ei - auf Anraten des Hausarztes Dr. med. Rieso, bei ihm bekam ich auch jeden Winter 6 mal die Höhensonne verschrieben. Um diese Zeit - 1930 - durfte ich zur Schule meine Lederschuhe anziehen. Wenn ich mittags nach Haus kam, wurden diese sofort gegen Holzschuhe umgetauscht. Im Sommer war die Schule um 12 Uhr aus, im Winter später. Nach dem Essen, welches immer reichlich und gut war - auf dem Teller durfte nichts zurückbleiben - hatte ich meistens eine Freistunde, welche draußen mit den Nachbarsjungen zusammen genutzt wurde. Anschließend wurden die Hausaufgaben der Schule erledigt. Eine Kontrolle der Hausaufgaben durch meine Eltern habe ich nicht in Erinnerung. Mein Zeugnis war wohl jedesmal zufriedenstellend!

An heißen Tagen im Sommer kam es öfters vor, daß Mutter sich mit einer oder mehreren Nachbarinnen abgesprochen hatte, aus dem "preußischen" (also jenseits der lippischen Grenze) eine Karre "Fichtennadeln" zu holen. Der Ablauf war folgender: Mutter nahm die große Bockkarre und zwei große Jutelaken. Ich mußte die Harke tragen. Vorn an der Karre befand sich ein Ring, an welchem zwei Stricke befestigt wurden. Nun gings los. Oberhalb Friedhofsmühle längs und dann schräg zum Bach hin unter bis zu der Brücke oberhalb des Wellenkruges. Gleich hinter der Brücke ging es steil die Böschung hoch. Hier mußten wir Jungen uns zuerst in die Seile legen und helfen die noch leere Karre zu ziehen. Nun war es nicht mehr weit bis zu "Wöstenfelds Fichten". Dieses war ein großer Kiefernbestand der im Sommer fortwährend geharkt wurde. Dort unter den Kiefern war kein Grashalm oder irgendeine andere Pflanze zu sehen, der Waldboden war fest und hatte eine rötlich - braune Färbung. Aber an irgendeiner Ecke lohnte sich das zusammenharken immer, sodaß sich die beiden Jutelaken bald prall füllten. Wir Jungen suchten inzwischen trockenes Reisig zusammen, zertraten es und schmissen dieses zwischen die Nadeln. Dieses ergab die richtige Mischung womit man im Kochherd schnell ein Feuer machen konnte. Wenn dann die Karre hoch bepackt war, kam eins der Seile oben drüber zum festbinden der vollen Laken. Die Harke wurde durch beide Laken gestoßen und fand so ihren Platz. Nun hatten die Jungen ihre Hände frei, nahmen das zweite Seil und waren nun das Zugpferd ihrer Mutter. Glücklich die Mutter, die zwei Söhne mithatte. Nachdem die Sennesandwege hinter uns lagen wurde unten am Bach bei der Brücke die erste Pause eingelegt. Das Wasser der großen Quelle löschte unseren Durst und kühlte unsere Füße. Denn wir waren barfuß. (Schuhe wären auf den trockenen Waldwegen auch zu glatt gewesen für die "Zugpferde". Aber bald ging es wieder weiter. Nun kam der schwerste Teil des Weges bis zum "Kahlen Fleck". Diese ist die Stelle wo man oberhalb der Besitzung Friedhof aus dem Walde tritt und den Tönsberg mit der Kirche sieht. Bis hierhin ging es nur bergauf und da mußte feste gezogen werden, denn hinter sich hörte man das keuchen der Mutter. Als es dann weiter ging brauchten wir nur solange ziehen bis die Häuser des Steinbültes hinter der Höhe auftauchten. Nun meldete sich auch plötzlich der Hunger. Aber Mutter hatte schon mittags vor dem weggehen für diesen Augenblick gesorgt. Es gab "Plocken”. In eine große Schüssel war zerbrochenes trockenes Brot gekommen, darüber Zucker gestreut, Malzkaffee darüber und oben drauf den "Schmand" (Sahne) der gekochten MiIch. Herrlich wenn man ganz allein vor der Schüssel saß. Mutter kochte sich natürlich eine starke Tasse Bohnenkaffee. Denn ihre Tagesarbeit war ja längst nicht Zuende. Das Schwein welches im Stalle stand mußte noch versorgt werden und Feldarbeit war auch genug vorhanden. Auch dabei mußten wir Kinder helfen. Aber davon ein anderes Mal.

Ob dieses alles nun wirklich Kinderarbeit gewesen ist möchte ich bezweifeln. Es war eine Arbeit die innerhalb der einzelnen Familien getan werden mußte.

 

10/91 Fritz Soll