Bodendenkmalpflege auf dem Gemeindegebiet Oerlinghausen

 

ARCHÄOLOGISCHES FREILICHTMUSEUM e.V. OERLINGHAUSEN

Triftweg

Tel. 05202/ 2220

Fax 05202/ 49393

W—4811 Oerlinghausen

Frank Andraschko

als Beauftragter für

Bodendenkmalpflege

der Stadt Oerlinghausen

 

Oerlinghausen, 27.4.1992

 

Bodendenkmale auf dem Gemeindegebiet Oerlinghausens

Zusammenfassender Bericht

1.         Einführung und Grundlagen einer Bodendenkmalpflege in Oerlinghausen

2.         Ausgewählte Oerlinghauser Bodendenkmale

3.         Vorläufige Bodendenkmalliste mit Begründung zur Unterschutzstellung

4.         Zusätzliche Vorschläge

1. Einführung

"Kultur für alle", "Kultur vor Ort", das sind Schlagworte, die auch im Rahmen der Bodendenkmalpflege viel an Bedeutung gewonnen haben, seit die gesetzlichen Grundlagen und Ausführungsmaßnahmen in die Hände der betroffenen Gemeinden gelegt worden sind.

Im Unterschied zu den Baudenkmälern sind nur die wenigsten Bodendenkmäler obertägig, d.h. im Gelände, sichtbar. Wehranlagen wie ur- und frühgeschichtliche Ring- und Abschnittswälle oder mittelalterliche Landwehren zeichnen sich oft durch Wall und Graben, Grabhügel oder Burgen durch hügelartige Aufschüttungen, aufgelassene Siedlungen häufig durch erhöhte Hauspodien oder alte Wegesysteme durch weit verzweigte Wegespuren unübersehbar im Geländerelief ab. In Oerlinghausen, Lipperreihe und Helpup finden sich über W Bodendenkmale dieser Art zum allergrößten Teil unter Wald und teilweise noch sehr schön erhalten.

Die Bodendenkmäler sind .in ihrer Unmittelbarkeit sozusagen "ungeschminkte" Zeitdokumente, einzigartige Urkunden und Akten, die zumeist allerdings nur Fachleute - die Archäologen - erfassen, lesen und hinreichend deuten können. Der Boden in dem sie ruhen, ist ein "Bodenarchiv" von unschätzbarem Wert für die Geschichtsforschung, das auch noch für unsere Nachkommen verfügbar sein muß. Ein professioneller und verantwortungsvoller Umgang mit ihm liegt deshalb im öffentlichen Interesse.

Bodendenkmäler, die bei Ausschachtungen, Abgrabungen und sonstigen Bodenbewegungen zerstört werden, sind für immer verloren, und mit ihnen die Geschichtlichkeit des Platzes, der Gemeinde, der Landschaft und des Landes. Selbst wissenschaftliche Ausgrabungen bedeuten stets die endgültige Zerstörung unersetzlicher Bodenurkunden. Ein "Rückbau" oder eine Instandsetzung von Bodendenkmälern ist nicht möglich, eine "Rekultivierung" der Geschichte ausgeschlossen. Deshalb sind die aktuellen Zerstörungen und Verluste am Tönsberglager besonders schmerzlich.

Bodendenkmalpflege meint deshalb zunächst einmal Schutz und Erhaltung der archäologischen Substanz; sie auszugraben heißt, nur das Zweitbeste zu tun. Bodendenkmäler sind nach wie vor noch am besten im Boden geschützt. Ihm sollten sie eigentlich nur dann entrissen werden, wenn ihre Zerstörung aus Gründen anderer - übergeordneter - Interessen unvermeidlich ist.

Nach dem Denkmalschutzgesetz des Landes Nordrhein-Westfalen sind Bodendenkmäler "bewegliche oder unbewegliche Denkmäler, die sich im Boden befinden oder befanden", sowie "Veränderungen und Verfärbungen in der natürlichen Bodenbeschaffenheit, die durch nicht mehr selbständig erkennbare Bodendenkmäler hervorgerufen worden sind". Das Gesetz spricht von "Sachen", meint aber nicht nur ausschließlich Funde, sondern auch den Boden in dem sie eingebettet sind, im Sinne des archäologischen Befundes.

