1947 - ein Jahr der Entbehrungen
Stadtgeschichte: Im Nachkriegs-Oerlinghausen herrschte ebenfalls großer Mangel - Dünnbier, Fleisch auf Marken, Torten aus Pappe und noch viele Besatzungssoldaten
[Bild: Sommerliche Hauptstraße: Doch immer noch waren Schaufenster der Oerlinghauser Geschäfte im Jahre 1947 weitgehend leer. | © Repro: Horst Biere/Quelle: Henne]
[Bild: Zeitzeugen. Werner Höltke (re.) erinnerte an das Nachkriegsjahr 1947, das er als Jugendlicher in der Bergstadt miterlebte. Fritz Holzkamp wuchs ebenfalls in Oerlinghausen auf. Er bereitete die Bilder für den Vortrag vor. | © Horst Biere]
Oerlinghausen. Es war ein heißer Sommer, damals im Jahre 1947. Der verheerende Krieg lag jetzt zwei Jahre zurück, doch es mangelte an allem. Gerade erst hatten die Menschen den Hungerwinter hinter sich gebracht, viele waren unterernährt. Auch in den Oerlinghauser Geschäften herrschte in den Schaufenstern und Regalen durchweg gähnende Leere. Zwar hatten die Menschen noch genügend Reichsmark in den Händen, doch Brot und Fleisch zum Beispiel gab es nur auf knapp bemessene Bezugsmarken.
„Bei Bäcker Büker an der heutigen Rathausstraße standen eine Torte und ein Topfkuchen aus Pappe im Schaufenster", erinnert sich Werner Höltke an die schlimmen Mangeljahre nach dem Krieg. „Er fürchtete, dass echte Backwaren aus seiner Auslage gestohlen würden." Dabei bekam Adolf Büker stets umfangreiche Mehllieferungen für seine Bäckerei zugeteilt, doch das Brot und den Kuchen backten er und sein Konditormeister Champion vor allem für britische Besatzungssoldaten.
Werner Höltke nahm die Zuhörer im Jägerhaus mit auf eine bebilderte historische Betrachtung der Innenstadt der Nachkriegszeit. Im Haushalts- und Spielwarengeschäft Meierjohann neben Bäcker Büker lagen nur einige Puppen, ein Paar Blechautos und zwei Gummifußbälle hinter der Schaufensterscheibe. „Doch wir Oerlinghauser Kinder drückten uns die Nasen daran platt", sagt er.
[Bild: Knast für Soldaten. Das Oerlinghauser Gefängnis stand in der Nachkriegszeit ausschließlich unter britischer Verwaltung. | © Repro: Horst Biere/Quelle: Archiv]
Die Bäckerei Bröker, später Möller (heute Pro Optik), hatte noch nicht wieder geöffnet, doch nebenan im Eckhaus von Bremers Eisenwaren konnte man schon wieder Schrauben und Nägel in kleinen Mengen und einige Gartengeräte kaufen. Im Lokal „Bremer-Hafen" schenkte Tante Lilly (Bremer) das dünne „Nachkriegsbier" aus, aber am späten Nachmittag füllte sich der Schankraum stets mit durstigen Fabrikarbeitern und Handwerkern.
Schlachterei Schmidt und Friseur Wiedemeier lagen direkt gegenüber der Apotheke. Während Edmund Wiedemeier den Männern schon wieder Fassonschnitte verpasste, war bei Schmidt nur wenig los, denn Fleisch und Wurst gab’s ebenfalls nur streng rationiert. Auch im Textilgeschäft von August Theopold, später Hunecke, lag nur ein wenig Dekoration in den Regalen.
