95 Oerlinghauser Jahre
Stadtgeschichte - Zum Geburtstag von Werner Höltke
Werner Höltke hat heute Geburtstag. Der Heimatexperte kennt die Historie der Stadt wie wohl kein Zweiter. Immer noch sind seine Vorträge gut besucht. Sechs Bücher hat er herausqebracht.
[Bild: Frisch und munter. Auch mit 95 Jahren beschäftigt sich Werner Höltke intensiv mit seiner Heimatstadt Oerlinghausen. In der Hand hält er den fünften Band seiner Geschichten aus „Alt-Oerlinghausen". | © Horst Biere]
Oerlinghausen. Geschichtsforschung scheint den Menschen jung und frisch zu halten. 95 Jahre alt wird Heimatexperte Werner Höltke am heutigen 11. April. Und immer noch berichtet Werner bei den Veranstaltungen des Heimatvereins über Geschichte und Geschichten, über Tönsbergwege und Tweten, über Sennesand und Schopkestrand.
„Werner ist das lebende Geschichtsbuch Oerlinghausens“, sagt Bürgermeister Dirk Becker, wenn man ihn nach Werner Höltkes Bedeutung für die Bergstadt fragt. „Was immer man auch über unsere städtische Vergangenheit wissen will - ein Anruf bei ihm, und zumeist kann er schon nach kurzer Zeit präzise Auskunft geben“. Dankbar ist Dirk Becker auch für die historische Hilfestellung, wenn Menschen aus aller Welt nach Vorfahren und Häusern in Alt-Oerlinghausen forschen und sich an die Stadtverwaltung wenden.
Der Tönsberg war ein Abenteuerspielplatz
Amüsiert verfolgten kürzlich die Gäste beim Treffen des Heimatvereins im Jägerhaus Werner Höltkes Schilderungen über seine Jugendzeit in den 1930er Jahren „Die Detmolder Straße vor meiner Haustür wurde damals so wenig befahren, dass wir als Kinder da Fußballspielen konnten“, berichtete er, „kam mal ein Auto oder Pferdefuhrwerk vorbei, rückten wir einfach zur Seite.“ Der Tönsberg bildete stets den größten Abenteuerspielplatz: „Gefährlich, aber sehr interessant war für uns Jungens das Klettern in den Steinbrüchen“, schilderte er damalige Kinderspiele, die heute völlig undenkbar wären. Und er erzählte von einer lustigen Begebenheit: „Ich erinnere mich an ein Grammophon, das die älteren Jungen auf der Wiese abgestellt hatten. Damit hörten wir immer wieder den alten Schlager: Ich hab‘ das Fräulein Helen baden sehn“. Bedrohlich erschienen dem jugendlichen Höltke dann die Ereignisse des Kriegsendes in Oerlinghausen „Während der Kämpfe in unserer Stadt war ich allein in meinem Elternhaus und erlebte, wie die amerikanischen Panzer die Straße entlang rollten und die Begleitsoldaten auch in unser Haus kamen“.
Eigentlich wäre Werner Höltke gerne Lehrer geworden. Schon in Jugendjahren begeisterte er sich für Geschichte und auch heimatkundliches Wissen. Er hörte bei den Erzählungen seiner Großeltern und Eltern genau zu und hielt vieles in seinen Tagebüchern fest Doch es ging ihm wie vielen anderen Jugendlichen jener Zeit: Der Krieg und die schwierigen Nachkriegsjahre machten ihm einen dicken Strich durch die Rechnung So erlernte er notwendigerweise den Beruf des Heizungsbauers, doch im privaten Bereich begann er, sich intensiv mit der Heimatgeschichte zu befassen.
Er sammelte zahllose Fotos aus Alt-Oerlinghausen, er archivierte Ansichtskarten der Bergstadt, die die Schönheit der „Sommerfrische Oerlinghausen“ zeigten. „Weit mehr als 1.000 Bilder in allen Größen, sind nunmehr in meinem Archiv“, sagte er, „historische Notgeldscheine aus Lippe, etwa 150 Bleistiftzeichnungen meines Freundes Ernst Meier und viele verschiedene Flugblätter, die während des Krieges über unserer Region von den Alliierten abgeworfen wurden“.
Da bleiben Ehrungen und öffentliche Anerkennungen natürlich nicht aus. Im Jahre 2004 erhielt Werner Höltke den Horst-Steinkühler-Preis. Die Lippische Rose in Silber des Lippischen Heimatbundes überreichte man ihm für seine Verdienste um die Heimatgeschichte. Und Ehrenvorsitzender des Oerlinghauser Heimatvereins ist er längst.
Auch die Geschichtsvereine anderer Orte, wie die in Leopoldshöhe oder Ubbedissen schätzen sein Fachwissen und laden Werner Höltke immer wieder zu Vorträgen ein. Und häufig unterhält er die Bewohner des Altenheims mit Geschichten aus der früheren Bergstadt. In Beiträgen für deren gut gemachte Zeitschrift ist er regelmäßig vertreten. Fünf hübsch bebilderte Bücher über Alt-Oerlinghausen hat er mittlerweile herausgebracht Weiterhin einen Band über die Oerlinghauser Stiegen und Gassen, die sogenannten Tweten
30 Vorträge hat Höltke noch in petto
Doch seinen hohen Bekanntheitsgrad hat Werner Höltke vor allem durch seine Vortragsveranstaltungen gewonnen. Auf der letzten Versammlung des Heimatvereins stellte Schriftführer Werner Nowak die Bilanz von Höltkes Vorträgen vor. „Seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahre 2005“, sagte er, „hat Werner mehr als 180 Vorträge ausgearbeitet und vorgestellt.“ Zu den bestbesuchten Veranstaltungen zählten seine Vorträge über den Berggasthof Tönsbergshöhe und über das Leben von August Westerheide, der erst vor kurzem stattfand. Und Werner Höltkes Zukunftsplanung? „Um die 30 Vorträge hätte ich noch in petto Wenn, der da oben mich nur lässt“, sagt er mit bescheidenem, lippischen Tonfall.