Geheimnisvolles Gewächs an der Stadtgrenze

Baumgeschichten (II) - Die Fe(h)m(e)linde in Oerlinghausen

 

Oerlinghausen (pivo). Wer die fast auf der Grenze zur Nachbargemeinde Leopoldshöhe stehende „Femelinde“ aufsuchen will, sollte sich möglichst dramatisches Wetter aussuchen, alleine gehen und den Trampelpfad vorbei am Mausoleum der Tenge-Rietbergs wählen. Es lohnt sich! Denn wenn sich über der verwunschenen, zugesperrten Familiengruft und dem dahinterliegenden Wald zum Beispiel düstere Gewitterwolken turmhoch zusammenballen und Regentropfen den hellen Schein am Horizont in diffuses Licht verwandeln, glaubt man für einen kurzen Augenblick die kalte Hand von Dracula-Darsteller Christopher Lee auf der Schulter zu spüren. Und wenn dann noch die Blitze durch das triefnasse Blätterdach zucken, ist die Illusion perfekt und ein wohliger Schauder kriecht langsam den Rücken hinauf.

[Bild: Ein altes Foto der Femelinde aus dem Jahre 1925. Damals stand der Baum noch nicht so beengt wie heute.]

Diese Phantasie mag dem einen oder anderen etwas weit hergeholt erscheinen, sie gibt aber in etwa die „Aura“ wieder, die den uralten Baum am Stadtrand von Oerlinghausen umgibt. Man erzählt sich allerlei Geheimnisvolles über den Baum, konkret nachweisbar ist davon leider nichts. Alles in allem gesehen ist die Geschichte der Linde genauso schwammig wie ihr Name, für den es nicht weniger als drei Schreibweisen gibt: Fehmlinde, Femlinde und Femelinde.

[Bild: Knorrig und verwachsen wirkt der Stamm, wenn man ihn aus der Nähe betrachtet.             Repro/Foto: Pieper]

„Nicht weit vom Mausoleum, östlich vom Rittergute Niederbarkhausen, steht auf einer Anhöhe, dicht am Waldessaum, eine sehr alte, knorrige Linde mit wundervoller Krone und stattlichem Geäst“, schreibt Schulleiter Diekmann in seinem Buch „Die Geschichte der Bergstadt Oerlinghausen im Teutoburger Wald“, das 1936 aus Anlaß des 900-jährigen Stadtjubiläums erschien. Ein ganzes Kapitel widmet er darin dem Baum. Diekmann — damals schon deutlich in der nationalsozialistischen

Denkweise verhaftet - verliert sich allerdings zumeist in Spekulationen und allgemeinen Bemerkungen über die Femegerichte, so daß seine Ausführungen nicht besonders hilfreich sind.

„Die Feme kannte nur eine Strafe, den Tod!“ schreibt er zum Beispiel. „Außerdem konnten auch geringfügigere Sachen ,Vehmwruge‘ vor die Feme gezogen werden.“ Und weiter unten heißt es bei Diekmann: „Urkundlich steht ferner fest und läßt sich belegen, daß Barkhausen einen Fron, d. i. den Richter, den Vorsitzenden des Gerichts stellte. Es ist daher wohl anzunehmen, daß kleinere Polzeistrafen unter der ‚Femlinde' bei Barkhausen verhandelt wurden und daß der Fron . . . dann unter der Linde das Urteil fällte.“

Sollte die Oerlinghauser Linde ihren Namen wirklich von den Femegerichten des Mittelalters haben, könnte man schlußfolgern, daß der Baum schon im 14. Jahrhundert ein stattliches Alter gehabt haben muß. Denn vor etwa 600 Jahren waren Gerichte dieser Art „en vogue“. Bereits ein Jahrhundert später bröckelte ihr Einfluß langsam wieder ab.

Ob die Femelinde nun tatsächlich - wie Gerüchte besagen - 800 oder sogar 1.000 Jahre alt ist, wird man wohl erst feststellen können, wenn sie einmal tot umgefallen ist. Dann wird sich auch zeigen, ob der jetzige Baum - wie von manchen behauptet - aus der Mitte des vor langer, langer Zeit zerborstenen alten Stammes gewachsen ist. Aber von dieser letzten Gewißheit bleiben die Oerlinghauser hoffentlich noch lange verschont.