Unabdingbar für das Funktionieren einer aktiven Bodendenkmalpflege vor Ort ist die enge Zusammenarbeit zwischen privaten Eigentümern, Verwaltung und Fachwissenschaft.

Deren Grundlage bildet engagierte Öffentlichkeitsarbeit für den Bürger, der durch Presse, Vorträge, Führungen, Ausstellungen usw. mit Denkmälern und Geschichte seines Ortes vertraut gemacht werden sollte. Pannen wie die Zerstörungen am Tönsberg um Ostern oder auch nur das Ausbaggern des Brunnens im Bürgerhaus ohne fachliche Mitwirkung sollten in Zukunft durch bessere Information aller Seiten vermieden werden. Archäologen sind keine Bauverhinderer. Sie leisten nicht nur Forschung, sondern können auch zum Kulturschaffen beitragen. Als Beispiel mag hier das Archäologische Freilichtmuseum mit seinen zahlreichen Aktivitäten und Veranstaltungen angeführt werden.

Wir hoffen, daß die Bodendenkmalpflege in unserer Stadt allgemeine Unterstützung finden und kein Mauerblümchendasein führen sollte. Sie bietet dem Bürger Gelegenheit, in seinem Garten vielleicht etwas über die Geschichte dieses Platzes zu erfahren und die eigene Vergangenheit zu erforschen.

2. Ausgewählte Oerlinghauser Bodendenkmale

Im November 1991, März und April 1992 wurden von Herrn Fritz Soll, Beauftragter der Stadt Oerlinghausen für Bodendenkmalpflege, Herrn Helmut Holthöfer, Bauamt der Stadt Oerlinghausen und Frank Andraschko, wissenschaftl. Mitarbeiter am Archäologischen Freilichtmuseum, die im Gemeindegebiet bekannten Bodendenkmäler abgegangen. Diese Begehung erfolgte nach einer Bodendenkmalliste, die vom Westfälischen Museum für Archäologie, Amt für Bodendenkmalpflege, Außenstelle Bielefeld, zusammengestellt wurde. Die Bodendenkmäler wurden abgegangen und sämtlich fotografisch in ihrem derzeitigen Zustand erfaßt. Diese Dokumentation liegt diesen Ausführungen zusammen mit einem Aufsatz H.-G. Horns (Ministerium für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr des Landes NRW) zum Thema Bodendenkmalpflege zugrunde. Außerdem werden in einem Anhang noch zusätzliche Vorschläge zur Unterschutzstellung von Bodendenkmalen unterbreitet.

Hier nun im Überblick einige Beispiele aus der Ur- und Frühgeschichte des Oerlinghauser Raumes, die sicher bald um interessante Befunde vermehrt werden können. Daran schließen zur Veranschaulichung Abbildungen einiger interessanter Funde und Ausgrabungspläne sowie eine Auswahl von Fotos typischer aktueller Lagesituationen von Oerlinghauser Bodendenkmälern an.

Die Bergstadt Oerlinghausen, deren Name als "Orlinchusen" 1036 in einer Urkunde des, Paderborner Bischofs Meinwerk als Vorwerk des Gutes Barkhausen erstmals erwähnt wird, schließt zusammen mit Lipperreihe und Helpup in ihrer topographischen Lage verschiedene geologisch-geographische Gegebenheiten in ihrem Gemeindegebiet zusammen: die Höhen des Teutoburger Waldes mit wichtigen Passituationen im Kerngebiet, die alte Sandlandschaft der Senne im Süden und nördlich die fruchtbaren Ackerflächen der Lößzone. Bedingt durch diese vielfältig gegliederte Landschaft haben verschiedene archäologische Perioden auf dem Gemeindegebiet deutliche Spuren hinterlassen. Eine Karte von 1984, die inzwischen bereits wieder von der Neuinventarisation überholt ist, zeigt die ur- und frühgeschichtlichen Fundstellen im Oerlinghauser Raum.

