Auguste Bracht - die erste Frau im Lippischen Landtag
[Bild: Auguste Bracht als Schützenkönigin, 1900. Quelle: Verfasser]
Als sich nach dem Ersten Weltkrieg auch in Lippe die Arbeitslosigkeit ausbreitete, ließ diese bei den Frauen, die in der lippischen Wäscheindustrie arbeiteten, Gedanken an eine gewerkschaftliche Betätigung gar nicht erst aufkommen. Dies galt auch für die Frauen in Oerlinghausen, damals eine Hochburg der lippischen Wäscheindustrie. Umso erstaunlicher war es. dass Frauen in dieser Zeit politisch und gewerkschaftlich aktiv wurden, wie die in einer sozialdemokratischen Familie aufgewachsene Auguste Bracht.
Sie war Hauswäschenäherin und wohnte nach dem Tode ihrer Mutter noch einige Jahre bei ihrem Vater, dem Zigarrensortierer August Bracht- Der im Jahre 1842 geborene August Bracht war ein Sozialdemokrat der ersten Stunde. Über ihn schrieb die Bielefelder Volkswacht anlässlich der Stadt-werdung von Oerlinghausen im Jahre 1926; „August Bracht, der in diesem Jahr 84 Jahre alt wird, hat immer den ‚Roten Stimmzettel‘ abgegeben. An jedem Wahltag erschien er bei unserem Vertrauensmann und fragte: ,Wie stöhn wie, wat ist herutkomen?’“
Es blieb nicht aus. dass die junge Auguste Bracht schon früh in die Parteiarbeit hineinwuchs. Nachdem sie bei ihrem Vater ausgezogen war, wohnte sie nach einer Einwohnermeldeliste an der Holter Straße 30. Ihren Lebensunterhalt verdiente sich die Hauswaschenäherin - wie auch andere Heimarbeiterinnen - mit Nähen für die Firma Heinrich Benkelberg. Die an der Detmolder Straße gelegene Firma hatte einen guten Ruf und lieferte die fertige Wäsche an Kunden in allen Teilen Deutschlands. Es war damals üblich, dass die Näherinnen ihre Nähmaschinen in Raten abbezahlten.
Auguste Bracht gehörte mit einer weiteren Frau aus Hiddesen zu den Kandidaten einer 24-köpfigen Gruppe der SPD. die für den ersten Lippischen Landtag im Januar 1919 aufgestellt waren. Nach der Wahl und dem Sieg der SPD zog Auguste Bracht als einzige Frau in den Landtag ein. Sie gehörte der ersten Abteilung der Wahlprüfung an und wurde am 10 Februar 1919 in den Petitionsausschuss gewählt.
In einer Aufstellungsliste der von den verschiedenen Parteien gewählten Abgeordneten steht ihr Name unter dem vom Geh. Regierungs- und Medizinalrat Dr. Wilhelm Alter, Kaufmann Clemens Becker und Ziegler Geschäftsführer Gustav Biesemeier. Sie wird als Wäschenäherin Auguste Bracht aus Oerlinghausen aufgeführt.
Außer den spärlichen Landtagsprotokollen ist weiter nichts Schriftliches über sie erhalten geblieben. An Landtagsdebatten, die damals schon hitzig geführt wurden, hat sie sich wohl nicht beteiligt; die Protokolle im Detmolder Staatsarchiv erwähnen jedenfalls keine Äußerung von ihr.
Bei der Aufstellung zur zweiten Landtagswahl 1921 fehlte sie. Die Gründe sind unbekannt, anzunehmen ist, dass die damals schlechte Verkehrsverbindung von Oerlinghausen nach Detmold schuld war.
Überhaupt ist wenig über sie zu erfahren. Es existiert ein Gruppenbild von einem Gewerkschaftsfest aus dem Jahre 1920, auf dem sie ganz im Hintergrund zu sehen ist. Nur wenige, sehr alte Oerlinghauser wissen noch, dass sie Oberkassiererin der Gewerkschaft war und dass sie dort ihre Beiträge abliefern mussten.
Trotzdem ist die kinderlos gebliebene Auguste Bracht in Oerlinghausen so gut wie vergessen. Sie wird in den hier heraus gebrachten Publikationen mit keiner Zeile erwähnt, obwohl die Parteienlandschaft der damaligen Zeit dem Leser auf etlichen Seiten nahegebracht wird. Allerdings finden wir im Katalog „Zur Sozialgeschichte der Nähmaschine in Lippe“, der im Jahre 1989 von der Sozialhistorikerin Ingrid Schäfer herausgebracht wurde, ein paar Sätze über Auguste Bracht. Frau Schäfer war es auch, die im selben Jahr eine Ausstellung über die Näherei in Oerlinghausen im Rathaus durchführte, wobei ich ihr und ihren Mitarbeiterinnen bei der Aufstellung mit Rat und Tat behilflich sein konnte.
Beim Suchen nach persönlichen Daten von Auguste Bracht fand ich in meiner Bildersammlung doch noch eine Aufnahme von ihr, die eigentlich nicht in ihren Lebensweg hineinpasst. Das Bild ist auf dem Schützenplatz aufgenommen worden und zeigt sie inmitten des Thrones als Oerlinghauser Schützenkönigin des Jahres 1900. Mit ihrem König, dem Ziegelmeister Hermann Niebuhr, verband die damals 24-Jährige schon vorher eine Freundschaft, doch zum Heiraten sind sie nicht gekommen. Auf dem Bild trägt die Königin ein langes, weißes Kleid, das sie sicherlich selbst genäht hat.
Im Jahre 1900 hatte die Schützengesellschaft 291 Mitglieder und feierte schon damals ihre Feste auf dem Platz am Steinbült Laut einer Anzeige war die Gesellschaft in dem Jahr stolz darauf, dass das Zelt zum ersten Mal durch Acetylen beleuchtet werden konnte und eine Küche vorzuweisen war.
Nach dieser Abschweifung in eine lange zurückliegende Zeit sollte uns diese kurze Beschreibung aus dem Leben der Hauswaschenäherin Auguste Bracht zum Nachdenken anregen. Sie wurde nur 64 Jahre alt und starb im Jahre 1939.
Werner Höltke