Freifahrtscheine für alle Verkehrsmittel im Weltall

Nicht nur die preußischen Beamten in Berlin verwirrte der Kaufmann Carl Bobe

Oerlinghauser Möbelfabrikant warb vor 60 Jahren für wissenschaftliche Betriebsführung

Von Andreas Hirche

[Bild: Die einzige Aufnahme, die von Carl Bobe noch existiert, fand sich in seinem Personalausweis aus dem Jahre 1939.]

Oerlinghausen (WB). Da mußten die wackeren preußischen Beamten im Berliner Ministerium für öffentliche Arbeiten schon kräftig durchatmen. Stand doch an einem Januarmorgen des Jahres 1920 ein korrekt gekleideter Herr mit Oberlippenbart und Bürstenhaarschnitt in der Amtsstube und wollte sich selbst anzeigen. Er sei als Schwarzfahrer schon mehrfach mit der Bahn von Bielefeld nach Berlin gereist, ohne jemals ertappt worden zu sein, verkündete der Mann, der sich als Oerlinghauser Fabrikant Carl Bobe (kleines Foto) zu erkennen gab. Als Beweis seiner Missetat präsentierte er ein selbstgefertigtes Papier, mit dem ihm dies gelungen war »Freifahrtschein zur Benutzung aller bestehenden und noch entstehenden Verkehrsmittel im Weltall«, bekamen die erstaunten Beamten hierauf zu lesen. Er wolle nun angeklagt werden, um so Gelegenheit zu bekommen, seine Vorschläge zur Verbesserung des Verkehrswesens vortragen zu können. Doch außer einem Vermerk im Amtsblatt der Eisenbahndirektion Hannover, der das Zugpersonal anwies, künftig genauer auf Besitzer von Freifahrtscheinen im allgemeinen und jenen Carl Bobe im besonderen zu achten, hatte der selbst »ernannte Weltverkehrsreformator« keinen Erfolg.

[Bild: Mit solchen Küchenmöbeln, die heute eher nostalgische Gefühle wecken, warb der Fabrikant Carl Bobe zur Detmolder Möbelmessen für die Firma]

Auch das eingeleitete Betrugsverfahren endete für ihn enttäuschend mit einem Freispruch. Doch Carl Bobe wollte nicht weiterhin Bürokraten und Verkehrsplaner in die falsche Richtung fahren lassen und zog kurzerhand die Notbremse. Und zwar genauso oft auf der Strecke Bielefeld-Hannover, bis es selbst den geduldigen Eisenbahnern zuviel wurde. Sie erstatteten Anzeige und ohne nochmaliges Verhör landete Bobe wegen »gemeingefährlicher Geisteskrankheit« in der Nervenheilanstalt Lindenhaus. Mit Schreiben vom 7. Januar 1921 wurde dies seinem Bruder, dem Möbelfabrikanten Wilhelm Bobe, durch die lippische Regierung in Detmold mitgeteilt. »Meine eigene Entlassung habe ich dann am 2. Mai 1921 selbst vollzogen und bewege mich als gemeingefährlich Geisteskranker ohne weitere Bedenken der Behörden wieder in der freien Außenwelt«, kommentiert Carl Bobe selbst die weitere Entwicklung seines Falles.

Der Sohn eines Oerlinghauser Tischlermeisters, der am 23. September 1887 geboren wurde, paßte nie so recht in das Bild des biederen lippischen Kaufmannes und Möbelfabrikanten. Schon früh hatte sich Carl Bobe sein Erbteil an der Fabrik »Gebr. Bobe« auszahlen lassen, um sich fortan aufs Entwerfen von Systemmöbeln zu konzentrieren. In selbstverfaßten Plädoyers für den Gedanken des Deutschen Einheitsmöbels und einer wissenschaftlichen Betriebsführung lud er zu Besichtung der Möbel-Fabrik ein, die sich auf Küchenmöbel spezialisiert hatte. »Mein Ideal liegt in der Beseitigung der Eintönigkeit, die meines Erachtens lediglich durch Normensystematik mit millionenfach veränderter Vielform klar erreichbar ist«, warb Bobe in einem Schreiben an den Verband der Holzindustrie im Dezember 1923.

Bobes Welt war eine Welt der Zahlen und Berechnungen.

Immer wieder bezog er sich in seinen Schriften vor allem auf zwei Männer, die er zu seinen geistigen Vätern zählte: Frederic Winslow Taylor, der als Begründer der Methode zur wissenschaftlichen Betriebsführung gilt, und der Chemiker, Philosoph und Nobelpreisträger, Wilhelm Ostwald, der sich wie zuvor Newton und Goethe um eine eindeutige Benennung und Ordnung der Farben bemüht hatte. Bobes beruflich gesteckte Grenzen reichten ihm schon längst nicht mehr. So tüftelte er an einem nach Zahlen und Ziffern geordneten System der damals existierenden Wissenschaften und Fachrichtungen des Handwerks. Lange bevor das heutige Postleitzahlsystem eingeführt wurde, hatte Bobe schon ein ähnliches entwickelt.

Auch die Inflation der Nachkriegszeit forderte von Bobe eine spezifische Stellungnahme. Nach dem Studium der Schriften Silvio Gesells, der im 1918 gegründeten »Freiwirtschaftsbund« für eine Marktwirtschaft mit vollständiger Wettbewerbsfreiheit und vor allem kaufkraftbeständiger. Währung eintrat, ließ auch der Oerlinghauser wieder die Druckmaschinen rotieren. Selbstgefertigte Geldscheine über eine Billiarde Mark stellte Bobe demjenigen in Aussicht, »der mir eine Abonnementquittung sendet über einmonatliche Probebestellung der Geld- bz. Festwährungsreformzeitschrift ‚Der neue Kurs‘«. Gewitzt fügte der Unterzeichner »Geldordnungsdiktatur Carl Bobe« auf dem Schein hinzu: »Wer diese Scheine nachmacht, oder nachgemachte Scheine vertreibt und in Verkehr bringt, wird durch eine Kulturprämie belohnt. Richter, Ärzte und Polizei stehen mir stets humorvoll bei.«