Wertvolle Federhalter und Buntstifte lagen in der verschlossenen Vitrine
Etwas geschäftiger ging es im Sommer 1947 schon in der Buch- und Papierhandlung Blume zu. Erste Schulbücher, Packpapierrollen und kleinere Drucksachen wanderten über den Ladentisch. Werner Höltke: „Für die Kinder gab’s das süß schmeckende Esspapier, das beim Kauen immer am Gaumen klebte." Die wertvolleren Federhalter und Buntstifte standen noch in einer verschlossenen Vitrine, die von Lotte Blume oder einer Verkäuferin nur selten geöffnet wurde. Gegenüber, bei Lieschen Langeworth, lagen die gleichen Artikel in den Regalen, doch war die Auswahl noch nicht so groß.
An der Ecke der heutigen Ravensberger Straße existierte noch das Schuhgeschäft Brinkmann. Aber an neue Schuhe war 1947 kaum zu denken. Es roch nach Gummilösung, wenn man am Laden vorbeiging, sagte Höltke. Das zeigte, dass bei Brinkmanns vor allem alte Schuhe repariert wurden. Um 1970 wurde das Haus im Zuge der Straßenverbreiterung abgerissen. Nebenan lag die Drogerie Schlafke (heute Kriemelmann). Nur wenige Artikel und einige pharmazeutische Hausmittel wanderten in der Nachkriegszeit über den Tresen.
Mehr Trubel dagegen herrschte auf der anderen Straßenseite - im Stadthotel und im Jägerhaus. Die britische Militärverwaltung hatte eines ihrer Hauptquartiere hier aufgeschlagen. Die Armeeangehörigen lebten und arbeiteten hier und kontrollierten das tägliche Leben in der Region. Auch das Gefängnis gleich nebenan (heute Volksbank-Gebäude) stand ausschließlich unter Verwaltung der Briten. Vor allem an den Wochenenden gab es hier ein häufiges Kommen und Gehen. Oftmals lieferte die Militärpolizei betrunkene Soldaten hier ein oder ließ sie nach der Ausnüchterung wieder abholen, erzählt Werner Höltke.
Neben dem Jägerhaus lag die Fleischerei Plass. Schlachtermeister Plass, auf dessen blauweißer Schlachtermütze immer einige Blutflecken klebten, besaß einen Opel mit Anhänger. Damit transportierte er gelegentlich Schweine von den umliegenden Bauernhöfen zu seiner Fleischerei. Im Textilgeschäft Altenbernd gegenüber (heute Bestattungen Heilmann) bot das Ehepaar Nass schon einige Textilien sowie Garn und Nähnadeln an. „Unübertroffen schien die Knopfsammlung des Geschäfts, und der Blickfang in ihrem Schaufenster war ein Hochzeitskleid", erzählt Höltke.
Uhrmachermeister hielt sich mit Reparaturen über Wasser
Auf dem Weg zum Simonsplatz kam man bei „Kolonialwaren Süllwald" vorbei und erblickte dort im Sommer 1947 noch ein Schild: „Eröffnung demnächst". Auch das ehemalige „Cafe Strunk" (heute Lola Rossa) hatte offiziell noch nicht geöffnet. Am Simonsplatz dagegen bemühte sich gerade wieder Ruth Böger, ihre Bäckerei mit Cafe zum Laufen zu bringen. Auch Uhrmachermeister Georg Sprenger konnte noch keine neuen Uhren verkaufen, sondern hielt sich mit Uhrenreparaturen über Wasser.
Vor allem mit Ausbesserungen und Reparaturen war auch Küfermeister Diekmann am Simonsplatz beschäftigt. Er setzte die dringend benötigten Karren und Handwagen wieder instand, die die Oerlinghauser zum Transport von Kohlen, Holz oder Kartoffeln benötigten.
Noch einen schweren Winter 1947/48 hatten die Menschen zu überstehen. Doch dann, im Juni 1948, als die Währungsreform die D-Mark brachte, ging die Mangelwirtschaft recht schnell zu Ende. Die neue stabile Mark brachte einen deutlichen Aufschwung und eine wesentlich bessere Versorgung.