Hervorzuheben sind steinzeitliche Fundgebiete, bronze- und eisenzeitliche Hügelgräber sowie frühgeschichtliche Siedlungsplätze. Bedeutenstes Bodendenkmal ist die ur- und frühgeschichtliche Höhensiedlung auf dem Tönsberg. Aus der Mittelsteinzeit kennen wir einige Fundstellen im Menkhauser Bachtal, die Steinwerkzeuge hervorbrachten. Ovale Hüttengrundrisse liegen vom Barkhauser Berg und vom Heidebad in Bokelfenn vor. Jungsteinzeitliche Beile wurden am Landerweg, am Barkhauser Berg, Pfeilspitzen in Menkhausen und Wöstenfeld, Reste von Getreidemühlen in Bokelfenn und am Heisterbrink gefunden.

Bedeutend sind die Hinterlassenschaften der Bronzezeit und frühen Eisenzeit mit zahlreichen Hügelgräbern, in denen die Toten vor über 3.000 Jahren in Baumsärgen oder Urnen beigesetzt wurden. In den zwanziger Jahren grub Hermann Diekmann "Auf der Hanegge" ein Steinhügelgrab mit einer Mehrfachbestattung aus. Vom Tönsberg stammt ein bronzenes Absatzbeil nordischen Typs.

Brandgräber der Zeit um Christi Geburt wurden am Barkhauser Berg aufgedeckt. Die dortige Siedlung, auf die die Rekonstruktion des alten "Germanengehöftes" zurückgeht, sieht die heutige Forschung als sächsisch an, also etwa 500 Jahre jünger, als früher vermutet. Ein weiterer Siedlungsplatz im "Vogelschutzgehölz'’ gehört in die karolingische Zeit des 8. Jahrhunderts.

Die Grabungen Friedrich Hohenschwerts im Tönsberglager konnten zeigen, daß diese Burg bereits im 4. Jh. v. Chr. bestand und mit Unterbrechungen bis in das 9. Jh. n. Chr. benutzt wurde. Strategisch günstig gelegen war sie am Kreuzungspunkt alter Fernhandelswege erbaut, der die Beherrschung des durch das Lager führenden Höhenweges und der angrenzenden Wistinghauser Schlucht sowie des durch die Senne führenden alten Hellweges ermöglichte.

Funde und Befunde aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit, also der eigentlichen Entstehungszeit der Siedlung Oerlinghausen und der Nachbargemeinden, fehlen meines Wissens noch. Erste Anhaltspunkte lieferte die Sanierung des Hauses Tönsbergstr. 3, des heutigen Bürgerhauses. Eines der ältesten Häuser steht in Helpup, ein Kötterhaus des frühen 19. Jahrhunderts. Für diese wichtigen Abschnitte der Geschichte Oerlinghausens, Helpups und Lipperreihes sehen wir auch für die Bodendenkmalpflege ein wichtiges Betätigungsfeld, besonderes deshalb, weil die Archäologie des Mittelalters und der frühen Neuzeit in Zusammenarbeit mit benachbarten Fächern in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht hat. Gerade über die Entstehung und Entwicklung ländlicher Siedlungen wissen wir bisher sehr wenig. Hier gibt es noch wirklich Neues zu entdecken.

Zahlreiche archäologische Funde aus den verschiedensten Epochen sind auf dem Gemeindegebiet zu verzeichnen. Hier Objekte aus der Jungsteinzeit (ca. 5500 - 2200 v.Chr.): geflügelte und gestielte Feuersteinpfeilspitzen (oben) geschliffene Steinbeile (unten)

Die Bodendenkmäler sind fast ausschließlich unter Wald erhalten. Hier hat die Wirtschaftstätigkeit des Menschen noch am wenigsten in den Boden eingegriffen. Durch Ackerbau und Bautätigkeit sind sicher überall vorhandene Bodendenkmäler im Laufe der Zeit zerstört worden.

Wir sind in der glücklichen Lage, in allen Gemeindeteilen noch insgesamt über 40 Bodendenkmale zu haben. Es handelt sich vornehmlich um Gräber, Wälle und Altstraßenreste.

[Bild: Objekte aus der Jungsteinzeit]