Ernst Seng - der völkische Stadtmaler

Der Kunsterzieher des Oerlinghauser Gymnasiums war ein recht beliebter Lehrer, doch er und vor allem seine Frau Else besaßen eine astreine nationalsozialistische Vergangenheit

 

[Bild: Völkisches Gemälde. Das von Ernst Seng gemalte Bild hing viele Jahre im Gastraum der Germanenklause am Triftweg, (heute Restaurant „Jannis"). Es ist jetzt im Besitz des Archäologischen Freilichtmuseums und wird von der museumspädagogischen Leiterin Sarah Coesfeld vorgeführt. | © Repro: Horst Biere / Quelle AFM]

Oerlinghausen. Er war eigentlich ein beliebter Lehrer des Oerlinghauser Gymnasiums - damals in den 50er und 60er Jahren. Ruhig und nachsichtig war er, nur selten setzte es Ohrfeigen im Unterricht von Professor Ernst Seng. Die Schüler, aber auch seine Kollegen, mochten seine freundliche Art. Er unterrichtete Deutsch, Latein, manchmal Sport und vor allem Kunst in allen Jahrgangsstufen bis zur Untersekunda (heute 10. Klasse) des damaligen Progymnasiums. Malen und Zeichnen bildete die Spezialität von „Profi“, wie er überall genannt wurde. Seine große Leidenschaft, die Malerei, lebt er auch in Arbeiten aus, die in ganz Oerlinghausen vor allem in den heimischen Gaststätten zu bewundern waren.

Alle sagen Herr Professor - nur der Kräuterseppl nicht

Ein Wandgemälde zierte zum Beispiel einen Raum des heute abgerissenen Scherenkrugs, ein Bild der Bergstadt prangte in den Altdeutschen Bierstuben, ein weiteres im Stadthotel. Ein völkisches Monumentalgemälde hing an der größten Wand der damaligen Germanenklause (heute Jannis) am Triftweg. Es zeigte eine Rückkehrszene des siegreichen germanischen Stammesführers auf sein Gehöft. Die Germanen und ihre glorreiche Lebensweise standen bei ihm oben auf der Werteskala. Deshalb zeichnete er gerne Szenen vor der Kulisse des heutigen Archäologischen Freilichtmuseums. Ernst Seng malte mit Vorliebe die Gebäude des alten Oerlinghausen. Sültemeiers Hof an der Holter Straße stellte er immer wieder in Strichzeichnungen dar. Auch die Windmühle auf dem Tönsberg, die sogenannte Kumstonne, bildet eines seiner häufigsten Motive. Sein Favorit war die Ansicht Oerlinghausens mit der Alexanderkirche - vom Schützenplatz aus betrachtet. Auf diversen Wandbildern und Drucken ist dieses Oerlinghauser Motiv auch heute noch zu sehen.

Auf seinen Titel legt Seng großen Wert. Mit „Herr Professor“ sprachen ihn schon die Sextaner, die Jüngsten im damaligen Gymnasium, an. Nur der Biologielehrer Robert Scheithauer, genannt Kräuterseppl, der durch den Weltkrieg einen Arm verloren hatte, lehnte es konsequent ab, ihn Professor zu nennen und sprach nur von „der Herr Seng“. Kaum jemand wusste in jener Zeit, dass Ernst Seng seinen Titel im Dritten Reich verliehen bekommen hatte, als er noch Studienrat und Gauamtsleiter des Nationalsozialistischen Lehrerbundes in Essen war. Und es kümmerte in jener Zeit auch niemanden, denn die meisten Lehrer hatten zwangsläufig in der Nazizeit ihre Ausbildung absolviert. Es gab eben kaum unbelastete Lehrer. Auch andere Pädagogen des Oerlinghauser Gymnasiums wie der Mathelehrer Helmut Laabs, der Deutschlehrer Arno Dom, der Physiklehrer Friedrich Wilhelm Feldmann hatten zuvor eine astreine nationalsozialistische Karriere hingelegt.

Profi Seng jedenfalls war es gelungen, den Professorentitel in die neue Zeit hinüber zu retten. Und wo es heute einen Aufschrei der Empörung bei Schülern, Eltern und Lehrerkollegen gegeben hätte, konnte Ernst Seng in der Nachkriegszeit mit ruhiger Selbstverständlichkeit seinen Schülern eine gediegene völkisch-nordische Schulbildung vermitteln. Das begann bei umfassenden Berichten von der Überlegenheit der germanischen Rasse. Es beinhaltete intensive deutsche Volkskunde, und er berichtete ausführlich über die nordischen Gottheiten. Gute Noten erhielten Schüler von ihm, wenn sie die Götter und Sagengestalten der Germanen wie Odin, Thor oder Freya aufzählen konnten und sie auch wussten, dass alles Leben aus Yggdrasil, der Weltesche stammte, sozusagen aus dem Baum des Lebens.

[Bild: Else Seng gehörte zur obersten NS-Schicht. In einem Bildband von 1964 „Unser Jahrhundert im Bild“ ist sie auf der Hochzeit des Essener Gauleiters Josef Terboven am 29. Juni 1934 zu sehen. Else Seng steht dort hinter Adolf Hitler. Rechts ist Hermann Göring zu erkennen. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Erika Obermark]

Else Seng hatte Umgang mit den mächtigsten Nazi-Größen

Ins Militärische glitten Profis Schulstunden ab, wenn er aushilfsweise Sport unterrichtete. So bedeutete ein lautes Kommando „Standardübung Eins“ ein Fallenlassen in den Liegestütz, dann „Standardübung Zwei“ ein Aufsprung aus dem Liegestütz zurück in den Stand und so weiter. Zum Aufwärmen vor dem Sport erlebten die Kinder gelegentlich auch Sengs Vorliebe für soldatische Traditionen. Zu Beginn der Sportstunde marschierte dann die gesamte Klasse im Kreis herum, im Gleichschritt sang man dazu ein Marschlied.

[Bild: Klassentreffen im Jahre 1979. Als Gäste haben die ehemaligen Schüler des Progymnasiums die Lehrer Helmut Laabs, Else Seng und Ernst Seng (in der Mitte v. li.) eingeladen. | © Repro: Horst Biere / Foto Dieter Burkamp]

Ernst Sengs Ehefrau Else galt als sehr resolut. Sie war bei sehr vielen Oerlinghauser Schulveranstaltungen oder Klassenfahrten mit dabei. Else Seng gehörte - wie man heute weiß - zu den höchsten nationalsozialistischen Zirkeln. Sie zählte zum Freundeskreis des berühmtberüchtigten Essener NS-Gauleiter Josef Terboven und seiner Ehefrau Ilse Stahl, die eine ehemalige Sekretärin von Joseph Goebbels war. Als Josef Terboven, der übrigens später zum Reichskommissar des überfallenen Norwegens ernannt wurde, seine Ilse im Juni 1934 in der Essener Münsterkirche heiratete, stand Else Seng ganz oben auf der Gästeliste. Ein Bild von der Trauungszeremonie zeigt sie unmittelbar hinter Adolf Hitler stehend.