Mensch, Werner
Geburtstag: Am 11. April wird Oerlinghausens Heimatforscher Werner Höltke 90 Jahre alt. Ein Leben mit Tagebüchern, Tweten und Tönsberggeschichten
[Bild: Werner Höltke mit etwa 10 Jahren]
Oerlinghausen. „In der Schule haben wir schon viele Ausflüge gemacht. Der weiteste war bisher nach dem Hermannsdenkmal.“ In Schönschrift fasste der zehnjährige Werner Höltke im Jahre 1939 im Schulaufsatz seine ersten heimatkundlichen Gedanken zusammen. Am 11. April feiert er seinen 90. Geburtstag – aktiv, geistig topfit und deutlich jünger aussehend. Und aus seinen ersten Aufzeichnungen in Kinderschrift sind fünf Bücher über Alt-Oerlinghausen, ein Buch über die typischen Tweten (Gassen) der Bergstadt, zahlreiche Beiträge für die Zeitschrift des Lippischen Heimatbundes und ungezählte Tageszeitungsartikel entstanden.
„Werner ist das lebende Geschichtsbuch Oerlinghausens“, sagt Bürgermeister Dirk Becker, wenn man ihn nach Werner Höltkes Bedeutung für die Bergstadt fragt. „Was immer man auch über unsere städtische Vergangenheit wissen will – ein Anruf bei ihm und zumeist kann er schon nach kurzer Zeit präzise Auskunft geben.“ Dankbar ist Dirk Becker auch für die historische Hilfestellung, wenn Menschen aus aller Welt nach Vorfahren und Häusern in Alt-Oerlinghausen forschen und sich an die Stadtverwaltung wenden – wie kürzlich eine Familie Kuhlemeier, die an der Bahnhofstraße gelebt hatte.
Unersetzlicher Zeitzeuge der Heimatgeschichte
[Bild: Jung geblieben: Werner Höltke unternimmt auch mit 90 Jahren regelmäßig Spaziergänge durch „sein Oerlinghausen“. Foto: Horst Biere | © Horst Biere]
Auch Helmut Bracht, der Oerlinghauser Vereinsvorsitzende des Lippi sehen Heimatbundes, spricht von einem „unersetzlichen Zeitzeugen“ der Heimatgeschichte. Er kennt und schätzt das „Oerlinghausen-Wissen“ Höltkes schon seit ganz langer Zeit. Denn immer wieder hat Höltke die heimatkundlichen Abende mit spannenden Geschichten und Anekdoten bereichert.
Eigentlich wäre Werner Höltke gerne Lehrer geworden. Schon in Jugendjahren begeisterte er sich für Geschichte und auch heimatkundliches Wissen. Er hörte bei den Erzählungen seiner Großeltern und Eltern genau zu und hielt vieles in seinen Tagebüchern fest. Doch es ging ihm wie vielen anderen Jugendlichen jener Zeit. Der Krieg und die schwierigen Nachkriegsjahre machten ihm einen dicken Strich durch die Rechnung. So erlernte er notwendigerweise den Beruf des Heizungsbauers, doch privat begann er, sich intensiv mit der Heimatgeschichte zu befassen.
Er sammelte Hunderte von Fotos aus Alt-Oerlinghausen, er archivierte zahllose Ansichtskarten, die die Schönheit der „Sommerfrische und Bergstadt Oerlinghausen“ zeigten. Er besitzt heute eine stattliche Kollektion von einzigartigen historischen Notgeld-Scheinen aus Oerlinghausen und ganz Lippe. Und er verfügt über außergewöhnliche Raritäten aus der Kriegszeit wie die Flugblätter, die die Engländer und Amerikaner über Deutschland zum Ende des Zweiten Weltkriegs abwarfen und deren Besitz seinerzeit schwere Strafen nach sich zogen.
Doch in ihm nur einen Historien-Sammler zu sehen, wäre viel zu kurz gegriffen. Gerade seine geschichtlichen Vorträge sind es, die den interessierten Oerlinghausern die Lebensverhältnisse und auch humoristischen Situationen vor Augen führen und immer wieder begeistern. Oftmals unternimmt er mit Gruppen auch Wanderungen durch die Straßen oder die Waldwege und berichtet an vielen Stationen über geschichtliche Begebenheiten. Sei es die kuriosen Baderegeln im früheren Schopkebad, die Wasser- und Windmühlen des alten Dorfes oder seien es die Kriegsereignisse rund um den Tönsberg.
Auch die Geschichtsvereine anderer Orte, wie die in Leopoldshöhe oder Ubbedissen schätzen sein Fachwissen und laden Werner Höltke immer wieder zu Vorträgen ein. Und häufig unterhält er die Bewohner des Altenheims mit Geschichten aus der früheren Bergstadt. In Beiträgen für deren gut gemachte Zeitschrift ist Werner Höltke regelmäßig vertreten.
Da bleiben Ehrungen und öffentliche Anerkennungen natürlich nicht aus. Im Jahre 2004 erhielt Werner Höltke den Horst-Steinkühler-Preis. Die Lippische Rose in Silber überreichte ihm für seine Verdienste um die Heimatgeschichte der Geschäftsführer des Lippischen Heimatbundes.
Legendär allerdings sind die stets gut besuchten Vortragsabende im Jägerhaus, die einmal im Monat stattfinden. „Auf insgesamt 159 Vorträge hat es Werner Höltke seit 1995 mittlerweile gebracht“, verriet kürzlich Werner Nowak, der oft das historische Bildmaterial aufbereitet. Und es wird ruhig im Saal, wenn Werner Höltke mit bescheidenem, sympathischem, lippischen Tonfall den Abend mit „Liebe Anwesende, schön dass Ihr da seid“ eröffnet.